Relativ unbemerkt von unsererEURopazentrierten Wahrnehmung entwickelt sich seit einiger Zeit im Osten ein Machtfaktor, der mittelfristig das bestehende Mächtegleichgewicht verschieben könnte. Die Schanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ) könnte schon bald mehr als 40 Prozent der Weltbevölkerung repräsentieren. Ihr gehören derzeit die Volksrepublik China, Russland, Usbekistan, Kasachstan, Kirgisistan und Tadschikistan an.
Zum gegenwärtigen Zeitpunkt vertritt die SOZ somit rund ein Viertel der Weltbevölkerung und stellt damit jedwede vergleichbare Organisation in den Schatten. Bei einer Aufnahme Indiens und Pakistans würde sie zum bei weitem größten multinationalen Bündnis der Geschichte überhaupt.
ImEURasischen Magazin wurde zu dieser Problematik nun ein äußerst lesenswertes Buch vorgestellt. “Russland gibt Gas – die Rückkehr einer Weltmacht” lautet der Titel der von Alexander Rahr verfassten Analyse, der es gelingt in die Zukunft zu weisen und auf Entwicklungen aufmerksam zu machen, die hierzulande bisher weitgehend unbeachtet geblieben sind.
Man sollte sich von dem Titel nicht in die Irre führen lassen
Das rasante Tempo mit dem Russland nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wieder zu sich gefunden hat, ist lediglich der plakativste Moment einer beobachteten Entwicklung in dieser Georegion und daher titelträchtig. Was Rahr zu zeigen imstande ist, ist dass sich parallel zu dem angesprochenen Energiebündnis, regelrechteEURasische Strukturen herausbilden, die im Westen noch kaum zur Kenntnis genommen wurden sind. Dem Autor zufolge kann “die seit gut einem Jahrzehnt bestehende Schanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ) zu einem Vehikel für die neue Gas-OPEC werden”. Noch wird die SOZ im Westen je nach Kenntnisstand und analytischem Vermögen meist belächelt oder als nicht funktionsfähig abgetan.
DerEURozentrische Blick, der als Weltmacht immer noch allein die USA zur Kenntnis nimmt, sollte durch Passagen wie die folgende, endlich eine neue Blickrichtung bekommen: “Der Energieklub der SOZ plant auch gemeinsame Projekte in der Atomenergie. Die Staaten wollen ein internationales Zentrum für Kernbrennstoffzyklen errichten, gemeinsam Atomkraftwerke bauen und eine einheitliche Stromversorgung garantieren. Die Wasservorräte der zentralasiatischen Staaten wie Tadschikistan und Kirgisien würden hier Verwendung finden. Damit wäre die asiatische Energieallianz institutionalisiert! Japan möchte in die Pläne eingeweiht werden und liebäugelt mit einem Beobachterstatus in der SOZ. Letztere könnte bald zu einem globalen Akteur auf der weltpolitischen Bühne aufsteigen. Im Fall eines Konflikts mit dem Westen hätte auch die Supermacht USA nicht viel entgegenzusetzen.”
Ein weiterer überlegenswerter Gedanke ist folgender
“Die Schließung der US-Basen in Zentralasien durch die SOZ verdeutlichte die Machtverschiebung in diesem Teil der Welt. Für den Westen wird es immer schwieriger, Russland und die zentralasiatischen Staaten auseinanderzudividieren. Die bunten Revolutionen in Kiew oder in Georgien haben die Despoten in diesem Teil der Welt nachdenklich gemacht. Als sich die zentralasiatischen Autokraten vom westlichen Demokratietransfer bedroht fühlten, rückten sie innerhalb der SOZ-Strukturen enger zusammen.”
So drängt sich der Gedankenschluss, dass “die SOZ als Resultat der Verschlechterung von Beziehungen zwischen Russland und dem Westen entstanden” ist, förmlich auf. Rahr zitiert den russischen Außenminister Sergej Lawrow, “Russland und China [müssen] zusammen die künftige sichere Weltordnung garantieren, auch durch das Festhalten am UN-Völkerrecht. Das westliche Konzept der globalisierten Welt sei gescheitert.”
Solch unmissverständliche Worte zeugen in der Tat von einem neu erwachten Selbstbewusstsein, welches konsequent und zielbewusst eine neue Machtposition in der globalen Hackordnung ansteuert.
Nichtsdestotrotz ist es fraglich von welcher Stabilität das Bündnis in Zukunft sein wird. Im Wesentlichen hängt dies natürlich von der Kooperation zwischen Moskau und Peking ab. Diese wiederum wird zu wesentlichen Teilen davon abhängen “wie weit der Westen Russland nach Asien abdrängt.”
“Russland gibt Gas – die Rückkehr einer Weltmacht” von Alexander Rahr, Hanser Verlag 2008, 250 Seiten, gebundene Ausgabe ISBN: 3-446-41395-2, 19,90EURo.
Weiterführende Informationen über SOZ bei AG Friedsforschung der Uni Kassel, wikipedia und der offiziellen Website.
Photo Quelle/ Copyright: Komsomolskaja Prawda, Wikipedia
Pingback: Readers Edition » Gegner, Konkurrent oder Partner - Russland auf dem Prüfstand