War es die JIB, oder die JIN, da es die JIM wohl nicht gewesen sein kann? Es könnten aber radikale Elemente in der JCIB mit Hilfe der JSIB das Attentat geplant und durchgeführt haben. Die JIX hätte davon nichts zu wissen brauchen. Es mehren sich täglich die Indizien, dass der pakistanische Geheimdienst ISI (Inter Services Intelligence) oder islamistische Gruppen in seinen, mit lächerlichen Akronymen ausgestatteten Abteilungen den Mord an Benazir Bhutto geplant und durchgeführt haben könnten.
Eines ist Tatsache geworden: Wie es das Regime Pervez Musharraf darstellt, kann es nicht gewesen sein. Für die Täter- oder Mittäterschaft des Regimes oder seiner Strukturen sprechen bisher mehrere Details, die einander ergänzen und in ihrer Zusammenschau eine deutliche Spur ergeben.
1.) Der Ring an geheimer und uniformierter Sicherheit, der Bhuttos Wagen zu umgeben hatte, wurde plötzlich aufgelockert, wenn nicht aufgelöst, so dass der oder die Täter in Schuss- und Sprengnähe kommen konnten.
2.) Der Täter feuerte tödliche Schüsse ab, worauf ein zweiter, ein so genannter Eskort-Täter einen Sprenggürtel zündete, dessen Explosion beide bis zur Unkenntlichkeit zerriss. Dies war notwendig, da man bei festgestellter Identität Spuren zurück hätte verfolgen können.
3.) Das Opfer wurde in höchster Eile und ohne Autopsie begraben. Die Ärzte stellten Schüsse als Todesursache fest. Das Regime konnte unverfroren behaupten: Die Schüsse seien daneben gegangen. Bhutto habe sich bei der folgenden Explosion eben irgendwie den Kopf “angehaut” und sei daran verstorben.
4.) Kaum waren die Schüsse gefallen, rückte auch schon die Feuerwehr an, um den ganzen Tatort mit Wasser zu besprühen und ganz sicher alle Spuren zu vernichten.
5.) Das elektronische System im Wagen Bhuttos war zum Zeitpunkt des Anschlages unterbrochen oder ausgeschaltet.
6.) Das Regime lehnt eine Exhumierung des Opfers und seine Untersuchung durch ausländische Experten ab. Lediglich ein kleines Team von Scotland Yard soll den pakistanischen Behörden beratend zur Seite stehen.
7.) Am 1.1. wurde ein mögliches Motiv bekannt: Bhutto habe am Tag ihrer Ermordung geplant, in Pakistan weilenden US-Politikern ein brisantes Dokument zu übergeben. Darin seien Beweise versammelt, wonach Staatschef Musharraf US-Hilfsgelder zur Finanzierung eines großangelegten Betruges bei den für 8.1. geplanten Wahlen verwendet hätte.
8.) Die Identität des oder der Täter konnte bisher nicht festgestellt werden oder sie wurde festgestellt, wird aber geheim gehalten. Augenzeugen sprachen davon, dass zumindest der Kopf eines Täters gut erhalten geblieben sei.
9.) Vom Regime ausgestreute Gerüchte, wonach die “Al Kaida” Bhutto ermordet hätte, blieben unglaubwürdig, da die Organisation Bin Ladens heute für ein jedes Verbrechen verantwortlich gemacht werden kann. Außerdem ließ die Al Kaida – in diesem Fall glaubhaft – wissen: “Wir ermorden keine moslemischen Frauen.”
Daher bleibt der auf den Täter weisende Finger an einer geheimnisvollen Organisation hängen
Am pakistanischen Geheimdienst ISI. Mit Recht behaupten Fachleute: Normalerweise unterhält ein Staat eine Armee. Pakistans Armee leistet sich einen Staat. Normalerweise unterhält eine Armee einen Geheimdienst. In Pakistan leistet sich der Geheimdienst ISI eine Armee.
Das Militär ist in zahllosen Wirtschaftszweigen tätig. Generäle leiten Fabriken und landwirtschaftliche Güter. Obristen treten als Produzenten von Stoffen und Schuhwerk auf. Majore können Chefs von Apotheken sein. Es ist die Konzentration auf nichtmilitärische Ziele, die Pakistans Armee von ihren eigentlichen Aufgaben ablenkt und in ihrer Effizienz einschränkt. Bei einem Rückblick in die Geschichte muss man feststellen, dass nahezu alle Unternehmungen von Armee und Geheimdienst schief gegangen sind. Der Geheimdienst ISI kann was Fehler, Pannen und Pleiten betrifft durchaus mit der amerikanischen CIA konkurrieren.
