Für Überraschungseffekte ist Russlands Präsident Wladimir Putin immer gut. So kommt die Entscheidung für Dimitri Medwedjew * Дмитрий Медведев als Wunsch-Nachfolger reichlich unerwartet. Der 41-jährige Jurist, der sich im Westen großer Beliebtheit erfreut, schien bereits den Weg auf das Abstellgleis eingeschlagen zu haben. Seine Chancen für eine Präsidentschaftskandidatur galten seit der Ernennung Subkows * Зубков zum Ministerpräsidenten eher als gering.
Nun kam die Wende: Putin kürte Medwedjew zum Wunschkandidaten. “Er kenne Medwedjew schon seit 17 Jahren und habe die ganze Zeit eng mit ihm zusammengearbeitet”, sagte Putin. Folgerichtig beeilten sich die putintreuen Parteien “Einiges Russland” * “Единая Россия”, “Gerechtes Russland” * “Справедливая Россия”, die Agrarpartei * Аграрная Партия und die Partei “Bürgerkraft” * “Гражданская сила” den ersten Vizepremier Dmitri Medwedjew als Kandidaten für das Amt des Präsidenten der Russischen Föderation vorzuschlagen. Damit ist die Entscheidung, wer der neue russische Präsident wird, so gut wie sicher.
Um wen handelt es sich nun bei dem vorgeschlagenen Kandidaten?
Allgemein gilt Medwedjew als Vertreter eines liberalen Kurses, er war beispielsweise für die Umsetzung zahlreicher Sozialprogramme verantwortlich. Außerdem ist er Aufsichtsratsvorsitzender des Staatskonzerns Gazprom. Er zeigte mehr als einmal Talent zu Kompromiss und Diplomatie. Als Mann Putins sichert er die Kontinuität der Macht.
Seit Anfang der neunziger Jahre folgte Dimitri Medwedjew stets treu dem Ruf Wladimir Putins. Der am 14. September 1965 geborene Medwedjew stammt wie Putin aus St. Petersburg, dem ehemaligen Leningrad, wo er in einem Arbeiterviertel aufwuchs. Nach seinem Jurastudium spezialisierte er sich auf Wirtschaftsfragen und lehrte an der St. Petersburger Universität. Zugleich saß er von 1991 bis 1995 während der Amtszeit des reformorientierten Bürgermeisters Anatoli Sobtschak * Анатолий Собчак im Ausschuss für Auswärtige Beziehungen. Sein damaliger direkter Vorgesetzter, in dem vor allem für ausländische Investitionen zuständigen Gremium, war der Ausschussvorsitzende Wladimir Putin.
Der Lohn für die Mühe und Loyalität ließ nicht lange auf sich warten: Noch im Wahljahr 2000 stieg Medwedjew zum Vize-Stabschef auf – ein Amt, das er später auch als Chef innehaben sollte. Ebenfalls seit dem Jahr 2000 war er als Kreml-Vertreter in der Führung des Gazprom-Konzerns an der Liberalisierung des Energieriesen maßgeblich beteiligt. Später wurde er Vorsitzender des Gazprom-Aufsichtsrates.
Medwedjew selbst bezeichnet sich als Pragmatiker. “Ideologie ist eine schädliche Sache”, sagte er einmal vor Journalisten. Seine Ansichten in der Außenpolitik seien “europäisch”, meinte er und in Sachen Demokratie und Marktwirtschaft hält er sich für einen Liberalen. Eine Sorge teilt er ganz ausdrücklich mit seinem Ziehvater, der bei der Parlamentswahl im Dezember für sich unter dem Motto “Ich oder das Chaos” warb: Die “Stabilität” seines Landes liege auch ihm am Herzen, betont Medwedjew.
Im Unterschied zu dem früheren Verteidigungsminister Iwanow, der lange als Favorit für das Präsidentenamt galt, hegt Medwedjew keine eigenen Ambitionen auf die Rolle eines absoluten Herrschers. Er gehört auch keinem der mächtigen Clans an, die sich im Zuge der Diadochenkämpfe im Kreml mit harten Bandagen bearbeiten. Und da er über keine eigene Hausmacht verfügt, dürfte er die Rolle des Garanten, der das Gleichgewicht zwischen den Interessengruppen wahrt, vertrauensvoll ausfüllen.
Das liberale Image des designierten Präsidenten ist jedoch nicht mehr als Fassade
Unter Putin hat er den Rückbau des Staates nach autoritärem und zentralistischem Muster bewusst mitbetrieben. Als Chef der Gazprom-Media liquidierte er gleich zu Beginn der Putin-Ära den unabhängigen privaten TV-Sender NTW.
Man sollte aber hinsichtlich der Empfehlung Putins auch nicht allzu sicher sein. Putin war und ist wie gesagt Freund von Überraschungscoups. So wäre es beispielsweise auch möglich, dass er den stellvertretenden Vizepremier Iwanow als zweiten Kandidaten später noch ins Rennen schickt. Dies hätte einen Vorteil, dass die Präsidentschaftswahlen als echte Entscheidungswahl verkauft werden könnten.
- Russlands neuer Zuchtmeister
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