“Don Quixote nun mit seinem Verstande zum Beschluß gekommen, verfiel er auf den seltsamsten Gedanken, den jemals ein Tor auf der Welt ergriffen hat, denn es schien ihm nützlich und nötig, sowohl zur Vermehrung seiner Ehre, als zum Besten seiner Republik ein irrender Ritter zu werden und mit Rüstung und Pferd durch die ganze Welt zu ziehen, um Abenteuer aufzusuchen und alles das auszuüben, was er von den irrenden Rittern gelesen hatte, alles Unrecht aufzuheben und sich Arbeiten und Gefahren zu unterziehen, die ihn im Überstehn mit ewigem Ruhm und Namen schmücken würden”.
Dies schrieb Cervantes bereits 1604 in seinem berühmten Roman “Don Quijote von la Mancha“. Der müßige Leser weiß, dass der verirrte Ritter nicht allein, sondern zusammen mit seinem Knappen Sancho Pansa durch die “Welt” zog, Hirngespinsten auf der Spur. Ein bisschen muten die Äußerungen und Kommentare der Ministerpräsidenten Günther Oettinger und vor allem Roland Koch, der Eine aus Baden Württemberg, der Andere aus Hessen, auch an. Doch die literarische Figur des Dons war harmlos bisweilen wunderlich, die Auslassungen der beiden “Länderfürsten” sind es nicht.
Filbinger war kein Anhänger des Nationalsozialismus
“Die Volksgemeinschaft als Blutgemeinschaft muss rein erhalten und die rassisch wertvollen Bestandteile des deutschen Volkes planvoll vorwärts entwickelt werden”, schrieb Hans Karl Filbinger 1935 in einem Aufsatz. Noch wenige Tage vor Kriegsende 1945 fällte erwiesenermaßen der ehemalige baden-württembergische Ministerpräsident Filbinger, als Marinerichter, Todesurteile.
Für einen der Nachfolger im Amt des Ministerpräsidenten, Günther Oettinger waren dies keine Gründe zu behaupten, Filbinger sei kein Anhänger der Nazis gewesen. Wenig später musste Oettinger, auf Druck seiner eigenen Partei (CDU), diese seine Aussage zurückziehen. Mit “Scheiß-Privatsender” bezeichnete unlängst der Ländle-Premier “RTL” und “RTL II”, die seiner Meinung nach jugendgefährdende Programme ausstrahlen. Wir können alles außer Hochdeutsch, wird hier zur traurigen Gewissheit und man läuft nicht Gefahr, das Wirken privater Sender gutzuheißen, wenn man in diesem Falle von Entgleisung spricht.
Ministerpräsident von sich selbst irritiert
Ist es mangelndes Niveau, Populismus der etwas anderen Art oder gar Missachtung des interessierten Publikums, wenn der hessische Ministerpräsident Roland Koch fordert, auch Kinder unter 14 Jahren in den Knast zu stecken, angesichts jugendlicher Gewaltkriminalität. Um einen Tag später in der “ZDF” Nachrichtensendung “heute” zu erklären: “Ich gebe zu, als ich das gelesen habe, war ich auch irritiert. Keiner will Kinder wegsperren”. Und dies nur äußert, und das darf unterstellt werden, da er unter massivem Druck der Öffentlichkeit und seiner eigenen Partei, der CDU, stand.
Das Unappetitliche an Kochs Wahlkampf in Hessen ist die Stigmatisierung von Ausländern und Bürgern mit Migrationshintergrund. Ist er so doch schon einmal an die Macht gekommen. Natürlich gibt es ein Gewaltproblem, ausgeübt von Jugendlichen zunehmend aus Migrantenfamilien, aber dies zu lösen bedarf es sachlicher und kontinuierlicher Arbeit. Aber kann ein Ministerpräsident der sich selbst irritiert wiedergewählt werden?
Kampf gegen das Verbrechen
Roland Kochs Kampf gegen das Verbrechen gerät zur Farce. Die bestausgebildete, bestbezahlte und bestausgerüstete Polizei (Originalton Koch) wurde um einige Hundert Stellen reduziert. Dafür gibt es neue Haftplätze, so Koch auf einer Wahlveranstaltung. Der Vorschlag des Ministerpräsidenten Kinder unter 14 Jahren bereits einzusperren, kommentierte der Direktor des kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, Christian Pfeiffer so: “Je jünger Menschen hinter Gitter kommen, umso höher ist die Rückfallquote“.
Offenbar kennt sich der hessische Ministerpräsident in seinem eigenen Bundesland nicht mehr aus. Die “SZ” veröffentlichte gestern eine Statistik, derzufolge schwere und gefährliche Körperverletzung von 14 -18jährigen seit 1999 in Hessen um 66 Prozent gestiegen ist, im Bund dagegen nur um 27,5 Prozent. Gewaltkriminalität insgesamt verzeichnete eine Zunahme von in Hessen 35 Prozent und “nur” 12 Prozent bundesweit. Auch die Jugendstrafverfahren dauern im Land des Brutalstmöglichenaufklärers mit 4,1 Monaten deutlich länger, als in anderen Bundesländern. Es drängt sich geradezu auf, dass Roland Koch für etwas gewählt werden möchte, was er mit seiner Politik in Hessen, zu ändern, bislang versäumt hat.
Die Narrheit dessen
Natürlich, bei all diesen Vorgängen und Äußerungen ob von Günther Oettinger oder Roland Koch taucht die Frage auf, darf denn heutzutage alles unkontrolliert und unüberlegt, konsequenzlos gesagt werden. Nein, das darf es, um einer besseren Glaubwürdigkeit willen, nicht. Mehr Seriösität wäre wünschenswert.
Ob fahrend oder irrend, es liegt beim Wähler Gottseidank, das letzte Wort, die Entscheidung. “Die Kaufleute hielten still, um die Worte zu hören und die seltsame Gestalt zu beschauen, die sich hersagte, und aus dieser Gestalt und den Worten merkten sie sogleich die Narrheit dessen, dem beides angehörte.”
Bite nicht alles in einen Topf werfen!!! Kann man denn in Sachen Oettinger/Filbinger wirklich so blind drauflos schreiben ohne sich zu informieren?
Der Autor sollte wenigstens innerhalb der RE entdeckt haben, dass es mehr als nur
zwei Regungen von Filbinger gab, die in seine Beurteilung einfließen müssen,
s. meinen Beitrag vom 1.5.2007 in der RE, der nachweist, dass der Altkatholik
Filbinger im Verborgenen gerade kein Freund des Nazi-Regimes war und sich im
antinazistischen Freiberger Kreis als anerkannter Gegner des Regimes umtrieb.
Dass er früher auch von Rassereinheit gesprochen hatte, steht dem nicht entgegegen. Dass er politisch schwach war, rechtfertigt nicht, unvollständig und falsch über ihn zu berichten.