Duma-Wahlen, Präsidentenempfehlungen und Kronprinzattitüden – die vergangenen Monate in Russland standen ganz im Schlaglicht der großen Politik. Im In- wie Ausland konzentrierte man sich völlig auf mögliche Szenarien der Machtverschiebung oder -erhaltung. Nun, da diese Frage anscheinend auf russische Art geregelt zu sein scheint, rückt der hässliche Alltag wieder ins Blickfeld: Die Verbraucherpreise steigen und mit ihnen die Inflationsrate.
Noch kurz vor der Parlamentswahl flackerte die Maßnahme der russischen Regierung, Preise für “sozial bedeutsame Lebensmittel” einzufrieren, durch die Nachrichten. Dies wurde oftmals als durchsichtiges Manöver zur Wählerbeeinflussung gewertet, was es zweifellos auch war. Problematisch ist nun jedoch, dass diese Intervention, welche auf Vereinbarungen zwischen Kreml und russischen Handelsketten sowie verschiedenen Lebensmittelproduzenten basierte (auch die Einfuhrzölle für Milch und Milcherzeugnisse waren im Dezember gesenkt wurden), zum 31. Januar ausläuft. Derzeit importiert Russland 40 Prozent seines Fleisch- und 25 Prozent seines Milchverbrauchs.
Und so sieht sich der russische Bürger nach kurzer Atempause wieder dem enormen Anstieg der Lebenshaltungskosten ausgesetzt. Um 13,7 Prozent waren die Lebensmittelpreise 2007 angestiegen. Und nicht nur die Preise für Lebensmittel sind von dem Anstieg betroffen, auch Gas, Strom und Benzin werden für die Einwohner des Energielieferanten immer teurer. Jüngst wurde sogar von drohenden Benzinengpässen in einigen Regionen Russlands sowie in Moskau berichtet. Ein Anstieg von Preisen im letzten Jahr war nicht nur in Russland zu beobachten, doch durch das kurze Aussetzen des Preisanstiegs wird der russische Verbraucher im neuen Jahr sicher erheblich mehr betroffen sein. Ein Preisanstieg von mehr als 16 Prozent wird erwartet.

Der rapide Preisanstieg prägte die beschleunigte Inflation im Lande mit.
So ist der Inflationsdruck aktuell eines der drängendsten wirtschaftlichen Probleme Russlands. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt liegt die Inflation bei elf Prozent, bei gleichbleibenden Kurs könne sie, so Wirtschaftsexperten, problemlos auf 15 Prozent anwachsen. Seit Jahren bemüht sich die Regierung in Moskau darum, das Wachstum der Verbraucherpreise einzudämmen, und setzt immer niedrigere Zielmarken fest. Bis April wurde die Inflationsvorgabe eingehalten. Doch danach geriet die Inflationsrate außer Kontrolle. Im Herbst musste die Regierung die Inflationsprognose von acht auf 11,5 Prozent nach oben korrigieren.
Zwar hat man mit den steigenden Rohstoffpreisen gewohnheitsmäßig einen verlässlichen Rückhalt, der es ermöglichte trotz niedrig bleibender Produktivität eine lockere Ausgabenpolitik umzusetzen: Schon im Sommer 2007 wurden große Summen in das russische Rentensystem gesteckt und auf dem letzten Kongress von “Einiges Russland” schlug Putin vor die Gehälter der Budgetbeschäftigten ab 1. Februar 2008 nicht um sieben Prozent sondern um 14 Prozent anzuheben. Zudem sprach er sich für eine Erhöhung der Besoldung der Armeeangehörigen im kommenden Jahr um 18 Prozent aus.
Es ist offensichtlich, dass die gegenwärtige Inflationsrate die verschiedenen Anpassungen von Gehältern, Renten und Stipendien auffrisst. Eine galoppierende Inflation, etwas, das die meisten Russen noch in Erinnerung haben, wäre im Frühjahr das denkbar schlechteste Ereignis. Schließlich dachte man sich die Wahl im Kreml schon in trockenen Tüchern. So wird man in nächster Zeit mit Sicherheit wieder eine kleine Notlösung hervorzaubern, die den Wähler für diese kritische Zeit beruhigt, denn wenn etwas zum Arsenal russischer Herrscherweisheiten gehört, dann die Tatsache, dass “ein voller Bauch ungern rebelliert”.
Weiterführende Informationen zur jüngeren wirtschaftlichen Entwicklung Russlands auf wikipedia.
Photo Quelle/ Copyright: lenta.ru, Komsomolskaja Prawda
15 Prozent Preisanstieg beim Wodka sind natürlich schon eine Hausnummer, aber schaut man sich etwa auf http://www.online-kredite.com/statistiken/verbraucherpreisindex-deutschland.html mal die Werte für die Entsprechende Sektion des Verbraucherpreisindex in Deutschland an, konnten wir 2005 auch mit rund 9 Prozent Teuerung bei Spirituosen aufwarten. Bei Inflationsbetrachtungen muss man meiner Meinung nach immer das Wirtschaftswachstum entgegensetzen und dann schaut es in Russland doch schon wieder gar nicht so schlecht aus.