Paris, Reykjavik, Madrid und nun Baden-Baden. Der Anti-Doping-Kampf hat Hochkonjunktur. Die Enthüllung des Jahres 2007 der Radsportlern Patrick Sinkewitz, Jörg Jaksche und Erik Zabel sowie die Doping-Beichte von Marion Jones haben die Doping-Problematik mehr denn je in den Fokus der Verbände sowie der Öffentlichkeit gebracht.
“Talente stark machen ohne Doping”
Das internationale Anti-Doping-Forum des Landessportverbands Baden-Württemberg unter dem Titel „Talente stark machen ohne Doping“ war Teil dieser Serie. Das hochkarätige Programm mit 14 Referenten aus Deutschland, Frankreich, Österreich und der Schweiz, darunter Christoph Niessen, Chef der Nationalen Anti-Doping-Agentur (NADA) und Radsportinsider Christoph Brissonau von der Universität Paris-X-Nanterre, sollte am ersten Tag des Forums einen herausragenden Überblick über die Doping-Problematik verschaffen.
So berichtete Speerwurf-Europarekordhalterin Christina Obergföll von ihren persönlichen Erfahrungen mit den komplizierten Abmeldeverfahren von Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) und der NADA: „Vielleicht wäre ein Ortungs-Chip wirklich eine Möglichkeit. Mir fehlt des Öfteren der Durchblick wann ich mich nun genau wo abmelden muss. Alleine für die Fahrt zu diesem Forum und für das folgende Wochenende musste ich vier verschiedene Aufenthaltsorte angeben. Ich will für Doping-Kontrollen verfügbar sein, aber das An- und Ummeldeverfahren nervt mitunter schon sehr.“
„Hinschauen, wenn´s plätschert.“ Das ist die Devise von Helmut Pabst, Inhaber der PWC GmbH und Kontrolleur im Auftrag der NADA. „In Deutschland gibt es sieben verschiedene Kontrollinstanzen, die alle unabhängig von einander und unkoordiniert Kontrollen bei den Athleten durchführen. Darunter die WADA, die NADA sowie die einzelnen Fachverbände. So kann es passieren, dass ein Athlet am gleichen Tag mehrere Male getestet wird.“
Eine Kontrolle pro Sportler in 2008
Das dürfte Musik in den Ohren von NADA-Chef Niessen gewesen sein. Dieser sieht den deutschen Anti-Doping-Kampf als junges Kind, das im Gegensatz zu den alteingesessenen Strukturen des Sports bisher nicht sehr üppg ernährt wurde. „Im Jahr 2007 blicke ich zurück auf insgesamt 4500 Kontrollen. Das sind 0,5 Kontrollen pro Athlet und Jahr. Das ist wenig. Zu wenig. Doch als ich in diesem Sommer mein Amt antrat, musste ich zunächst Geld beschaffen um meine Mitarbeiter am Monatsende bezahlen zu können. Im nächsten Jahr werden wir auf durchschnittlich eine Kontrolle pro Sportler kommen. Doch werden die Testpools so umstrukturiert, dass wir vornehmlich Spitzenathleten testen und damit eine höhere Kontrolldichte bei den A-Kader-Athelten erzielen werden.“
Die Jugend stärken
Komplettiert wurde das Anti-Doping-Forum von Workshops mit Trainern, Anti-Doping-Beauftragten, Funktionären und Pädagogen. „Doping muss uncool sein“, das war das Ziel im Konsens aller Teilnehmer am Ende der Veranstaltung. Sport sei ein Spiegelbild der Gesellschaft. Es gelte die Jugend zu stärken und ihnen Argumente an die Hand zu geben, damit sie „Nein“ zu Doping sagen können und wollen, so das Fazit der Teilnehmer.
Es lohnt, Werbung gegen Doping zu machen. Es ist wirkungsvoller, Doping ein Etikett als “uncool” zu verpassen als auf die gesundheitlichen Gefahren und die Unfairness des Dopings hinzuweisen.
Ich fürchte indes, dass die Werbung gegen Doping nur begrenzte Wirkung haben kann, solange der Hochleistungssport eine von allen Einrichtungen und der Masse gestreichelte heilige Kuh bleibt. Dabei birgt jeder Hochleistungssport auch ohne Doping unvertretbare Risiken für die Gesundheit der Sportler. Er schadet aber auch der geistigen Gesundheit der Massen, die durch “panem et circensis” in ein flaches Werteverständnis getrieben werden. Nach dem Sinn des “noch höher”, “noch schneller” und “noch weiter” darf man ja gar nicht fragen. Dieser Unsinn wird ja schon in der Schule betrieben, die Sportnoten nach Leistung vergibt.
Erhaltung der körperlichen Beweglichkeit und Förderung der individuellen Gesundheit durch regelmäßige Aktivierung der körperlichen Funktionen macht
ganz sicher Sinn, hat aber nicht annähernd den Stellenwert wie der auf Rekorde
versessene Sport. Das Egebnis ist nicht, dass die große Masse der Menschen sich
ausreichend bewegte. Das Ergebnis ist, dass ein paar Spitzensportler in der Hoffnung auf Ruhm und großes Geld sich vor den Kameras abrackern und die sich vor den Bildschirmen räkelnden “Couchpotatoes” beeindrucken lassen. Wenn wir
einmal auf eine Tierart stießen, die sich ebenso unsinnig verhielte, würden wir uns
ganz gewiss über soviel Unvernunft wundern. Unseren eigenen Wahn sehen wir einfach nicht.