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Kultur

Oscar Niemeyer: 100 Jahre mutiger Architektur

Montag, den 17. Dezember 2007 um 11:57 Uhr von Paula Góes
Oscar Niemeyer Museum, Curtiba,
Brasilien. Photo: acewill

Brasilien erfolgreichster Architekt, Oscar Niemeyer, ist heute (15.12.07 Anm. d. Red.) 100 geworden - und er ist noch immer lebendig, klar und arbeitet an vielen Projekten. Er hat die Hauptstadt Brasilia entworfen. Sie wird als sein Meisterstück angesehen. Er hat der Welt architektonische Spitzenleistungen geschenkt, wie den Hauptsitz der UN in New York, das Museum of Modern Art in Caracas und das Hauptquartier der Kommunistischen Partei Frankreichs.

Der letzte überlebende Begründer der modernen Architekturbewegung ist noch immer voller Ideen, und seine Konzepte sind sogar noch gewagter geworden. Unter seinen laufenden Projekten ist ein neues Kunst-Haus für die spanische Stadt Avilés. In Interviews hat er bekannt gegeben, dass das Projekt - obwohl es erst 2010 fertig sein könnte - schon zu seinen Lieblingsdesigns gehört.

Brasilianische und internationale Blogger habe ihm gratuliert, veröffentlichen Bilder seiner Arbeiten, kommentieren seine Stärken, Ideen und Projekte.

Fernando Assad [pt] erklärt, warum der Brasilianer ein Genie ist:

Niemeyers Arbeiten verbinden klare und dynamische Linien und erzeugen so Moderne. Die Dynamik, Einfachheit und Klarheit seiner Arbeiten erhöhen den Menschen, weil sie darauf Hinweisen, dass der Mensch nur dann erfolgreich ist, wenn sie sich der Dynamik und Einfachheit hingeben, um seine Handlungen zu optimieren. Und dabei gehe ich noch gar nicht auf die Schönheit seiner Arbeiten ein, reich an liebenswürdigen Kurven (ich hoffe, die Ingenieure werden sich weiterhin darum kümmern, ob Niemeyers Arbeiten wirklich durchführbar sind).

Hauptquartier der Kommunistischen
Partei, Paris, Frankreich. Photo: fromfrom

Valéria Borborema [pt] fügt hinzu, dass die Leichtigkeit, die er dem Beton mit seinen gewagten Kurven gegeben hat, ein Versuch sei, mit der gegenwärtigen Ernsthaftigkeit der Architektur zu spielen, die nun eine Formbarkeit genießt, die vor Niemeyer undenkbar war.

Während der Militärdiktatur lebte Niemeyer im Pariser Exil, nachdem sein Büro und der Sitz eines von ihm gesteuerten Magazins zerstört worden waren. Politisch habe sich der Architekt seit seiner Jugend kaum gewandelt, schriebt Pedro Nelito:

Oscar Niemeyer, ein Freund von Luiz Carlos Prestes, Politiker und Unterstützer der Kommunistischen Partei Brasilien, wurde von allen Diktaturen gejagt, die sich in diesem Land installiert haben. Niemeyer von den Menschen, die wir “Old School Kommunisten” nennen, auch wenn er heute vom Globo Network gefeiert wird, hat er seine politischen Ansichten nicht aufgegeben und wird wegen seines Hintergrunds respektiert.

Museum für Zeitgenössische Kunst, Niterói, Brasilien, Foto: Hendo101

Calamity Jane [pt] zitiert Niemeyers Gedanken zum Sozialismus. Mit seinen hundert Jahren glaubt er noch immer an soziale Gerechtigkeit und Revolution - und er lässt sich davon inspirieren:

Der selbe Herr sagt auch, das Leben sei eine Blase. Und ich, der ich glaube das wir alle eine Aufgabe im Laben haben, und der ich sonst nicht wüsste, wofür wir hier wären, sage euch allen: Wenn jemand mit dem Glauben an Revolution, Liebe und Freude 100 wird, dann müssen wir schnell aufwachen und unseren Teil beitragen. […] Man kann die Welt verändern, wenn man es nur möchte.

Viele andere Blogger haben einen Trailer von einer Dokumentation von Fabiano Maciel eingebunden

A vida é um sopro, in der Eduardo Galeano, Autor von “Die offenen Adern Lateinamerikas”, sagt:

Jeder weiß, dass Oscar Niemeyer den Kapitalismus genau so hasst wie rechte Winkel. Um rechte Winkel zu verhindern, die den Raum ruinieren, hat einer eine Architektur so leicht wie Wolken geschaffen, frei, sinnlich, ähnlich der Berglandschaft von Rio de Janeiro. Die Berge sehen aus wie liegende Frauenkörper, und Gott hat sie an dem Tag geschaffen, an dem er sich für Niemeyer hielt.