Bei der blutigen Teilung Britisch-Indiens 1947 musste es Pakistan hinnehmen, dass das von einer muslimischen Mehrheit bewohnte Kaschmir zu zwei Drittel an Indien ging. Die Niederlage Indiens im Grenzkrieg gegen China ließ Pakistans Geheimdienst eine Schwäche vermuten. Daher griff man 1965 zuerst im umstrittenen Wüstengelände “Rann of Kach” an, um sich dort ebenso eine Niederlage zu holen wie beim späteren Angriff auf Indisch-Kaschmir. Das Debakel des militärischen Nachrichtendienstes führte zu Reformen, doch Fehlurteile blieben der ISI ein treuer Begleiter. Im Krieg und in der Staatswerdung von Bangladesh lag der Dienst 1971 gut zwanzig Mal mit seinen Prognosen und vorbeugenden Maßnahmen neben der Realität.
Es gab kleinere Erfolge im permanenten Spionagekrieg gegen Indien, doch weiterhin große Blamagen. Libyen hatte unter der Nase des ISI rund 3000 pakistanische Ex-Soldaten für den Einsatz im Tschad rekrutiert. Hierauf begannen die Emirate am Golf ihre Armeen mit pakistanischen Söldnern zu verstärken. Der ISI steht unter Verdacht, an diesem Menschenhandel verdient zu haben. Ganz Indien lachte, als Einzelheiten über den Krieg am Siachen-Gletscher bekannt wurden. Die indische Armee hatte bei einer britischen Firma militärische Winterausrüstung gekauft. Als einige Zeit später Pakistan bei der gleichen Firma Massen von Wintersachen bestellte, wusste man in Neu Dehli, dass ein pakistanischer Sturm auf den Siachen-Gipfel bevorstand. Daher besetzten die Inder alle wichtigen Positionen und wiesen die Pakistaner zurück. Auch der Krieg um Kargill 1999 endete mit einer pakistanischen Niederlage, da der ISI ausbleibende Unterstützung durch die lokale Bevölkerung vorausgesagt hatte.
Weltpolitische Folgen hatte das afghanische Abenteuer des ISI.
Bis zu einer Million Menschen waren durch die Kämpfe zwischen den Mudschaheddins und dem von Moskau gestützten Regime Nadjibullah nach Pakistan geflüchtet. Aus gläubigen Koranschülern, den Taliban, formierte der Geheimdienst ISI eine kampfstarke Truppe, die in Afghanistan einmarschierte, als die Allianz der Mudschahedins bereits gewonnen hatten. Die Taliban siegten im Krieg nach dem Krieg. Sie schüttelten jede Kontrolle durch den ISI ab und errichteten ihr fundamentalislamisches Regime. Der ursprüngliche “Pate”, Pakistans Geheimdienst, hatte bald nichts mehr zu melden. Man hörte eher auf den saudischen Millionär Osama Bin Laden. Nach dem Flugattentaten vom 9/11 sind die Taliban durch eine US-Invasion von der Macht vertrieben, aber nicht besiegt worden. Mit Hilfe heimlicher Sympathisanten im ISI konnten sie den paschtunischen Norden Pakistans als Angriffs- und Rückzugsbasis nutzen. Das Gebiet Waziristans ist nur sehr schwer zu kontrollieren, zumal dort der paschtunischen Ehrenkodex “Paschtunwalla” als ein absolutes Gastrecht gilt. Wegen dieses “Paschtunwalla” und wegen der hohen Verluste bei einer versuchten Ergreifung bleibt Bin Laden weiter in Waziristan und hält über wechselnde Posten des ISI Kontakt mit Islamabad.
