Trist und grau liegt er vor uns – der Freitagabend. Viele unter Ihnen werden sich mittlerweile ein schönes Plätzchen auf dem heimischen Sofa gesucht haben. Bald ein gutes Buch in Händen halten oder aber – wie auch die Redaktion – in den Weiten des Internets unterwegs sein, um einen scharfen Kontrast zum dunklen Geschehen vor den eigenen Fenstern zu ergattern. Eine kleine Hilfestellung auf der Suche nach Licht, Farbe, aber vor allem Unterhaltung könnte da sicherlich auch unser traditioneller Wochenrückblick liefern. Von Afrika geht es nach Zentralasien, von dort nach Großbritannien und in den Irak, um am Ende wieder unter der Sonne des Schwarzen Kontinents zu landen. Fröhlich geht es dabei allerdings nicht immer zu…
Aufruhr in Kenia und das Leben jenseits des Urals
Starten wir also im fernen Kenia und mit einem Artikel, den uns unser fleißiger Autor Franz Alt schon vergangenen Freitag zukommen ließ. “Kenia: Aufruhr der Armen” titelt er diesmal und schildert auf eindringliche Weise die Zustände Kenias nach der letzten Wahl. Hunderte wurden ermordet, Kirchen in Brand gesteckt, mehr als 100.000 Menschen seien auf der Flucht beschreibt er schon zu Beginn das schreckliche Szenario. Ein Bürgerkrieg droht einem Land, das einstmals als relativ stabil galt und jetzt zunehmend im Chaos zu versinken scheint. Die Machtgier hält Einzug in Kenia – zu Lasten von 38 Millionen Menschen, von denen viele nun den Aufstand proben. Doch ein Patentrezept für eine Lösung gibt es in Alts Augen nicht. Für das aktuelle Dilemma sollte jedoch gelten: “neu wählen oder nochmals zählen – falls nicht zu viele Stimmen inzwischen verschwunden sind. Dabei geht es nicht ohne verstärkte internationale Aufsicht. Nicht einzelne Länder, der Westen muss dafür geschlossen Druck auf die Regierung in Nairobi ausüben.” Bei all dem vorherrschenden Leid sieht Alt jedoch auch einen Hoffnungsschimmer und erzählt vom Engagement seiner Tochter Caren in den Slums dieses Landes. Ein lesenswerter Beitrag, bei dem der Betrachter erfährt, das auch er nicht hilflos aus der Ferne zusehen muss.
In die Ferne zieht es uns erneut in Anbetracht unseres nächsten Artikels. “Yigit kishiga etmish hunar oz – Für einen jungen Kerl sind siebzig Berufe dürftig.” Schallt es uns am vergangenen Montag entgegen. Exotische Klänge auf der Readers Edition? Oh ja, denn an dieser Stelle möchten wir ganz herzlich unsere neuesten Partner willkommen heißen. Tethys.caoss.org, ein nonkommerzielles Webblog, dass zu zentralasiatischen Themen mit Hilfe regionaler Spezialisten berichtet, wird anhand ausgewählter Beiträge künftig auch hier zu finden sein. Ihr Debüt gab die Autorengemeinschaft mit einem Artikel von Michael Angermann, der uns von den Bestrebungen des 36-jährigen usbekischen Handelstreibenden Akmal berichtet. Durch Akmals Lebensgeschichte erhält der Leser Einblicke in die Wirtschaftsentwicklungen einer uns bis dato noch ein wenig fremden Welt. Personalisiert und mit unterhaltender Leichtigkeit geschrieben, kann nun eingetaucht werden in das Treiben der Oasenstadt Osch und die steten Bestrebungen von nicht müde werdenden Akteuren vom Typ Akmals, die die Bewohner Zentralasiens auf teils abenteuerliche Weise auszustatten und zu versorgen vermögen. Die Readers Edition – und hoffentlich auch Sie – freut sich schon jetzt auf viele weitere spannende Berichte, Reportagen und alles, was uns sonst noch so erreichen wird.
Musiklegenden und grausame Wahrheiten
Packend gestaltet sich auch der Beitrag von Benjamin Terrall. “The Future is Unwritten” bespricht die in seinen Augen wunderschöne Dokumentation Julien Temples über Joe Strummer, Frontmann der legendären Formation The Clash. Mit Begeisterung beschreibt er die Vorgehensweise des Filmemachers, der auch schon einschlägige Werke zum Beispiel über die Sex Pistols veröffentlicht hat. Lagerfeuer und Interviews – eine Hommage an einen ganz großen Künstler, der bereits im Alter von 50 Jahren leider viel zu früh von uns gegangen ist. Was soll also an dieser Stelle weiter vorweg genommen werden. Am besten lesen und in die Welt des Punks versinken. Viel Vergnügen!
