Ein Porträt des Clash-Frontmanns als Punk-Dissident und Troubadour…
“Joe Strummer: The Future Is Unwritten” ist eine wunderschöne Dokumentation unter der Regie von Julien Temple, Freund und Bewunderer des Clash-Frontmanns. Temple, der während seiner Blütezeit in den späten 70ern, frühen 80ern, Videos für The Clash machte und später die Dokumentation über die Sex Pistols “The Filth and the Fury” drehte, spannt auf nette Art und Weise ein Netz zwischen der persönlichen Geschichte des selbsternannten “Punkrock Kriegsherrn” John Graham Mellor und der Geschichte seiner berühmtesten Band.
Mellor/Strummer starb 2002 im Alter von 50 Jahren unerwartet an einem angeborenen Herzfehler. Glücklicherweise, für Betrachter dieses Films, wurde er ausgiebig interviewt. Zusätzlich zu Audio-Interviews mit Strummer, der gesteht, dass er als Jugendlicher “ein großmäuliger kleiner Schwachkopf” war und darüber spricht, wie er lernte im Internat eine starke Front aufzustellen, ist im Film ausführliches Bildmaterial von Freunden, der Familie und Bandkameraden enthalten, die an den Erinnerungen über diesen Mann teilhaben lassen. Bedingt dadurch, dass Strummer einen guten Teil seiner letzten zehn Jahre damit verbrachte, eine Vorliebe für allnächtliche Gesellschafts-Lagerfeuer in Glastonbury und andere Musik-Festivals zu entwickeln, meidet Temple das übliche Sesselgespräch und macht seine Interviews an Feuerstellen im Freien in den USA und Großbritannien. Um das Clash-Ideal, dass Punkrock ein großartiger Gleichmacher sei, zu unterstreichen, lässt er es ebenso bleiben, die einzelnen Sprecher zu identifizieren, weshalb im Nachspann die Namen Prominenter und Nicht-Prominenter, die interviewt wurden, gleichermaßen genannt werden.
Strummer als kreative Antriebskraft
Als einer der politisch entschlosseneren und musikalisch abenteuerbereiten Mitglieder der ersten Generation der Punkrocker hatte Strummer einen tiefgreifenden Einfluss auf viele Menschen. Das Bild, das durch die Lagerfeuer-Erinnerungen auftaucht, beschreibt eine komplexe, mit Fehlern behaftete jedoch insgesamt liebende und gebende Person. Er war eine kreative Antriebskraft, die sich selbst nicht als intellektuellen oder unnahbaren Künstler sah, sondern als jemand, der sich der Graswurzelbewegung anschloss.
The Clash unterstützen ein breites Spektrum an progressiven Kampagnen, von Arbeiterkämpfen bis hin zu Anti-Atom-Aktivismus. Anders als viele ihrer Zeitgenossen mieden sie auch den einfachen Nihilismus. Viele Punks trugen Hakenkreuze und spielten auf Liebeleien mit dem Faschismus an, indem sie ermüdend rechtsgerichtete Vorstellungen als Schockmittel nutzen. The Clash folgten keinen rigiden sektiererischen Parteigrenzen, “Wir sind Anti-Faschisten, Anti-Rassisten und pro-kreativ.”
Darüber hinaus war er, wie der Autor Charlie Bertsch in der Essaysammlung “Let Fury Have the Hour: The Punk Rock Politics of Joe Strummer” bemerkt: “Sogar zu Zeiten seiner größten Kampfeslust war er mehr daran interessiert eine Gemeinschaft von Rebellen aufzubauen, als jene nieder zu reissen, die den Abschluss nicht erreichten.”
Mit Musik zur Solidarität
Einige der interessantesten Musikstücke des Films stammen aus der Zeit Strummers als DJ bei der BBC, wo er das spielte, was später als “world music” bekannt wurde. Diese weltweit beliebte Show wies die Punk-Ikone als musikalischen Internationalisten aus, der an das Potential der Interaktion zwischen den Kulturen und an die Musik als eine fruchtbare Grundlage zur Entwicklung von Solidarität zwischen Menschen glaubte.
Chuck D von der wegweisenden Hip-Hop-Band Public Enemy schrieb im “Interview Magazin”, “Ich habe riesen Respekt vor Joe Strummer. Wie er die Musik benutzte – eine Menge schwarze Musik wie Hip-Hop und Reggae einsetzte – unterschied er sich sehr von den Jungs, die den Rock’n'Roll erfunden haben: Er zollte immer denjenigen, die vor ihm kamen Tribut. Ich bewunderte ihn für seine Bescheidenheit als Künstler.” Vergleichend mit dem, was Strummer für die Arbeit der politischen Hip-Hopper The Coup und Dead Prez leistete, fügt Chuck D hinzu: “Das ist Joe Strummers Vermächtnis – die Idee, dass du jederzeit zu deinem Wort stehen musst.”
Nachdem sich The Clash in den 1980ern unter dem vereinigten Druck gigantischer Berühmtheit, wenig Geschäftssinn und permanentem Rock’n'Roll-Lebensstil selbst zerstört hatten, verbrachte Strummer Jahre damit, an Soundtracks und als Schauspieler zu arbeiten, inklusive eines besonderen Parts in Jim Jarmusch wundervollem Film “Mystery Train“. In der von ihm zusammengestellten Gruppe namens The Mescaleros etablierte er seine Stimme als Bandmitglied erneut, was ihm erlaubte, die musikalische Neugier weiter zu erkunden, die er schon während seiner Arbeit als BBC-DJ gezeigt hatte.
Einige Wochen bevor Strummer starb, kam Mick Jones, sein alter Songwriting-Partner und Lead-Gitrarrenspieler der Clashs auf die Bühne, um die alten Gassenhauer White Riot und London’s Burning mit den Mescaleros zu spielen. Es ist sehr passend, dass der Abend statt eines teuren Wiedervereinigungsevent, eine Londonder Benefizveranstaltung zugunsten der “Fair pay-Kampagne” der Feuerwehrgesellschaft war. Demnach war es nicht überraschend, dass unter den Sargträgern des Begräbnisses Feuerwehrleute waren.
Hier der Trailer zum Film in englischer Sprache:
Dieser Artikel erschien zuerst auf OhmyNews. Die Übersetzung und Veröffentlichung auf der Readers Edition erfolgte mit freundlicher Genehmigung von OhmyNews.
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