Mit den Zeitungen stirbt die Pressefreiheit

Ein Zug entgleist – eine Journalistin und ein Journalist machen sich an die Recherche. Sie ist neu im Geschäft und arbeitet in Chicago für den “Globe”. Er ist ein alter Hase, will von der täglichen Jagd nach Neuigkeiten nicht mehr viel wissen und schreibt lieber Bücher, doch der “Chronicle” setzt

niju.jpgEin Zug entgleist – eine Journalistin und ein Journalist machen sich an die Recherche. Sie ist neu im Geschäft und arbeitet in Chicago für den “Globe”. Er ist ein alter Hase, will von der täglichen Jagd nach Neuigkeiten nicht mehr viel wissen und schreibt lieber Bücher, doch der “Chronicle” setzt ihn auf die Geschichte an.

So ist es auch in Deutschland noch in den 70er Jahren gewesen. Im Rhein-Main-Gebiet beispielsweise gab es mehrere Tageszeitungen, die auch noch mehrmals täglich erschienen. Saß man an einem Samstag gegen 18 Uhr in einem Weinlokal, konnte man die Uhr nach dem Auftauchen des Zeitungsjungen stellen, der mit der ersten Nachtausgabe einer Frankfurter Boulevardzeitung über dem Arm auftauchte und druckfrische Spielberichte aus der Bundesliga anbot. Wenn sich politische Ereignisse überschlugen, druckten die Verlage Sonderausgaben, die vor den Bahnhöfen und auf belebten Plätzen verkauft wurden.

Sie ist immer schneller

Die Redakteurin des “Globe” und der Redakteur des “Chronicle” beginnen also mit der Recherche. Sie ist immer schneller als er. Die Auflage des “Globe” steigt, der alte Hase sieht immer älter aus. Die Ereignisse spitzen sich zu, bis sie sich zur Zusammenarbeit entschließen, um besser gewappnet zu sein gegen alle, die mit allen Mitteln verhindern wollen, dass die wahren Hintergründe der Zugkatastrophe ans Licht der Öffentlichkeit kommen.

So ist es auch in Deutschland gewesen. Finanzkräftigere Verlage stürzten sich auf finanzschwächere Verlage, boten eine Kooperation oder zettelten einen gnadenlosen Vernichtungskampf an, der immer mehr Zeitungen in die Knie zwang. Kaum jemand verteidigte die Meinungsfreiheit gegen diese Attacken von Verlegerseite.

Dann Kooperation

Eine Zeitlang gehen die Redakteurin des “Globe” und der Redakteur des “Chronicle” zwar Seite an Seite in die Nachrichtenschlacht, aber was sie bei ihren Recherchen erfahren haben, halten sie voreinander noch geheim. Doch als die Jagd nach Nachrichten immer gefährlicher wird, geben sie auch diese Geheimnistuerei auf und schmeißen die Klamotten zusammen.

So ist es auch in Deutschland gewesen. Die übrig gebliebenen überregionalen Zeitungen beschäftigten fortan die gleichen Auslandskorrespondenten, in fast jeder Stadt gab es nur noch eine Zeitung. In Hannover sind es noch zwei: die “Neue Presse” und die “Hannoversche Allgemeine Zeitung“. Die eine hat einmal der SPD gehört, die andere ist schon immer konservativ gewesen. Beide gehören zum Madsack-Konzern, an dem die SPD in Erinnerung an alte Zeitungszeiten mit 24,9 Prozent beteiligt ist. Den Anzeigenmarkt beackern sie gemeinsam – und die Redaktion der “Bild”-Zeitung sitzt im gleichen Hochhaus.

Die Nachrichten von bundeslandes-, bundes- und weltweiter Bedeutung kommen von der Deutschen Presseagentur – und wer sich bei Bundes- oder Landesministerien in den Newsletter eingetragen hat, stellt beim Lesen seiner Lokalzeitung fest, dass die Meldungen aus diesen Ministerien viel zu oft fast wortwörtlich übernommen werden. Im Hintergrund arbeiten außerdem Agenturen, die Nachrichten gegen bares Geld von Unternehmen in die Presselandschaft hieven.

Die Zeitungsgeschichte der ehrgeizigen Redakteurin des “Globe” und des wieder in Schwung gekommenen Redakteurs des “Chronicle” wird in dem 1994 gedrehten Spielfilm “I love Trouble” erzählt. Diesen Trouble bekäme man auch, wenn man in Deutschland eine wahrhaft unabhängige Zeitung gründen wollte. Von politischer Seite ist bislang kein Konzept bekannt geworden, die Entwicklung zu einer uniformierten Presselandschaft umzukehren.

Und so passt diese Meldung in die Medien-Neuzeit: Die “Süddeutsche Zeitung” soll verkauft werden, ein englischer Verlag hat Interesse angemeldet. Anders, heißt es, sei dieses Traditionsblatt nicht mehr zu retten…

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