Der Geheimdienst gilt als eigentlicher Drahtzieher der vielen Staatsstreiche in Pakistan. Es war der ISI, der dem Militärmachthaber Zia ul Haq ein Lügengewebe bereitstellte, das 1979 die Verurteilung und Hinrichtung von Regierungschef Ali Bhutto, dem Vater Benazirs, ermöglichte. Es gelang dem Geheimdienst nicht, das Attentat aufzuklären, dem 1988 Zia ul Haq zum Opfer fiel. Man weiß bis heute nicht, ob es sich bei der Explosion einer Bombe in dem von Haq benutzten Hubschrauber nicht um einen Racheakt für den Tod Bhuttos gehandelt hat. Drei Jahre zuvor war Bhuttos Sohn Shana-waz in seinem Appartement an der Riviera vergiftet worden, wobei immer wieder der ISI als Täter genannt wurde. Der zweite Bruder Benazirs, Murtaza, hatte den Tod seines Vaters mit der Gründung der Organisation “Al Zulfikar” zu rächen versucht. Seine Teilnahme an Terrorakten ist bis heute umstritten. Er entzweite sich auch mit seiner Schwester, konnte aber bei den Wahlen 1988 einen Parlamentssitz gewinnen. Murtaza und einige Anhänger wurde im September 1996 in Karachi in eine Schießerei verwickelt. Murtaza ist, nachdem er die Waffen niedergelegt hatte, von einem ISI-Kommando erschossen worden.
Eine schwere Niederlage musste der Geheimdienst hinnehmen, da er eine genaue Überprüfung und Beschattung von Quadir Khan als unnötig erachtete. Der Vater des pakistanischen Atombombe konnte ungehindert nach Nordkorea, Libyen und in den Iran reisen, um dort nukleare Technik zu verkaufen.
Eine scheinbar unendliche Geschichte ist die Frage nach den Strukturen und nach den echten Chefs des ISI.
Tatsache ist, dass die nominellen Kommandanten des Geheimdienstes sehr oft wechseln. Es kann der Chef einer Abteilung, wie etwa JIB als “Joint Intelligence Bureau” oder als JCIB “Joint Counter Intelligence Bureau” usw. der bestimmende Mann sein. Man weiß auch nicht, wer im ISI die Schlüssel und die Codes für die pakistanischen Atomwaffen besitzt. Tatsache ist, dass die Chefs des ISI in atemberaubender Geschwindigkeit auf andere Posten versetzt werden. Dies geschieht, um zu verhindern, dass der Geheimdienstchef eine breite Machtbasis aufbaut, von der aus er den Staatschef stürzen kann.
Tatsache ist auch, dass fanatische Islamisten einige Abteilungen des ISI unterwandert haben und sich den Atomwaffen nähern. Der radikalislamistische ISI-Chef Mahmud Ahmed war zwar nach 9/11 hinwegbefördert worden, doch sein Nachfolger Ehsanul Haq blieb auch nicht lange in diesem Amt. Im letzten Umbesetzungskarussel ist auch sein Nachfolger Ashfak Pervez Kiyani zum Vizearmeekommandaten befördert worden. Der Leiter der Militärakademie, Nadeem Taj, ist erst im Oktober 2007 zum neuen Geheimdienstchef gemacht worden. Er galt seit langem als enger Gefolgsmann und Freund Musharrafs.
Benazir Bhutto hatte angekündigt, nach ihrem sicher scheinenden Wahlsieg die düsteren Winkel des Geheimdienstes durchleuchten zu wollen. Dies auch, um endlich die Wahrheit über die drei Mordfälle in ihrer Familie zu enthüllen. Dieses Vorhaben kann die Chefs der ISI-Abteilungen nur in Panik versetzt haben. Benazir hat das gewusst und extrem leichtsinnig gehandelt. Immerhin hat sie schon fünf oder sechs Attentatsversuche überlebt. Am Liaqat-Park setzte sie sich wieder in ihr Auto. Dieser Park ist kaum zwei Kilometer von dem Zentralgefängnis Rawalpindis entfernt, in dem am 4.4.1979 ihr Vater Ali Bhutto nach einem Schandurteil gehenkt worden war. Der Wagen rollte ein kurzes Stück, bis er von jubelnden Anhängern aufgehalten wurde. Dann fielen die Schüsse. Der Tatort ist etwa zweihundert Meter von jener Stelle entfernt, an der am 16.10.1951 der erste Ministerpräsident des Landes, Liaqat Ali Khan, in einer ähnlichen Situation und inmitten einer Anhängerschar von Saad Akbar mit zwei Schüssen in die Brust ermordet worden war.
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