Vorbei. Geschafft. Der „Leader der Nation“ hat den verdienten Vertrauensbeweis bekommen, seine Partei die absolute Mehrheit eingefahren. Sollen doch die Marginalen wie der basisorientierte Ex-Schachweltmeister Garri Kasparow von der Vereinigten Bürgerfront, Jelzins Ziehsohn und frühere Vizepremier Boris Nemzow von der liberalen Union der Rechtskräfte und der ewige Neinsager Grigorij Jawlinski von der linksbürgerlichen Jabloko auf der Straße randalieren.
Chefsessel im Weißen Haus
Als ein Rundfunkmoderator den ehrenwerten Senator Jurij Scharandyn von der mächtigen Kremlpartei fragt, was denn der Präsident nun jetzt wohl aus dem Sieg machen wird, zuckt der Mann verlegen zurück. Er zählt nicht einmal die Varianten auf: Chefsessel im Weißen Haus, wo die Regierung tagt, Chefdirigent in dem Haus, welches gerade gewählt wurde, aber laut Parteichef Boris Gryslow nicht der Ort für Debatten ist, oder aber vielleicht doch Politrentner. Den „Plan Putin“, Trumpf in der Wahlschlacht, erwähnt er nicht einmal. Was damit wohl gemeint ist?
Auf Arbeit wird nicht über die Wahlen gesprochen. Nur ganz Linientreue wagen sich vorsichtig auf das Glatteis. Es ist ihnen peinlich, sagt meine Frau. Im Internet brodelt es derweil. Schon am Wahlabend ging es los. Zahlen aus den verschiedenen Wahlkreisen zirkulieren. Da heißt es doch wirklich, irgendwo im fernen Sibirien hat Einheitliches Russland nur etwa 35 Prozent bekommen. Jabloko soll in einem Städtchen im Fernen Osten bei 10 Prozent gelandet sein. Aus dem Ural werden von einem Wahlbeobachter 20 Prozent für Nemzow gemeldet. Die Wut kocht hoch.
Säuberungen und Stühlerücken
Die Wahlsieger gehen auch recht lustlos in den Tag. Von Säuberungen und Stühlerücken in Partei und Fraktion wird gemunkelt. So effektiv, wie es oft scheinen mag, war die Truppe in der Vergangenheit tatsächlich nicht. Möglicherweise fürchtet Dieser oder Jener um seinen Sessel. Gryslow soll es an den Kragen gehen. Eigene Ambitionen habe der bisherige Vorsteher der Staatsduma erkennen lassen. Oder wiederum nur eine Schlammschlacht mit Komprimaten, mit der man den Konkurrenten ausschalten kann, wie die Zeitung Vedomosti von einem Gewährsmann erfahren haben will.
Der Chef der geheimnisumwobenen Anti-Drogen-Behörde hat in einem Artikel für eine andere große und solide Wirtschaftszeitung, dem Moskauer Kommersant, gefleht: Stellt den Bruderkrieg ein. Einer seiner Generäle ist hinter Gittern gelandet. Die Handschellen ließen die Schlapphüte vom FSB auf dem Flughafen klicken, als der Unglückliche gerade gelandet war. Fast hätte es einen Schusswechsel mit den Bodyguards gegeben. Der Mann, Alexander Bulbow heißt er, soll die Konkurrenz abgehört haben, angeblich auf Weisung von ganz Oben. Wirtschaften in die eigene Tasche wird ihm auch noch vorgeworfen.
Der Stellvertreter des Finanzministers wurde eingelocht. Die Presse spekuliert, der Schlag geht gegen den obersten Kassenwart, der den mit Petrodollars prall gefüllten Stabilitätsfonds nicht antasten lassen will. Nicht einmal, um die vielen neuen Staatskorporationen so richtig mit Geld auszustatten. Einen Inflationsschub befürchtet er. Vizepremier Kudrin, ein Duzfreund des Präsidenten aus gemeinsamen Zeiten in Sankt Petersburg, wie man sagt, bittet inständig, ich muss den Mann sprechen. Dem Staatssäckel gehen Riesensummen durch die Lappen. Nur er, Sergej Stortschak, weiß Bescheid. Vergebens.
Feindliche Übernahmen
Ein gewitzter Geschäftemacher, der bisher der Öffentlichkeit unbekannte Oleg Schwarzman, erzählt der großen Wirtschaftszeitung von staatlich organisierten feindlichen Übernahmen, unter der Obhut und abgesichert vom FSB und vom Innenministerium. „Sanfte Reprivatisierung“ nennt er den Job. Mit dem Finger zeigt er auf den stellvertretenden Chef der Kreml-Verwaltung, den allmächtigen Igor Setschin. Natürlich muss dem Journalisten der Prozess gemacht werden. Alles entstellt. Dennoch, die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung kündigte umgehend die Zusammenarbeit mit Schwarzmans FinansGrup auf, so eine Pressemitteilung des ehrbaren Hauses.
Der oberste Chef mag unterdessen nicht mit der Faust auf den Tisch hauen. Die Seinen staucht er nicht gerne zusammen. Er ist viel liberaler, als man oft glaubt, sagt Alexander Rahr von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik der Readers Edition. Nach den Wahlen wird in Russland nun alles berechenbar, denkt er. Keine Amigos und kein Filz mehr, nur noch Parteien mit Gegengewichten. Stabilität zieht ein, bestätigt Rahr dem Berliner Tagesspiegel.
Der Leader hat es nun eilig. Lange will er die erste Tagung der Staatsduma nicht aufschieben. Es muss gehandelt werden. Die Order ist ergangen. Außerdem soll nun in den nächsten zwei Wochen auch endlich der Name des Nachfolgers publik gemacht werden. Im März sind die Wahlen. Spannung knistert vor dem Sonderforum der Kremlpartei, der noch vor Neujahr zusammentreten soll. Was macht Putin, der Meister überraschender Schachzüge, nun aber wirklich? Fragen über Fragen.
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