Volly Tanner sprach mit Melanie Trommer, einer jungen Frau, die sich aus der Hilflosigkeit befreit hat und hilft. Jetzt und direkt!…
VT: Melanie, was ist genau Deine Aufgabe beim Projekt Restaurant des Herzens?
MT: Eigentlich habe ich gar keine feste Aufgabe da, ich helfe dort nur öfter mal mit. Jedesmal wenn ich dort war, hatte ich vorher in meinem Freudes-, Bekannten- und Verwandtenkreis nach Sachspenden für das RDH gefragt.
Und da ich dadurch merkte, dass mehr Leute helfen wollen und können, als ich und sie selbst dachten, habe ich mir gedacht, man müsse da mal eine viel größere, flächendeckendere Aktion auf die Beine stellen können. Wenn man so will, habe ich mir diese Beschäftigung für’s RDH, nennen wir es mal Sponsorenaquise, selbst gesucht.
VT: Was machst Du, wenn Du nicht für’s Restaurant für Herzen tätig bist?
MT: Naja, mal abgesehen davon, dass ich in einer Buchhandlung arbeite, kümmere ich mich noch um meinen Hund.
VT: Wie kam es zur Zusammenarbeit mit dem RDH?
MT: Ich bin letztes Jahr eigentlich eher durch einen Zufall als Helferin im Restaurant gelandet. Nach erfolglosen Bewerbungen in einigen SOS-Kinderdörfern (bin ja gelernte Erzieherin) und der Mitarbeit im Kindernotdienst Leipzig, rief ich bei den “Leipziger Tafeln” an, um über die Weihnachtsfeiertage zu helfen. Dort wurde dann ans RDH bzw. Sabine (die gute Seele des Restaurants) verwiesen, da die Tafeln über die Weihnachtsfeiertage geschlossen haben. Und ehe ich mich versah, stand ich “Heilig Abend” inmitten von Tischen und servierte warmes Essen an sympathische Menschen. Nach meinen ersten Erlebnissen im Restaurant war ich Feuer und Flamme für dieses “Projekt” und so sammelte ich eben das Jahr über primär im Freundes-, Bekannten– und Familienkreis Sachspenden, die ich dann bei meinen “Helfertagen” mitnahm. Und vor einigen Monaten reichte mir das nicht mehr. Da musste doch mehr möglich sein. Denn viele Leute wollen helfen und wissen nur nicht wie oder haben Angst, dass sie dabei übers Ohr gehauen werden.
“Da das RDH sehr direkt an den Menschen dran ist, kommt ja die Hilfe auch sofort an.”
Ich rief Sabine an und holte mir ihr (begeistertes) “ok” und legte los. Ich entwarf einen Flyer, ließ ihn über 100 mal drucken und verteilte ihn in Leipziger Briefkästen, an Straßenlaternen, Fahrrädern und Autos. Ich schickte ihn per Email an sämtliche großen und kleinen Unternehmen, an die Pressestelle der Agentur für Arbeit und die Rentenversicherungen.
Ich involvierte Molkereien (wir brauchen dringend Milch für die Kids!!!!) und stand in Supermärkten auf der Matte. Ich debattierte mit störrischen Bezirksleitern und kämpfte mit meinem schrillenden Handy, welches mir vom ersten Tag an durch das Feedback meiner Aktion die Ohren sausen ließ. Vom Geschäftsführer des Leipziger Eisdoms bis hin zur ältesten Oma Leipzigs bekomme ich Hilfe für mein “kleines Projekt”. Herr Witt (Eisdom Geschäftsführer) gönnte seinem silbernen Kugelschreiber keine Pause, während unseres Treffens, und nun ist mein Spendenaufruf auf seiner Website verlinkt. Außerdem stellte er großzügigerweise 150 kostenlose Eintrittskarten für die Besucher des Restaurants zur Verfügung und sammelte während der Öffnungszeiten seines Hauses Sachspenden der Besucher.
Also hab’ ich mir zur Aufgabe gemacht, meine Mitmenschen über die Armut dieser Stadt – und primär über das Tun des RDH in Kenntnis zu setzen und aufzufordern/zu bitten, gemeinsam etwas für die Bedürftigen – und damit gegen Hunger und Ausgrenzung zu unternehmen. Es wird am 24.12. eine “ganz normale” Weihnachtsfeier für die Besucher des Restaurants geben und neben musikalischem Rahmenprogramm werden zwei Weihnachtsmänner die anwesenden Kinder beschenken.
Aus diesem Grund habe ich auf dem erstellten Flyer ausdrücklich darum gebeten, gut erhaltenes Spielzeug und Schulsachen zu spenden. Aber wir brauchen für den Alltagsbetrieb auch zwei neue Tiefkühltruhen, 50L-Töpfe und vor allem Milch!!
VT: Hast Du eine ganz persönliche Idee, wie das Problem der immer weiter fortschreitenden Kinderverarmung zu lösen ist?
MT: Also, wenn es eine Patentlösung gäbe und ich sie hätte, würden wir jetzt nicht darüber reden, sondern ich wäre irgendwo anders, um sie umzusetzen.
Aber im Ernst, die Kinderarmut ist ja kein Phänomen, das man allein aus dem Kontext herausgelöst betrachten kann. Zur vollständigen Lösung des Problems bedarf es sicherlich auch der Beseitigung von jeder Menge anderer Defizite in unserer Gesellschaft.
