Was läuft da nur schief? Jessica hat im Frühjahr 2003 den Schultest bestanden, dennoch schlug der Schuldirektor für die damals Sechsjährige eine dreiwöchige Therapie vor, weil das Mädchen möglicherweise zu lebhaft sei.
Knapp zwei Jahre später verfasst das Heim, in dem Jessica lebt, folgenden Bericht: “Sie isst sehr gierig, füllt Teller und Gläser bis zum Überlaufen, verschüttet einen Teil und stößt einen anderen dann um; die gemeinsamen Mahlzeiten mit ihr sind für alle Beteiligten eine Herausforderung.
Jessica hat große Schwierigkeiten mit der Körperhygiene, sie will sich nicht ihre Zähne putzen und duschen, benutzt hartnäckig kein Toilettenpapier und reagiert nur sehr schwerfällig auf entsprechende erzieherische Maßnahmen.”
Welche Gründe hat diese erzieherische Bankrotterklärung? Sind sie nur bei Jessica zu suchen? Nur im Heim? Beides dürfte falsch sein. Doch die Signale, die von der Achtjährigen im Jahre 2005 gesendet werden, sind eindeutig: Wo sie ist, möchte sie nicht sein.
Nachts festgeschnallt
Die Ursachenforschung beginnt in der Petition, die Sabine und Frank Müller am 25. Dezember 2007 an dasEURopäische Parlament geschickt haben und mit der sich der Ausschuss im Frühjahr 2008 beschäftigen wird.
Nach langen Hin und Her dürfen die Eltern Jessica im Heim besuchen, der erste Besuch findet unter Tränen des Kindes statt, beim zweiten Besuch läuft sie den Eltern entgegen: “Ich dachte schon, ihr würdet nicht kommen.”
Ein oder zwei Schoko-Hasen?
Für die Betreuerin von Jessica wäre das Eine weniger schlimm gewesen als das Andere. “Jessica, ich habe dir doch gesagt, wenn deine Eltern kommen, kriegst du einen Schoko-Hasen, und wenn sie nicht kommen, kriegst du zwei Schoko-Hasen.”
Später sind Sabine und Frank Müller mit ihrer Tochter auf einem Spielplatz. Jessica schlägt ein Rollenspiel vor. Frank Müller soll Jessica spielen, Jessica will in die Rolle ihrer Erzieherin schlüpfen. Das Rollenspiel beginnt damit, dass sich Frank Müller auf eine Bank setzen soll: “Papa, das ist mein Bett.” Dann soll er die Arme auf die Lehne legen. Jessica sagt: “Jetzt schnalle ich dich fest, damit du nicht aufstehst.”
Auch ihren Geburtstag feiert das Mädchen im Heim. Jessica schmeckt der Kuchen, sie will sich noch ein Stück nehmen. Doch in diesem Augenblick wird sie von einem Erzieher herumgerissen: “Lass das, du bist da zu blöd für.”
Gutachter kennt das Heim nicht?
Vor dem Amtsgericht in Mönchengladbach-Rheydt gibt es am 25. Mai 2004 den ersten Anhörungstermin, das Gericht bestellt einen Gutachter, Jessica wird von ihm im Heim untersucht. Dieser Gutachter wird mir am 13. Januar 2008 mitteilen: “Das angesprochene Heim kenne ich nicht.”
Auch Jessica wird vor Gericht gehört, die Eltern stehen auf dem Flur, das Mädchen wird von einer Erzieherin ins Richterzimmer gebracht, nach einer Weile kommen sie wieder heraus und gehen wortlos an Sabine und Frank Müller vorbei.
Fortsetzung folgt…
- Böse Kinder kommen in böse Kliniken (I)
- Papa, böse Kinder kommen in böse Kliniken (II)
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