Endlich Klarheit. Die Kremlpartei Einheitliches Russland und drei Blockflöten haben den Überraschungskandidaten aus dem Hut gezaubert. Die staatliche Nachrichtenagentur RIA Novosti hat stolz vermerkt, dass sie 75 Prozent der Wählerstimmen repräsentieren. Die Stirn hat der Präsident in Falten gelegt und kurz nachgedacht. Ein Seufzer der Erleichterung, dann sagte er, ich kenne Dmitri Medwedjew schon seit 17 Jahren.
In Sankt Petersburg kreuzte sich ihr Weg.
Vieles mussten sie gemeinsam mit ansehen, der stellvertretende Bürgermeister und sein Rechtsberater, damals an der Newa, als die “Hauptstadt des Verbrechens” im Sumpf der Korruption dahinvegetierte. Das verbindet. Das schafft Freundschaften, die ein Leben lang halten. Seitdem halten sie aneinander fest, der kaum gekürte Kandidat und sein designierter Premier. So soll es auch in Zukunft bleiben. Das macht aus ihnen ein unangreifbares Team.
Der feinsinnige Professorensohn und Rechtsgelehrte ist ein schmucker und dezenter Gentleman, der Traum von einem Schwiegersohn. Kultiviert kommt er daher. Professoral legt er seine liberalen Ansichten dar. Ganz anders als sein großes Vorbild. Der hatte damals die Herzen der Stammtisch-Strategen auf einen Streich gewonnen. Die tschetschenischen Terroristen wolle er in der “Latrine zusammenscheißen“, hat er seinerzeit gesagt. Später hat er die aufmüpfige Westpresse zur Beschneidung nach Moskau eingeladen, so dass auch nichts mehr nachwächst. Der Stammtisch hat vor Lachen gebrüllt. So etwas kommt dem Medwedjew nie in den Sinn, sagt meine Frau. Die Leute wollen aber einen Macho, einen echten Muschik.
Da ist doch der andere Ex-Kandidat in spe eigentlich aus ganz anderem Holz geschnitzt.
Der gelernte KGB-Aufklärer im Generalsrang, späterer Verteidigungsminister und heutige Chefkoordinator des militärisch-industriellen Komplexes hält zumindest “Stuss” und “Blödsinn” in seinem Lieblingsrepertoire parat, um die Presse zu erfreuen. Der Sergej Iwanow ist noch steigerungsfähig, sagt meine Frau.
Mit allen möglichen Wunderwaffen experimentiert Iwanow, dem die Sicherheit der Heimat gegen die Feinde ringsum am Herzen liegt, ob nun in Kiew, Tiflis oder Riga. Für Geld hat er getrommelt, um die Größe der Truppe und des Imperiums wieder herzustellen. Sonderlich mögen ihn die Generale trotzdem nicht: Kein richtiger Uniformträger, keiner von ihnen.
Leider mögen ihn auch die Mütter der geschundenen und getöteten Wehrpflichtigen nicht. Manch eine grübelt unentwegt, wie sie ihrem Sohn den Gang zur Armee ersparen kann, “kleine Gefälligkeiten” für die Herren Offiziere eingeschlossen.
Iwanow hat sich wohl der Einsicht beugen müssen und seinem früheren Rivalen in spe seine Unterstützung zugesagt. Schließlich hat auch Helmut Kohl nicht die Bundeswehr, sondern die Inkasso-Wagen der Bundesbank in Marsch gesetzt, um die Menschen ostwärts der Elbe für sich einzunehmen.
Die anderen Silowiki, die sich gerade in einem Bruderkrieg um die Fleischtöpfe gegenseitig zerfleischt haben, zerren erst einmal die Gürtel fest. Die warten auf ihre Stunde, sagt meine Frau. Frontal können die nicht gegen Putin Sturm laufen.
Medwedjew hat als Oberaufseher bei Gasprom die Kriegskassen des Kremls verwaltet. Ukrainer, Georgier, Moldawier und Weißrussen wissen ein Lied davon zu singen. Die Einkaufstour in Europa liegt ihm übrigens auch am Herzen. Alles dem Imperium zuliebe, welches sich gerade von den Knien erhebt. Der Petrorubel rollt.
Ein Medienimperium hat der Künftige zusammengeschustert, welches in der Wahlkampagne für Harmonie, Eintracht und Liebe gesorgt hat. Für die nationalen Projekte schlug er sich in die Bresche. Bildung, Wohnraum, Gesundheitswesen und Landwirtschaft sind seine Domäne: ein sozial ausgerichteter Mann, jubeln begeistert die Wahlkampfsieger. Ihm könne man nichts vormachen. Augenblicklich durchschaue er jedes Potemkinsche Dorf, welches die Provinzfürsten unentwegt errichten.
Manchmal hat der Autor juristischer Lehrbücher auch mutig unter den Tisch hervorgeblinzelt. Wie mit Chodorkowskijs Ölgesellschaft Jukos verfahren wurde, fand er nicht ganz korrekt. Mit akademischer Feinfühligkeit hat er den Kreml-Ideologen Surkow, der den Begriff der “souveränen Demokratie” erfunden hat, kritisiert. Echte Demokratie bedürfe keiner Prädikate, monierte er. Einen Sturm im Blätterwald hat er damit ausgelöst. Weitere Folgen hatten die Vorstöße nicht, nicht einmal für ihn selbst. Ein liberales Vorzeigemodell wurde er immerhin, auch wenn Gasprom unter seinem Aufsichtsratsvorsitzenden Mewedjew nicht gerade ein Musterbeispiel für Transparenz wurde.
Doch was macht Putin, der Meister überraschender Schachzüge, nun?
Auf Medwedjews höfliche Einladung auf den zweitrangigen Sessel im Weißen Haus, wo die Regierung tagt, hat er bisher nicht reagiert. Nach Minsk fährt er. Den Verfassungsakt des Unionsstaates will er angeblich unter Dach und Fach bringen. Winkt dort vielleicht ein neuer erstklassiger Sessel? Fragen über Fragen…
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