Die Gegenwart Afrikas ist die VergangenheitEURopas

Die Abkehr von Traditionen und verbindlichen Normen ist ein fortdauernder und sich beschleunigender Trend in Afrika während der vergangenen 60 Jahre. Millionen Menschen der Landbevölkerung verlassen ihre perspektivlose Heimat auf der Suche nach besseren Überlebenschancen in Städten, Metropolen und heute verstärkt auch im Ausland. Sie stranden in Slums und Ghettos

nair2.JPGDie Abkehr von Traditionen und verbindlichen Normen ist ein fortdauernder und sich beschleunigender Trend in Afrika während der vergangenen 60 Jahre. Millionen Menschen der Landbevölkerung verlassen ihre perspektivlose Heimat auf der Suche nach besseren Überlebenschancen in Städten, Metropolen und heute verstärkt auch im Ausland. Sie stranden in Slums und Ghettos und finden kaum eine reguläre Beschäftigung. Die Schattenwirtschaft und der Untergrund bieten für mehr als 70 Prozent der afrikanischen Stadtbevölkerung (EAC ca.20 Mio.) die einzigen Überlebenschancen.

Auf diese komplexen Probleme reagieren die Regierungen und Verwaltungen mit konsequenten Maßnahmen.

Wegen der Komplexität sind die zahlreichen Aktionen aber ein Kampf gegen Windmühlenflügel. Sie reißen die Slums planmäßig und flächendeckend nieder. Sie bauen Schulen und Krankenhäuser für die Landflüchtlinge. Durch unkomplizierte Gewährung von Kleinkrediten ermöglichen und fördern sie die Umwandlung von Schwarzarbeit in reguläres Gewerbe. Praktikable Bestimmungen für die Erfassung des Straßenhandels werden erlassen und zentrale Marktflächen erschlossen. Die Straßenränder werden geräumt und stattdessen Blumen angepflanzt. Die Händler und Lieferanten müssen beim Warentransport vorgeschriebene Mindestsicherheitsstandards einhalten. Beim unkontrollierten Anzapfen von Wasser-, Gas- und Stromleitungen wird hart durchgegriffen. Der Handel mit Raubkopien jeglicher Art und Drogen ist verboten und wird konsequent verfolgt. Die Kontrollen durch Polizei und teilweise Militär sind strikt und schaffen die nötige Ordnung. Allgemeine Bauvorschriften ermöglichen eine ausführbare Stadtplanung und erhöhen Sicherheit und Qualität der einzelnen Bauvorhaben.

Jedes dieser aufgezeigten Probleme benötigt aber sein eigenes Programm, um gelöst zu werden. Diese Vorgehensweise muss zur Vermeidung von Unruhen stets zwischen Vernunft und Emotionen ausbalanciert werden. Es ist aber die reinste Sisyphusarbeit.
In Afrika findet eine große soziale und wirtschaftliche Umschichtung (Revolution) statt, weg von den sehr eingeschränkten Möglichkeiten des Landlebens, hin zu den angeblich unbegrenzten Möglichkeiten des Stadtlebens. Die Menschen fliehen wegen Hunger und Not aus relativer Unabhängigkeit und Geborgenheit der Gemeinschaft in die Anonymität und Einsamkeit der Gesellschaft. Sie setzen dabei voraus, dass sich ihr Lebensstandard selbst durch unkontrollierte, individuelle Einbindung in den großen Markt automatisch erhöhen wird.

Die afrikanischen Länder erfahren heute die gleiche soziale und wirtschaftliche Revolution, wieEURopa vor 200 Jahren.

