Begonnen hat die 68er-Bewegung nicht 1968, sondern am 2. Juni 1967, sagen viele, als in Berlin der Student Benno Ohnesorg von einem Polizeibeamten erschossen wurde. In jenen Tagen stattete der Schah von Persien Deutschland einen Besuch ab, die Regenbogenpresse interessierte sich mehr für seine Frau, für Soraya, die am 12. Februar 1951 den letzten Kaiser von Persien geheiratet hatte und so ein wenig Glanz in die deutsche Hütte brachte, denn Sorayas Mutter war Deutsche. Jede Leserin bekam ein kleines Stück vom “Pfauenthron” und ein wenig Glanz der 26.733 Edelsteine schimmerte auch aus den Berichten.
Der Rest wurde verschwiegen. Der Schah war ein autoritärer Herrscher, auf brutale Weise unterdrückte er das iranische Volk, ließ Oppositionelle foltern und blies zur Jagd auf Intellektuelle. Wichtiger waren 1967 aber die wirtschaftlichen Beziehungen. Die sollten gepflegt und ausgebaut werden.
Das trieb vornehmlich Studenten auf die Barrikaden. Bis ins Letzte dokumentiert wurde das, was in Berlin geschah, eher zufällig. Der Schweizer Dokumentarfilmer und Fernsehjournalist Roman Brodmann (1920 bis 1990) arbeitete seinerzeit für den Süddeutschen Rundfunk (SDR) und plante für die Reihe “Zeichen der Zeit” einen ironischen Beitrag über die Steuergelder, die aus dem Fenster geworfen wurden, wenn sich hoher Staatsbesuch in Bonn ansagte.
Steuergelder und Staatsbesuche
Roman Brodmann hatte die Wahl zwischen zwei Staatsbesuchen, entschied sich für den Schah-Besuch vom 28. Mai bis 4. Juni 1967 in der Bundesrepublik Deutschland, die sich für den brutalen Herrscher herausputzte, auf roten Teppichen wurde jeder Fleck entfernt, bevor die Deutsch-Iranerin Soraya mit ihrem Gatten einen Fuß darauf setzte.
Als es in München die ersten Zwischenfälle gegeben hatte, fuhr der SDR-Dokumentarfilmer nach Berlin und war dort mit Schulterkamera und Mikrophon unterwegs.
Der Schah, über den der Liedermacher Dieter Süverkrüp ein Spottlied geschrieben hatte, in dem er behauptete, dass der Schah nach Sonnenuntergang beim Henker vorbeischaue, um die Häupter seiner Lieben zu zählen, weilte mit seiner Frau im Schöneberger Rathaus, in der Oper und speiste fürstlich.
In Berlin gab es am 2. Juni 1967 nicht nur Leute, die gegen den Schah-Besuch demonstrierten, sondern auch so genannte “Jubel-Perser” des iranischen Geheimdienstes, die vor dem Schöneberger Rathaus mit Dachlatten über die Demonstranten herfielen. Die Polizei sah tatenlos zu.
Polizei mischt mit
Auch am Abend dokumentierte Roman Brodmann unglaubliche Szenen, “Jubel-Perser” wurden in Bussen zu den Anti-Schah-Demonstranten gebracht, nur noch wenige Meter trennten Pro und Contra. Wieder gingen die “Jubel-Perser” auf die Menschenmenge los und dieses Mal mischte die Polizei mit. Sie schwang ihre Polizeiknüppel, Panik brach aus. Die Polizei blies zur “Fuchsjagd” und verfolgte Flüchtende.
Dann fiel ein Schuss. In dem Film von Roman Brodmann war er deutlich zu hören, was dem Dokumentarfilmer den Vorwurf der Manipulation einbrachte.
Regiert wurde Berlin damals von Heinrich Albertz, der ehemalige Pastor trat einige Wochen nach diesem tödlichen Schuss zurück. Die Ereignisse beim Schah-Besuch ließen ihn nie wieder los. Als ich 1983 auf der Frankfurter Buchmesse gerade den Ex-General Gert Bastian interviewte, der für die Grünen im Bundestag saß, gesellte sich Heinrich Albertz dazu und übernahm schon bald die Gesprächsführung. Sehr schnell drehten sich seine Erinnerungen um jenen 2. Juni 1967, bitter beklagte er sich darüber, dass er von der Polizeiführung getäuscht worden sei, doch an seiner Vertrauensseligkeit sei er selbst schuld, spätestens nach den tätlichen Angriffen der “Jubel-Perser” vor dem Schöneberger Rathaus hätte er das Heft in die Hand nehmen müssen.
Sie müssen Blut sehen
“Bild” allerdings hätte am 2. Juni 1967 gern mitgeprügelt. Ein Kommentator schrieb und meinte weder die Polizei noch die “Jubel-Perser” des iranischen Geheimdienstes: “Gestern haben in Berlin Krawallmacher zugeschlagen, die sich für Demonstranten halten.” Und: “Sie müssen Blut sehen.” Außerdem: “() wer nicht friedlich demonstrieren kann, gehört ins Gefängnis.”
Der Polizeibeamte, der Benno Ohnesorg erschoss, wurde frei gesprochen, obwohl ihm “rechtswidriges Verhalten” bescheinigt wurde. Die Geschichte, die er vor Gericht erzählte, hatte er exklusiv. Er habe um sein Leben gefürchtet, er sei mit Messern bedroht worden, gab er zu Protokoll.
Roman Brodmann hatte seinen Film “Polizeistaatsbesuch” genannt – und jungen Leuten war in Berlin eingebläut worden, dass wirtschaftliche Interessen vor Moral gehen Und “Bild” hatte am 3. Juni 1967 den Startschuss für eine Hetzkampagne gegeben, die schlimme Folgen haben sollte.
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