Volly Tanner traf sich mit dem Literaturundergroundurgestein und Ariel-Verlagschef Oliver Bopp zu Highszgetränk und Plausch. Das Ergebnis ist hier lesbar und klingt überhaupt nicht lustig…
Volly Tanner: Hallo, Oliver, wir kennen uns ja aus den alten Undergroundzeiten – damals, als der Social Beat um sich schlug – erklär doch mal bitte dem Leservolk, was und wer der Ariel-Verlag ist.
Olli Bopp: Der Ariel-Verlag kommt da her, wo der revolutionäre hessische Landbote Büchner herkommt. Aus dem hessischen Ried. Doch für was er steht ist alles andere als ländlich. Dafür revolutionär. Er ist ein Zugang übers Buch zum literarischen Underground. Der Ariel-Verlag wurde 1993 während der Mainzer Minipressen-Messe gegründet. Bereits ein Jahr zuvor war ich schon als Herausgeber der Undergroundliteratur-Zeitung “Cocksucker” tätig. Dabei entstanden die Kontakte zu den ersten Autoren bei Ariel wie z.B. Roland Adelmann oder Hartmuth Malorny. In dieser Zeit gab es ein großes kreatives Potenzial an jungen wilden Dichtern, dessen kollektive literarische Sturm und Drang Zeit später einen Namen erhielt: Social-Beat.
Der Ariel-Verlag avancierte zum verlegerischen Sprachrohr dieser Bewegung. Mit Anthologien (Downtown Deutschland, Asphalt Beat) und Einzelpublikationen. Im Laufe dessen erfolgte aus Synergiegründen auch die Vereinigung mit dem Essener Isabel-Rox-Verlag. Etwa mit Ende der 90er verstummte die zuvor so laute Stimme der Social-Beat Szene weitestgehend. Da es aber das definierte Selbstverständnis des Ariel-Verlages ist, von den Publikumsverlagen verschwiegene oder verfälscht wiedergegebene (weil nicht repräsentativ), subkulturelle Strömungen zu dokumentieren, widmete der Verlag sich fortan u.a. der Poetry-Slam Bewegung. Anthologien und Einzelpublikationen – wie gehabt. Der erfolgreichste Slam-Teilnehmer Jaromir Konecny entwickelte sich gar zum wichtigsten Verlagsautor. Die großartige Performance-Dichterin Tracy Splinter (National-Slam Siegerin) hat bei Ariel ihr Gesamtkunstwerk, die CD “Verbalize” veröffentlicht.
Volly Tanner: Siehst Du zur Zeit in Deutschland eine aussagekräftige Undergroundszene? – Ich meine eine Strömung, die sich nicht dem derzeit erfolgreichen PoetrySlamZirkusRegeln unterwirft, die eigenständig und kraftvoll ist?
Olli Bopp: Nein, sehe ich nicht. U.a. deshalb sieht es gerade auch mau aus mit Neuerscheinungen im Ariel-Programm. Es gibt keine Bewegung zu dokumentieren. Natürlich gibt es Einzelkämpfer. Kersten Flenter macht z.B. in Hannover viel und hat vor kurzem Platz 9 bei einer Wahl des NDR zum schönsten Liebesgedicht des Nordens belegt. Wer hätte das früher gedacht? Da hat sich nicht Kersten sondern das Land verändert. Es gibt auch vereinzelt schöne junge U.-Lit.-Fanzine-Projekte wie den Straßenfeger oder Vorsicht Schreie. Ich habe mit der Internetseite undergroundstation.de versucht einige dieser Projekte gemeinsam zu bewerben. Aber so ein kollektives Aufbäumen wie zu Social Beat Zeiten – übrigens in Romanform in meinem Buch BAM WAM festgehalten – gibt es bei weitem nicht. Und um Deiner wohl nächsten Frage vorzugreifen, an was liegt das? Ich habe ja in “Ruckzuck Kultpoet” beschrieben wie einfach es im Grunde ist so etwas aufzuziehen. Man könnte auch meinen, dass die moderne Telekommunikation u.s.w. die Vernetzung noch einfacher machen würde. Aber ich denke das Gegenteil ist der Fall. Social Beat ist gerade mal 15 Jahre her, aber doch war die Welt da ganz anders: Kein Internet, keine E-Mails, wir haben Briefe geschrieben wie die Weltmeister und haben Bücher aufgesogen, zerpflückt. Das geschriebene Wort hatte einfach mehr Wert. Heute geht es viel um die Optik. Man verbringt Zeit bei YouTube statt über Büchern. Am Anfang von Poetry Slam ging es auch noch um Texte, jetzt inszeniert man sich dort meist nur noch.