In Afrika verläuft der Wandel allerdings schneller und er betrifft auch mehr Menschen. Tausende brechen plötzlich ins Unbekannte auf, verlassen die vertrauten Gemeinschaften, einschließlich ihrer Familien, um sich vom wirtschaftlichen und geistigen Weltgeschehen eine Scheibe abzuschneiden. Hauptauslöser dieser Prozesse sind die einseitigen Informationen, Illusionen und Gerüchte über die Sonnenseiten der Welt. Für die ahnungslose und durch Armut geschlagene afrikanische Landbevölkerung geht vermeintlich die Sonne schon in den außer Kontrolle geratenen eigenen Großstädten auf. Die Auffassung, dass nach der Landwirtschaft, die für die meisten Afrikaner nur zum Vegetieren ausreicht, nichts mehr folgt, ist weit verbreitet.

Weil die Gesetzgebung mit diesem gesellschaftlichen Umbruch nicht Schritt halten kann, stellen die Landflüchtlinge eigene Regeln – z. B. für die Schattenwirtschaft – auf. Während in den entwickelten Ländern Geschäfte in beliebiger Anzahl und Größe im Rahmen von Wettbewerb und Reputation abgewickelt werden, können in der Schattenwirtschaft die Geschäfte nur mit Bekannten und Vertrauten gemacht werden, da jegliche Rechtsgrundlage fehlt. Die Vertrauensgrundlage zwischen den Geschäftspartnern ist dünn, deshalb werden nur die nötigsten Abschlüsse getätigt und somit bleibt ein großer Teil des Wirtschaftspotentials und der Märkte ungenutzt.

Je größer aber der Markt, desto arbeitsteiliger ist er. Je spezialisierter und detaillierter die einzelnen Arbeitsgänge, desto rascher wachsen die Wirtschaft und damit die Löhne und der Geldwert. Auf die so erwirtschafteten Erträge kann generell die Netzwerkformel angewandt werden. Der Nutzen eines Netzwerkes wächst danach mit dem Quadrat der Anzahl seiner Teilnehmer. Ein klassisches Beispiel ist das Telefonnetz. Ein Telefon ist nutzlos, da ich mit mir selbst nicht telefonieren kann. Selbst zwei Telefone sind nicht viel besser. Erst wenn der größte Teil der Bevölkerung vernetzt ist, erreicht das Netzwerk seine volle Wirkung, die bis zu gravierenden gesellschaftlichen Änderungen führt. Ähnlich dem Computernetz müssen die Sachwerte in einer Wirtschaft verknüpft sein, um ihren vollen Wert zu entfalten. Voll vernetzte Werte bleiben nicht nur begrenztes Vermögen für den Eigentümer, die Nachbarn und Bekannten, sondern werden Bestandteile eines großen Marktes. Als Teilnehmer an der offiziellen Wirtschaft erkennt man dann, dass es allgemeingültiger Spielregeln bedarf, die beachtet werden müssen. Andernfalls bricht der Markt zusammen. Wenn diese Erkenntnisse in der Bevölkerung verankert sind, erst dann können die Regierungen Wirtschaftspolitik betreiben, statt Gesetzesverstößen vereinzelt nach zu gehen, dadurch den Gerechtigkeitssinn verletzen und das Bett für Korruption bereiten.

Ein Wirtschaftssystem ist in dem Augenblick lebensfähig, wenn in der betroffenen Gesellschaft die Eigentumsverhältnisse und damit die Geschäftsfähigkeiten geklärt sind. Die dann regulär entstehenden Wirtschaftsgüter können am Markt gehandelt werden und die Regierungen führen lediglich die Marktaufsicht.

Die afrikanischen Regierungen bemühen sich, die Landflüchtlinge zu integrieren, indem sie durch administrative Erfassung jeden Zuwanderer geschäftsfähig machen und sie anfänglich mit dem Überlebensnotwendigen versorgen. Auf diese Weise sind die Flüchtlinge in der Lage am geregelten Leben der Städte teilzunehmen und am wirtschaftlichen Aufschwung mitzuarbeiten. Die Verwaltungen haben erkannt, dass bei einem fehlenden Integrationsangebot die Zuwanderer sich spontan in separaten Gruppen zusammenfinden, die sich abseits von Gesetzen und Vorschriften organisieren und folglich sich nicht mehr steuern lassen.