“Armut wird vererbt.”
Das heißt, man muss auf sozialpolitischem Weg versuchen den Entwicklungsdefiziten, der Unterversorgung und sozialer Ausgrenzung durch die beschränkten finanziellen Verhältnisse zu Leibe zu rücken. Ich befürchte, dass sich das Problem der Kinderverarmung nie ganz lösen lassen wird. Ziel muss es daher sein, dass jeder seinen Teil der Verantwortung übernimmt, um das Maximum des Möglichen zu erreichen und unseren Kindern eine bessere Zukunft zu ermöglichen.
Dazu gehört soziales Engagement genauso wie eine sozialverträgliche Familienpolitik. Diese sollte z. Bsp. Eltern von ihren Alltagssorgen entlasten, damit Väter und Mütter, egal ob allein erziehend oder in Partnerschaften, sich bestmöglich um ihre Kinder kümmern können. Dabei geht es nicht alleine um die finanzielle Entlastung, sondern um die Veränderung der Rahmenbedingungen wie z. Bsp. die Verbesserungen bei der Suche der Eltern auf dem Arbeitsmarkt, die Verbesserung in der Familienbetreuung oder bei der Schaffung von Kita- und Kindergartenplätzen.
Kurzfristig gilt es ebenso verbesserte Hilfestellung und Kontrolle von Familien in sozialen Problembereichen zu bieten, denn Statistiken zeigen, dass gerade in sozial schwachen Strukturen das Problem der Kinderverarmung häufiger auftritt. Langfristig sind Maßnahmen gefordert, die Ursachen in den Familien aufspüren und bekämpfen, denn die Kinderverarmung ist nur eines von vielen Symptomen einer krankenden Gesellschaft, die unser aller Hilfe bedarf.
Wichtig wären Überlegungen bezüglich erneuter Einführung von Einmalleistungen für Schulbedarf bei bedürftigen Familien, sowie ein Rechtsanspruch auf KOSTENLOSE Ganztagsbetreuung für jedes Kind.
Man könnte eine Art “Sozialfonds” einrichten, aus dem das Land/die jeweilige Stadt das komplette Schul- und Kitaessen bezahlt.
Dass Hartz IV komplett abgeschafft werden müsste und das Kindergeld nicht mehr auf die Grundsicherungsleistungen der Familien angerechnet werden dürfte muss ich sicher nicht extra betonen.
Der Weg von Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen zum Gesetzentwurf zur Einführung eines Rechtsanspruchs auf einen Krippenplatz ab 2013 ist ein Schritt in die richtige Richtung, jedoch sollte dringend von der (durchaus zu recht) umstrittenen “Herdprämie” Abstand genommen werden. Derlei Zahlungen setzen bei Familien die am Existenzminimum leben (müssen) die völlig falschen Prioritäten und gefährden nicht nur die Sicherung der Finanzierung des Ausbaus der Krippenplätze sondern setzen auch die falschen Bildungs- und gesellschaftspolitischen Anreize. Indem man Müttern das Zuhausebleiben “schmackhaft” macht, führt man nicht nur die Frauen unversehens in die Armut (nach einer “normalen” Babypause stehen die Chancen auf Wiedereinstieg in den Beruf schon schlecht genug), sondern nimmt außerdem auch deren Kindern die Möglichkeit, gesunde soziale Erstkontakte zu knüpfen und kompetente Betreuung und Bildung zu erfahren. Derlei Gelder sollten besser in das direkte Leben der Kinder investiert werden (mehr KiTas, betreute Freizeitangebote, Ganztagsschulen und KOSTENLOSE Bildungsangebote).
Betriebskindergärten und Ganztagsschulen einzuführen hätte sogar einen doppelten Effekt: die Kinder armer Mütter würden betreut und deren Mütter könnten einer Vollzeitbeschäftigung nachgehen.
Durch Sach- oder Geldspenden Initiativen wie z. Bsp. das RESTAURANT DES HERZENS zu unterstützen, die direkt und zuverlässig helfen, ist dabei eine der zahlreichen kurzfristigen Möglichkeiten, die sich Jedem bietet.
“Langfristig wäre es mir lieber, man könnte auf Einrichtungen dieser Art verzichten, weil die Notwendigkeit nicht mehr bestünde.”
Aber es ist auf jeden Fall ein Anfang, bei dem jeder mithelfen kann, der das Bedürfnis verspürt, zu helfen.
Wer einmal in die Augen eines Kindes gesehen hat, das strahlende Augen bekommt, wenn man ihm ein Glas Kakao auf den Tisch stellt – den überflutet das Gefühl unbändiger Wut und hilflosem Mitgefühls – obwohl es doch eigentlich schön ist, wenn Kinder sich noch freuen können. Nur sollten es in einem Wohlstandstaat wie unserem doch eigentlich Dinge wie ein neues Fahrrad oder eine neue Puppe sein – statt selbstverständlicher Nahrungsmittel.
VT: Danke Melanie!
Und hier noch die Daten zum Restaurant des Herzens:
www.restaurant-des-herzens.de
BORNAISCHE STR. 120/ LEIPZIG
Sitz des Vereins:
Brühl 69, 04109 Leipzig (Anfahrt)
(im Ibis Hotel Leipzig Zentrum)
Tel. (0341) 21 86-0
Fax (0341) 21 86-222
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