Volly Tanner: Wovon lebst Du denn dann eigentlich, wenn der Verlag zur Zeit eher ruhend ist?
Olli Bopp: Nicht ganz ruhend. Es ist eine Neuauflage von Roland Adelmanns “Blues im Morgenmantel” geplant und der Videofilm “Downtown Deutschland Die Kaltlandtour” soll als DVD kommen. Also die Backlist wird gepflegt und es wird sicher auch wieder mal neue Titel geben. Im Moment beschäftige ich mich die meiste Zeit mit einem musikalischen Soloprojekt. Das Geld kommt durch die Buchhandlung rein. Die habe ich vor 7 Jahren hier auf dem Land eröffnet. Leider gibt es hier kein Underground-Publikum, aber die Leute sind froh, dass sie für ihren Buchkauf nicht extra in die Stadt müssen. Der Verlag hat noch nie wirklich Geld abgeworfen. Wenn was eingenommen wurde hab ich das schnell in neue Bücher gesteckt. Allerdings, immer wenn es in der Szene ruhiger wurde, gab es natürlich gleich weniger Bestellungen. Da schließt sich wieder der Kreis.
Volly Tanner: Rodney Adelmann war ja auch oft und gut in Deinem “Cocksucker” vertreten. Soll’s auch in dieser Richtung weiteres geben?
Olli Bopp: Wenn Du den Cocksucker meinst, da werde ich wohl nie mehr eine konstante Erscheinung in regelmäßigen Abständen hinbekommen. Aber ich stelle das Projekt nicht offiziell ein. Wenn mir danach ist, dann wird es immer mal wieder eine Ausgabe geben. Was den Adelmann-Style angeht, so würde ich mich freuen, wenn sich Schreiber an ihm ein Beispiel nehmen würden. Aber kopieren kann man ihn nicht. Es sollte bei jedem Autor ein großer Mix an Einflüssen zu einem ganz eigenen Stil führen. Aber solange keine ambitionierte Szene aus dem Quark kommt, machen Buchpublikationen in Auflage bei Ariel keinen Sinn.
Ein Beispiel. Im der heutejournal Nachtausgabe wurde mal Malorny porträtiert. Sah echt interessant aus. Er so beim Steuern einer U-Bahn und dann beim Lesen seiner Texte. Daraufhin gab es keine einzige Bestellung. Und das lag nicht an Malorny. Jaromir Konecny verkaufen wir zwar konstant, aber wenig im Verhältnis zu der umjubelten Lesungs-Ochsentor, die er betreibt. Jaromir wollen die Leute vielleicht eher live sehen. Sein Slang ist ja legendär. Wobei man, wenn man will, den Slang auch hören kann wenn man die Texte selbst liest. Leute, lest seine Romane, die kann er schließlich nicht auf der Bühne bringen. Da entgeht Euch was!
Aber ich will die Nachwuchsschreiber nicht zu sehr desillusionieren. Denn es gibt ja noch dieses direkte ungefilterte Medium in das keine Lektoren reinpfuschen, diese eine große Zeitschrift, die laut William Carlos Williams nie stirbt, die an bestimmten Stellen voll aufblüht, wieder vergeht und an anderer Stelle wieder zutage tritt. Der Gedanke gefällt mir.