Leider ist bis heute keine Administration personell und finanziell dem permanenten Ansturm gewachsen.

Polizei und Militär kommen verstärkt zum Einsatz und demokratische Spielregeln werden außer Kraft gesetzt. Drohende Unruhen werden so teilweise und vorübergehend unterdrückt. In der Folge werden aber Ver- und Entsorgung der Städte unbeherrschbar, Gewalt breitet sich aus, die Infrastruktur bleibt unzureichend und geordnete Entwicklung und organisiertes Wachstum sind nur im Rahmen drakonischer Maßnahmen möglich. Darüber hinaus wird durch Aufgabe und Flucht in der Landwirtschaft immer weniger produziert, so dass man sich von der durchaus möglichen Selbstversorgung auch noch immer weiter entfernt. All diese Probleme können nur innerhalb eines geplanten Ordnungs- und Zeitrahmens bei gleichzeitiger effektiver Entwicklungshilfe gelöst werden.

Das Zauberwort der Entwicklungshilfe heißt Bildung für die Bevölkerung und die erforderlichen Administrationen in jeglicher Form und mit allen Mitteln.

Für die EAC als Beispiel gelten als Ausgangslage durchschnittlich ein 40-prozentiges Analphabetentum, 85 Prozent Beschäftigte in der Landwirtschaft und 75 Prozent der Bevölkerung leben von weniger als zwei US-Dollar pro Tag. Die Bevölkerung ist administrativ nicht durchgängig erfasst und die Eigentumsverhältnisse sind nicht lückenlos geregelt. Um dem Chaos Herr zu werden, muss jeder Bürger lesen, schreiben und rechnen können, damit er am wirtschaftlichen (Handel) und politischen (Wahlen) Leben teilnehmen kann. Optimale Ernteerträge, Lagervorräte, Saatgut, organischer Dünger und marktfähige Produkte können nur von geschulten Landwirten erzielt und erzeugt werden. Die Deckung der Grundbedürfnisse (Nahrung, Kleidung, Behausung, Bildung) muss durch rein zweckdienliche Produkte aus der eigenen Bevölkerung erfolgen. Das gibt Sicherheit und Selbstvertrauen. Der Aufbau von Handel und Gewerbe inklusive gediegener Ausbildung schafft existentielle Perspektiven auch außerhalb des Landwirtschaftsbereiches. Die Landflucht wird gebremst. Solch ein sich selbst tragendes Wirtschaftssystem bedarf gezielter Bildungsimpulse, finanzieller Anschubfinanzierungen und eines nicht kalkulierten Zeitfaktors. Mental muss Hilfestellung beim Sprung vom Befehlsempfang zur Eigenverantwortung gegeben werden.

Entwicklungshilfe so an den Wurzeln angesetzt, schlägt die gewünschten Wellen des Erfolges.

Nicht sporadische Nothilfen oder finanzielle Hilfen nach dem Gießkannenprinzip sind angesagt, sondern gezielte Hilfe zur Selbsthilfe bei Basisprojekten vorrangig in Sachen Bildung. Durch die Hilfe der entwickelten Länder muss Afrika die Chance bekommen, ein Sozial- und Wirtschaftssystem, geboren aus der eigenen Kultur und Mentalität, aufzubauen. Die Hilfe vom Kopieren oder Klonen bestehender Verhältnisse abhängig zu machen, ist kontraproduktiv und lässt Afrika auf keinen grünen Zweig kommen.