… und diese kleine Ablenkung tut sicherlich Not, denn Johann Schewe beschert uns mit seinem Artikel “Iraq Body Count” nicht gerade ein fröhliche Aussichten. Sondern vielmehr das pure Gegenteil. Sein Augenmerk gilt den Opfern der Auseinandersetzungen im Irak, die derzeit eher wenig in den Medien präsent sind. Und das, obwohl nach wie vor Bomben, Morde und Entführungen an der Tagesordnung für irakische Zivilisten sind. Wie vielen Menschen dieser Zustand in den letzten fünf Jahren zum Verhängnis wurde, darüber gibt es unterschiedliche Angaben. Schewe zitiert allerdings an dieser Stelle die Organisation Iraq Body Count, deren Angaben zufolge “seit Beginn des Konflikts im Jahr 2003 bis zum Dezember 2007 zwischen 80.331 und 87.742 Zivilisten getötet worden, wohingegen der irakische Gesundheitsminister Ali al-Shemari schon im November 2006 von zwischen 100.000 und 150.000 Kriegstoten ausging”. Doch schenkt man einigen Studien Glauben, dann liegt der “Blutzoll” noch viel höher. Die Zahlen schnellen in die Höhe und die Prognosen sehen düster aus. Aktuell könnte der Stand schon bei über einer Million liegen. “Zeit, dass der Krieg im Irak wieder auf die außenpolitische Agenda der Weltgemeinschaft rückt”, das steht für den Autor fest.
Die Gegenwart im Spiegel der Vergangenheit
Zu Wochenmitte meldet sich auch unser “Afrika-Experte” Wolf Rüdiger Eßmann wieder zu Wort. In “Die Gegenwart Afrikas ist die VergangenheitEURopas” zieht er Parallelen in der Entwicklung beider Kontinente – allerdings mit gehörigen Abstand. Gewohnt eindrucksvoll schildert er die Situation gerade der Landbevölkerung, die auf der Flucht vor Hunger und Armut in Städte, Metropolen und auch ins Ausland abwandert. Slums und Ghettos sind die Folge dieses Prozesses. Die Zustände sind mehr als nur verheerend. Der Untergrund ist auf dem Vormarsch und die Schattenwirtschaft blüht. Die Regierungen tun ihr Möglichstes, um die Lebensumstände dieser Menschen zu verbessern. Kleinkredite werden vergeben, Schulen und Krankenhäuser gebaut, Polizei- und Militärkontrollen verschärft. Doch diese Bestrebungen gleichen in Eßmanns Augen eher einer Sisyphusarbeit, als das sie wirklich nachhaltig helfen. Die Gesetzgebung hinkt den rasanten gesellschaftlichen Entwicklungen hinterher, die Infrastruktur lässt zu wünschen übrig. Das Zauberwort für die Entwicklungshilfe könnte allerdings lauten: “Bildung für die Bevölkerung und die erforderlichen Administrationen in jeglicher Form und mit allen Mitteln” – gezielte Hilfe zur Selbsthilfe also. Seine Hoffnung äußert er demnach am Ende auch so: “Hoffentlich entwickeln die Afrikaner jetzt genug Selbstvertrauen und treffen ihre Entscheidungen selbst. Hoffentlich zeigt sich die übrige Welt als uneigennütziger Helfer und nicht wie bisher als Ausbeuter und Vergewaltiger. Hoffnung besteht durchaus, denn es gibt ja die Menschenrechte”.
Mit diesem Hoffnungsschimmer verabschiedet sich die Redaktion nun auch schon wieder ins Wochenende. Nicht ohne jedoch noch einmal löblich die frisch gekürten Artikel des Monats Dezember zu erwähnen. Den ersten Platz erreichte auch hier Wolf Rüdiger Eßmann mit seinem Beitrag “Ruanda – Ohne mich gäbe es statt 5.350.472 armer Menschen einen weniger“. Den zweiten Rang belegt unsere Jung-Autorin Christina Kehl mit “Anti-Doping-Kampf: ‘Doping muss uncool sein’“, gefolgt von Hannes Mosler mit “Südkorea vor der P-Wahl“. Allen drei fleißigen Schreiberlingen an dieser Stelle noch einmal herzlichen Glückwunsch und natürlich – Weiter so! Bis nächsten Freitag…
Ihre Redaktion Readers Edition
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