Copan, Sao Paulo, Brasilien. Photo: ojjo

Auch Menschen wie Vera Fróes [pt], die seinen radikalen Ideen nicht zustimmen, müssen sich heute vor der lebenden Legende verneigen:

Ob man seinen Ansätzen nun zustimmt oder nicht, ich bewundere den Architekten, der seiden Idealen immer treu geblieben ist, ob es nun die Ideologie (Kommunismus), Religion (Atheismus) oder Architektur (Stahlbeton) betrifft. Nebenbei wird nicht jeder so alt wie er, bei klarem Verstand und intensiv arbeitend. Er muss erleuchtet sein.

Das Feiern geht weiter.

Pelo Mar Aberto [pt] zeigt ein Duzend Fotos, Varal de Idéias [pt] bietet eine Hand voll Illustrationen und Karikaturen und Esthefani Magalhães [pt] verlinkt zu Video-Huldigungen bei YouTube. Andere sprechen über die zahlreichen Ausstellungen [pt] in Brasilien, Portugal und anderen Ländern. Es gibt auch Foto-Galerien. Eine Suche in der Blogosphäre bringt Artikel in vielen anderen Sprachen hervor. Wir enden mit einem Zitat von Niemeyer selbst, der kürzlich von der Times interviewt wurde:

Das Datum ist nicht wichtig. Das Alter ist nicht wichtig. Zeit ist nicht wichtig. Das Leben ist äußerst flüchtig. Es ist wichtig, freundlich und optimistisch zu sei. Wir blicken zurück und denken, dass gut war, was wir geleistet haben. Es war einfach; es war bequem. Jeder schafft seine eigene Geschichte und geht weiter. Das ist alles. Ich fühle mich nicht besonders wichtig. Was wir geschaffen haben ist nicht wichtig. Wir sind äußerst unbedeutend.

National-Kathedrale in Brasilia, Brasilien. Photo: guilhermekardel

Dieser Artikel erschien zuerst auf Global Voices. Die Übersetzung erfolgte durch Clemens Harten, Teil des “Project Lingua“. Die Veröffentlichung auf der Readers Edition erfolgte mit freundlicher Genehmigung von Global Voices.

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2 Reaktionen zu “Oscar Niemeyer: 100 Jahre mutiger Architektur”

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  1. Readers Edition » Oscar Niemeyer gescheitert

    am 18. Dezember 2007 um 03:13 Uhr | Link | Kommentar melden

    […] Mehr zum Thema: - Oscar Niemeyer: 100 Jahre mutiger Architektur […]

  2. Readers Edition » BEST OF READERS EDITION – eine Wochenbilanz

    am 22. Dezember 2007 um 03:04 Uhr | Link | Kommentar melden

    […] Begonnen hat die vergangene Woche dann auch gleich mit einem Geburtstagskind. Der brasilianische Architekt und bekennende Kommunist Oscar Niemeyer feierte am 15. Dezember seinen 100. Geburtstag. Doch auf der RE, wie auch im gesamten Netz regnete es für den eigenwilligen Gestalter der Stadt Brasilia nicht nur Glückwünsche. Bereits am Montag nach dessen Wiegenfest ergriff nämlich Rolf Ehlers mit “Oscar Niemeyer gescheitert” das Wort. Für unseren Autor rangiert der Künstler Niemeyer zwischen “technisch einmalig”, “stilistisch interessant” sowie “abstoßend und menschenwidrig”. Dabei wirft er einen genauen Blick auf die Kunststadt Brasilia, die in seinen Augen eher “unmenschlich” statt einladend daher kommt. Und von der auch Niemeyer selbst einst sagte: “Ich weiß, dass dieses Kunstwerk misslungen ist.” Doch Kritik hatte der augenscheinlich selbsternannten Star nicht aufkommen lassen. Vielmehr ereilten die Menschen seine Äußerungen eher von oben herab: “Es kommt auf die Schönheit an. Wenn du nur an die Funktion denkst, kommt Mist heraus”, beschreibt er selbst die Intention für sein Schaffen. Ehlers abschließende Kritik zeigt sich scharf, stimmt aber zugleich nachdenklich, indem er schreibt: “Hinter dem Plan für ein Bauwerk kann und darf auch eine Ideologie stehen, besser aber kein ideologisches Diktat.” […]

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