Volly Tanner: Zweitausendeins kommt ja gerade mit einem Bukowski raus, da ist ja auch irgendwo Deine Heimat, wenn ich mich an die große Party in Boxbrunn erinnere. Gibt’s denn Zusammenarbeiten mit ähnlich gelagerten Verlagen?
Olli Bopp: Bei Ariel gibt es die Briefe von Bukowski an seinen deutschen Onkel als Buch. Dann noch “Ein todsicherer Tip” von Gerald Locklin über Buk. Und jedes Jahr das Jahrbuch der Charles Bukowski Gesellschaft. Hank ist also gut vertreten. Alle Fans kann ich nur bitten in die Gesellschaft einzutreten. Wie jede Organisation braucht auch diese zahlende Mitglieder. Und wenn man dann noch zu einen der Treffen nach Andernach kommt, dann kann es passieren, dass man sich wie ich Nachts mit Linda King in einer Kneipe wieder findet. Und das war keine Halluzination im Suff…
Volly Tanner: Was sagst Du eigentlich zu den vielen Internetcommunitys – die ja auch literarisch aktiv sind. Zerstört das das Projekt Buch?
Olli Bopp: Der Müll-Bücherberg wird weiter wachsen. Das zeigt schon allein die Kohle die bei bod und den Druckkostenzuschuss-”Verlagen” gemacht wird. Es wird immer Schreiber geben, die bereit sind Geld dafür zu zahlen, dass ihr Name auf einem Buch steht.
Dann der Teufelskreis der Neuerscheinungs-Masse die die Publikumsverlage betreiben. Weil die Verkaufszahlen halt leider bei denen für Neuerscheinungen sprechen. Da werden die einzelnen Titel bzw. Autoren nicht mehr im ursprünglichen verlegerischen Sinne gepflegt. Im Gegenteil. Wenn man mit den Verlagen telefoniert oder auf der Messe spricht, wissen die oft gar nicht, dass ein bestimmtes Buch bei ihnen erschienen ist. Auf längerfristige Lieferbarkeit wird sowieso geschissen. Wenn bei mir im Laden jemand ein Buch bestellen möchte, welches vor zwei oder drei Jahren erschienen ist, dann bleibt oft nur noch die antiquarische Suche.
Die Frage der Qualität ist subjektiv. Ich bin der Meinung, dass es eher zu viele Bücher gibt. Wenn die Leute sich im Internet austoben und uns dadurch mit Büchern verschonen – soll mir Recht sein.
Umso mehr Daseinsberechtigung haben Verlage, die genau abwägen, ob ein Buch wichtig ist oder nicht. Denn der Beliebigkeit sollten wir die gute alte Schwarte nicht überlassen.
Volly Tanner: Möchtest Du abschließend noch etwas sagen, was Dir auf den Nägeln brennt???
Olli Bopp: Wer will kann den ersten und einzigen deutschen Underground-Feed mit Infos von der Bukowski-Gesellschaft, Ariel-Verlag und rund um die Projekte bei undergroundstation.de nutzen. Wer regelmäßig kostenlos was lustiges von Jaromir Konecny lesen will, kann sich sein “Wort zum Monat” bestellen. Kommt dann per E-Mail. Kontakt: ariel-verlag.de Wer nicht genug von ihm kriegt: Beim ZVAB hat er auch einen Blog laufen. Noch ein Tipp für Autoren und Verleger: Bei buchverzeichnis.eu kann man selbst kostenlos seine Publikationen listen.
Und zum Schluss zwei ganz frische Sachen. Erstens machen wir gerade spontan etwas, was wir noch nie gemacht haben. Wir bringen bei Ariel ein Spiel heraus. Das hat zwar nichts mit dem Grundkonzept des Verlages zu tun, aber mich hat noch nie ein Spiel so begeistert wie dieses. Wer mitspielen will: schnixschnax.de. Zweitens ist gerade bei Ariel die bereits vierte CD von der “Dichterschlacht” erschienen. Das ist der überaus erfolgreiche Slam in Darmstadt. Und das ist meine Geburtsstadt.
Volly Tanner: Danke, Olli – und halt die Ohren steif!
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