Umbruchjahr 1968 (IV): Nach Attentat auf Rudi Dutschke Straßenschlachten in Berlin

“Doch der Konflikt eskaliert, begleitet von starken Worten auf beiden Seiten. Er erreicht seinen Höhepunkt nach dem Attentat auf den Berliner SDS-Sprecher Rudi Dutschke, als aufgebrachte Demonstranten behaupten: ´BILD schoss mit´, Verlagsgebäude belagern und Lieferfahrzeuge in Brand stecken”, heißt es in einem Rückblick des “museumsmagazins”, veröffentlicht in der Februar-Ausgabe 2002

bsz.jpg“Doch der Konflikt eskaliert, begleitet von starken Worten auf beiden Seiten. Er erreicht seinen Höhepunkt nach dem Attentat auf den Berliner SDS-Sprecher Rudi Dutschke, als aufgebrachte Demonstranten behaupten: ´BILD schoss mit´, Verlagsgebäude belagern und Lieferfahrzeuge in Brand stecken”, heißt es in einem Rückblick des “museumsmagazins”, veröffentlicht in der Februar-Ausgabe 2002 zum 50-jährigen Bestehen des Boulevardblattes.

11. April 1968: “Bild” erscheint mit der Schlagzeile “Rudi Dutschke – Staatsfeind Nr. 1“. Bereits am Vorabend ist ein 23-Jähriger aus München um 21.52 Uhr in den Nachtexpress nach Berlin gestiegen. Zu seinem Gepäck gehört ein alter Colt.

Der 11. April 1968 ist ein herrlicher Gründonnerstag, die Sonne strahlt vom Himmel, Rudi Dutschke, als so genannter “Chefideologe” des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) an diesem Tag für “Bild” der größte Feind des Staates, schwingt sich auf sein Fahrrad und macht sich auf den Weg zu einer Apotheke. Sein zwölf Monate alter Sohn braucht eine Medizin. Vorher schaut Rudi Dutschke im SDS-Zentrum vorbei, es ist etwa 16 Uhr, jemand sagt: “Rudi, da hat eben jemand nach dir gefragt.” “O. k.”, antwortet er, “soll unten warten.”

23-Jähriger schießt drei Mal

Nach einer geraumen Zeit setzt Rudi Dutschke seine Fahrt zur Apotheke fort. Dort angekommen, bemerkt er einen Mann, der auf ihn zukommt. Dieser Mann fragt: “Sind Sie Rudi Dutschke?” “Ja”, antwortet Rudi Dutschke. Der 23-Jährige, der sich am Vorabend in den Nachtexpress nach Berlin gesetzt hat, zieht eine Pistole, schießt dreimal.

Später sagt der Schütze vor Gericht aus: “Ich war so im Hass, ich hatte so eine Wut.” Der Richter fragt daraufhin: “Sie kannten ihn?” Die Antwort des Angeklagten: “Man kennt ihn von Bildern.”

Der Tübinger Rhetorikprofessor Gerd Ueding kennt Rudi Dutschke nicht nur von Bildern, in der November-Ausgabe 2007 des evangelischen Magazins “crismon” erinnert er sich an den Februar 1968: “Die Diskussion darüber, ob Deutschland eine Revolution braucht, konnte beginnen. Ich war vorher ganz schön verhalten, mal gucken, dachte ich nur Was niemand geahnt hatte: Das Gespräch geriet zu einer Sympathieveranstaltung für Rudi Dutschke.

Herausragender Rhetoriker

Natürlich war er ein Agitator. Aber so wie er im Fernsehen erschien – regelrecht fanatisch -, wirkte er in Bad Boll überhaupt nicht. Er war charmant, ein herausragender Rhetoriker und was alle Anwesenden faszinierte, war seine echte Empörung über politisches, soziales Unrecht. Zum Beispiel der Krieg in Vietnam. Dutschke war glaubwürdig, keine redende Funktionärsmaschine. Wir waren atemlos von dem, was da vor uns passierte. Für die Studentenbewegung bedeutete es eine Öffnung zu wichtigen Vertretern des linken sozialistischen Denkens Politische, intellektuelle oder philosophische Diskussionen auf diesem Niveau gibt es heute leider nicht mehr.”

Die Meldung von dem Attentat auf Rudi Dutschke rast am 11. April 1968 um die Welt, bei einer Pressekonferenz erklärt der SDS Axel Springer zum Hauptschuldigen für dieses Attentat. 2000 Studentinnen und Studenten versammeln sich im Audimax der Technischen Universität.

Es ist 23 Uhr, als sich 5000 Demonstrantinnen und Demonstranten auf den Weg zum Springer-Hochhaus machen. Dort klirren Scheiben, fliegen Steine, verteilt jemand Molotowcocktails, Auslieferungswagen gehen in Flammen auf, der “Spiegel” berichtet über diese “Osterunruhen”: “Es kam zu Straßenschlachten, wie sie Westdeutschland seit der Weimarer Republik nicht mehr gekannt hatte.”

Karfreitag ist Rudi Dutschke außer Lebensgefahr.

Fortsetzung folgt…

Mehr zum Thema:

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