Schluss mit der “Vertikale der Macht”. In Russland zieht die Doppelherrschaft ein. Erst hat die Kremlpartei Einheitliches Russland den strahlend jungen Dmitri Medwedjew staatstragend zum Kandidaten für die Präsidentschaftswahlen gekürt. Danach hat der schon etwas gesetztere, aber energische Wladimir Putin überraschend versprochen: Er wird bei einem Wahlsieg seines Nachfolgers dessen Premierminister, der Kontinuität zuliebe natürlich, damit sich niemand in den ausländischen Botschaften tummelt. Es ist perfekt: Zusammen ist das Doppel unangreifbar.
Wladimir Putin hat alle Lügen gestraft.
Nein, er wird die Verfassung nicht umschreiben. Es gibt keine dritte Amtszeit. Gott behüte, der Machtschwerpunkt wird nicht vom Kreml in das Weiße Haus verlagert, beteuerte er vor dem Parteitag der Wahlsieger. Im Gegenteil, der “Leader der Nation” ordnet seine Person ganz der Sache unter. Er werde seinen Platz im Glied finden, hatte der Präsident schon zuvor durchblicken lassen.
Perfiderweise hatte Michail Deljagin, einst Berater der Regierung, heute Direktor des Wirtschaftsinstituts für Globalisierung, schon aufgeschrien: Nur nicht der Medwedjew, den „vergewaltigen doch die Lobbyisten in seinem eigenem Arbeitszimmer, und zwar am zweiten Tag seiner Amtszeit“. Nun hat Wladimir Putin seine muskelbepackte Brust vor seinen Kumpel aus guten alten Zeiten in Sankt Petersburg geschoben. Da wagt keiner mehr den Aufstand, sagt meine Frau.
Er geht, war sich der renommierte kremlkritische Politikwissenschaftler Andrej Belkowski sicher. Unermüdlich hatte er wiederholt, der Putin kennt die Unterwasserklippen. Der zieht Leine. Es ziehen schwarze Wolken am Himmel auf. Geirrt hat sich Welt Online. Von einem “Lahme-Enten-Syndrom” konnte man dort lesen. Lang war dort aufgelistet, wie die Silowiki auf Putins Freunde eindreschen. Der Präsident schwieg. Amtsmüde sei er, vermutete der Autor. Nein, die Beiden, Putin und Medwedjew, haben das Ruder herumgerissen. Gemeinsam sind sie stark.
Eine Hand wäscht die andere.
Eine Doppelherrschaft hat in Russland noch nie funktioniert, jammern indes die Ahnungslosen, die sich auf die Geschichte berufen. Lange haben Stalin und Chruschtschow die Altgenossen im Politbüro nicht an ihrer Seite ertragen. Wie soll das aussehen? Kommt da der “Leader der Nation” zum Rapport in den Kreml. Der Hausherr ist unzufrieden. So geht das nicht, tadelt er den “Leader der Nation”. Der “Leader der Nation” zieht den Kopf ein und stammelt schuldbewusst: “Herr Präsident, ich nehme mir Ihre Worte zu Herzen.”
Wladimir Putin wagt sich jedoch in die Niederungen der Alltagsmühen. Keine Reisen mehr zum G8-Gipfel mit vorzüglichem Bankett. Kein München mehr, wo er mit der Faust auf den Tisch hauen könnte. Nun wird er sich gegen die Teuerungswelle stemmen. Bei 25 – 30 Prozent soll die “gefühlte Inflation” für die Rentner in diesem Jahr gelegen haben. Er wird die urlaubshungrigen, aber säumigen Alimentenzahler an der Grenze abfangen und dafür sorgen, dass der Nachwuchs etwas zwischen die Kiemen bekommt. Er muss denen nachjagen, die der Versuchung nicht widerstanden haben und in die Schuldenfalle gelaufen sind. Die Banken haben mit der Kreditblase Probleme. Und er muss die Statthalter mit Grundstücken für ihre Paläste versorgen. Filetstücke brauchen sie. Unbezahlbar ist der “erschwingliche Wohnraum” in Moskau und Sankt Petersburg unterdessen schon jetzt. Vor allem Straßen wird er in dem wegelosen Land bauen. Es schert ihn einen Teufel, dass das Wahlvolk den geplagten Premierminister noch nie geliebt hat. Dem “Zar” vertraute es. Putin hat bei Umfragen hohe Popularitätswerte.
Einzug der Spaß-Gesellschaft
Der Kassenwart von Gasprom und Chef für das Soziale übernimmt derweil das Kommando über die mächtigen und allgegenwärtigen Silowiki bei den Geheimdiensten, im Innenministerium und bei der Staatsanwaltschaft. So will es die Verfassung. Auf sein Kommando hört auch die Armee. Das Köfferchen mit dem berühmten Knöpfchen wird er bei sich tragen. Der Außenminister wird ihn geflissentlich um Rat bitten. Er wird sich nicht auf der Nase herumtanzen lassen. Schließlich durchschaut er jedes Potemkinsche Dorf und jedes Spiegelfechten, sagen die Wahlsieger. Der kennt den Laden aber doch gar nicht, wundert sich meine Frau. Er ist doch kein Uniformträger. Gelehrte mögen die nicht.
Sie wollen sich nicht in die Quere kommen, der Präsident in spe und sein designierter Premierminister. Rollentausch macht Spaß. Die Spaß-Gesellschaft hält Einzug in Russland. Oder macht Putin, der Meister überraschender Schachzüge, noch etwas ganz anderes? Fragen über Fragen.
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