Bei konsequenter Einhaltung des Prinzips “Hilfe von unten nach oben zur Selbsthilfe” wäre die Explosion in Kenia vermieden worden. Es ist nicht berücksichtigt worden, dass die Art und Weise der westlichen Demokratie in Afrika nicht praktiziert werden kann. Allein alle erforderlichen Utensilien und Vorbereitungen für eine geheime Wahl und Stimmabgabe (Wählerlisten, Wahllokale, Wahlkabinen, Wahlurnen) befremden, da sie in der afrikanischen Kultur unbekannt sind. Eine Wahl ersetzt eben nicht das kulturgegebene afrikanische Palaver. Aus diesem Grund sind Handhabungsfehler beim Wahlprozedere schon vorprogrammiert. Ein tief verwurzeltes afrikanisches Sprichwort lautet: “Du wirst zum Krüppel, wenn du versuchst, die Gangart eines anderen Menschen zu übernehmen.” Außerdem ist nicht zu unterschätzen, dass im tiefsten Inneren die früheren Kolonialherren, der heutige Westen, als Unterdrücker (Tyrannen) angesehen werden, so auch ihre Philosophien und Systeme. Nur Not, Zwang und Eigeninteressen gehorchend wird diese ungeliebte und nicht der eigenen Kultur entsprechende Gangart von den meisten afrikanischen Führern beibehalten oder weiter verfolgt.

Die unterschwellige Missstimmung findet in der willkürlichen Grenzziehung und menschenverachtenden Aufteilung Afrikas noch einmal mehr mächtigen Auftrieb. Alle fühlen es, aber niemand spricht darüber, weil die heutigen westlich orientierten Machthaber gegen den Status quo keine Einwände erheben. Starke negative Nachwirkungen haben auch heute noch die Verhaltensweisen der postkolonialen afrikanischen Vasallen und Statthalter, die zwar Mehrparteienwahlen durchführen ließen, aber Legislative und Wahlkommissionen maßgeblich mit Gesinnungsgenossen besetzten. Zusätzlich unterstützten Polizei und Militär massiv die Amtsinhaber als ihre großzügigen Brötchengeber. Fehlte es an Großzügigkeit und Zuwendungen, so kam es zumindest mit indirekter Hilfe der ehemaligen Kolonialherren zum Staatscoup.

Heute erkennt eine breite Öffentlichkeit die Vergangenheit und die daraus erwachsene Realität.

Sie bläst verhaltend und teils stürmisch aber nachdrücklich zur Emanzipation Afrikas. Als Ziel gilt es, ein den eigenen Bedürfnissen und der afrikanischen Kultur (älteste der Welt) entsprechendes Gesellschaftssystem wachsen zu lassen. Vornehmlich der Westen ist nun verpflichtet aus der Rolle des Elefanten im Porzellanladen auszusteigen und zum Heger und Pfleger ohne Oberlehrer-Manieren zu mutieren.

Um einen Fehlstart bei dem Aufbau eines afrikanischen Gesellschaftssystems zu vermeiden, sollte von einem repräsentativen gesellschaftlichen Roundtable für den Anfang eine Mehrparteien-Demokratie als mögliche Lösung ausgeschlossen werden. Aufgrund der sehr ausgeprägten Stammesbindungen sind nach heutigem Stand stammesübergreifende Parteien mit nachhaltigem Bestand nicht zu bilden. Es zeigt sich immer wieder, dass in Afrika jede Partei als Interessengruppe im Belastungsfall in ihre Stammesteile zerfällt. Im heutigen Afrika zählen unausgesprochen Clan- und Stammesinteressen ungleich mehr als Allgemeininteressen. Beim Überschreiten einer Belastungs- bzw. einer Toleranzgrenze eint die Buschtrommel noch immer den Clan oder Stamm als solchen intern, aber nicht übergeordnet. Die Staats- und Länderidentifikation wird aufgrund der afrikanischen Vergangenheit von den meisten Afrikanern als künstlich und daher nicht belastbar angesehen. Hoffentlich entwickeln die Afrikaner jetzt genug Selbstvertrauen und treffen ihre Entscheidungen selbst. Hoffentlich zeigt sich die übrige Welt als uneigennütziger Helfer und nicht wie bisher als Ausbeuter und Vergewaltiger. Hoffnung besteht durchaus, denn es gibt ja die Menschenrechte…

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