Kann die Emission von Treibhausgasen eingedämmt werden, die für den Klimawandel verantwortlich gemacht wird? Am Montag beginnt auf Bali eine zweiwöchige Klimakonferenz, die Hoffnungen sind groß. Karsten Smid, Klimaexperte von Greenpeace Deutschland ist optimistisch, man dürfe “nicht schon im Vorfeld die Ergebnisse von Bali klein reden”.
RE: Schon im Vorfeld der Konferenz warnen Viele vor zu hohen Erwartungen – wie groß ist die Gefahr, dass die Konferenz ergebnislos scheitert und was wären die Folgen für unser Klima?
Smid: In seinem dreiteiligen Bericht stellt der Weltklimarat (IPCC) in diesem Jahr fest, dass die Auswirkungen des Klimawandels bereits zu spüren sind. Das betrifft vor allem die ärmsten Länder der Welt. Auf der UN-Klimakonferenz auf Bali im Dezember 2007 müssen deshalb die Weichen gestellt werden, um den Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur auf deutlich unter 2 Grad Celcius gegenüber dem vorindustriellem Niveau zu begrenzen. Australien will Kyoto ratifizieren, die Bush-Regierung ist isoliert. Die Chancen für einen Durchbruch in Bali sind gut!
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Verhandlungsspielraum. Wenn nicht gehandelt wird, geht das Land unter.”
RE: Wo sehen Sie die größte Konfliktpotentiale bzw. den geringsten Verhandlungsspielraum auf der Konferenz?
Smid: Wir dürfen auf keinen Fall schon im Vorfeld die Ergebnisse von Bali klein reden. In Bali geht es um globale Klimagerechtigkeit. Die größten Treibhausgasproduzenten sind die reichen Industriestaaten. Die Folgen der Klimaerwärmung spüren in erster Linie die Ärmsten der Armen. Die Klimazerstörung ist ein Zeichen globaler Ungerechtigkeit, das müssen wir ändern. Für einen Inselstaat wie Tuvalu gibt es keinen Verhandlungsspielraum. Wenn nicht gehandelt wird, geht das Land unter.
RE: Wie sehen die Ziele aus, die im Idealfall angestrebt werden – decken diese sich mit Ihren Vorstellungen?
Smid: Spätestens bis Ende 2009 muss die Weltgemeinschaft das
Kyoto-Anschlussprotokoll verabschiedet haben. Darin müssen 5 Punkte enthalten sein:
(1) Die Industrieländer müssen ihren Ausstoß von Treibhausgasen um mindestens 30 Prozent bis 2020 senken (Referenzjahr 1990).
(2) Die weltweiten Emissionen müssen bis zur Mitte des Jahrhunderts halbiert werden.
(3) Entwicklungsländer brauchen technologische Unterstützung, um bei der Industrialisierung den Pfad eines geringen CO2-Ausstoßes mit Erneuerbaren Energien zu beschreiten.
(4) Die Abholzung und Degradierung der letzten großen intakten Urwälder muss bis spätestens 2010 gestoppt werden.
(5) Die Entwicklungsländer brauchen eine verlässliche Finanzierung zum Schutz ihrer Wälder und finanzielle Hilfen für Anpassungsmaßnahmen gegenüber dem Klimawandel.
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RE: Die Kanzlerin hatte kürzlich erst eigens auf die bislang nicht genügend eingehaltenen Selbstverpflichtungen Deutschlands hingewiesen und befürchtet deshalb ein Glaubwürdigkeitsproblem der gesamten EU. Könnte das auf Bali ein Problem sein?
Smid: Ja, auch Deutschland hat ein Glaubwürdigkeitsproblem, solange die Politik nichts gegen den Bau von 24 geplanten Kohlekraftwerken unternimmt. Der persönliche Klimaberater von Kanzlerin Angela Merkel ist der Vattenfall-Chef Lars Göran Josefsson, der keine Alternative zur Verfeuerung von Kohle kennt. Da sind Interessenkonflikte vorprogrammiert. Diese Industriehörigkeit deutscher Politiker ist zweifelsohne ein großes Problem.
RE: Erfahrungsgemäß handeln Menschen erst, wenn es an ihren Geldbeutel geht. Muß Energie also teurer und erst stärker als Luxusgut ins Bewußtsein gerückt werden, damit sparsamer damit umgegangen wird?
Smid: Wir gehen trotz gestiegener Energiepreise noch viel zu verschwenderisch mit Energie um. Langfristig wird Energie so oder so teurer werden. Wer heute in Vermeidung von Energieverbrauch investiert, handelt vorausschauend und wird von einer kommenden Preisspirale nicht überrascht werden.
RE: Die Frage aller Fragen: Was kann jeder Einzelne in seinem Alltag gegen den Klimawandel tun?
Smid: Jeder kann an seinem Alltagsverhalten etwas verändern. Beispielsweise zu einem ökologischen Stromanbieter wechseln, beim nächsten Autokauf eine Fahrzeugklasse niedriger wählen (das entlastet auch den Geldbeutel) oder beim Urlaub 2008 lieber mit dem Zug nach Sylt statt mit dem Flugzeug auf die Seychellen.
RE: Und wie kann er Politiker dazu zwingen, mehr für den Klimaschutz zu tun?
Smid: Umweltminister Gabriel und Kanzlerin Merkel müssen sich eindeutig zum deutschen Klimaschutzziel von 40 Prozent Treibhausgas-Reduktion bis 2020 bekennen – Ohne Wenn und Aber. Jeder Bürger sollte sich gegen den Bau neuer Kohlekraftwerke engagieren und selbstverständlich beim weltweiten Klimaaktionstag am 8. Dezember mitmachen.
RE: Vielen Dank für die Beantwortung der Fragen.
Interview: Felix Kubach
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Karsten Smid ist Mitbegründer des Wissenschaftsladen München. Seit 1990 ist er bei Greenpeace Kampagnenleiter im Bereich ‘Verkehr, Klimaschutz und Öl’; 1990 bis 2000 war er Koordinator der mobilen Luftmessstation von Greenpeace. (Quelle: www.gegenworte.org)
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