Der Mobiltelefonproduzent Nokia möchte über seine Handys Menschen miteinander verbinden. Eine tolle Sache! “Nokia”, heißt es bei dem finnischen Handy-Hersteller, “Connecting People”. Tatsächlich funktioniert der Spruch: Millionen Menschen weltweit greifen tagtäglich zu ihrem Nokia-Handy und kommunizieren mit anderen Menschen. So weit, so gut? Nein. 2300 Menschen aus Bochum und Umgebung – die vielleicht zu einem Großteil auch mit Nokia-Geräten mobil telefonieren – dürften den Nokia-Slogan “Nokia Connecting People” seit gestern als äußerst zynisch empfinden. Denn die eiskalten Konzernbosse in Helsinki haben die 2300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, welche im Nokia-Werk Bochum für sie schuften, gewissermaßen zwar auch verbunden – allerdings indem sie sie per einer gestern vormittag verkündeten lapidaren Mitteilung zu einer ungewollten Schicksalsgemeinschaft machten, indem sie etwa Mitte dieses Jahres arbeitslos werden.
Die Produktion soll nach Rumänien und Ungarn gehen
Allein, war zu hören, 280 der insgesamt 2300 Arbeitsplätze, im einzig noch verbliebenen deutschen Handy-Werk überhaupt, könnten eventuell erhalten bleiben, wenn ein Verkauf zweier Betriebseinheiten an neue Unternehmen glücke. Die Handy-Fertigung soll in billiger arbeitende Standorte in Rumänien (Cluj) und Ungarn (Komárom) verlegt werden. Die Produktion von Spitzenprodukten mit Bedarf an hochqualifizierten Arbeitskräften möchten die Nokia-Bosse im finnischen Werk Salo durchführen. Das Werk in Bochum arbeite zu teuer. Weshalb man nicht wettbewerbsfähig sein könne.
Die Belegschaft in Bochum ist erstaunt und geschockt: Gewinne sprudelten
Die gestern bass erstaunten, weil von der Hiobsbotschaft überraschten und deshalb vollkommen geschockten Nokia-Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter rieben sich ob der Begründung ihrer bevorstehenden Entlassungen erstaunt die Augen. Und viele weinten auch. Schließlich hatten sie noch vor Weihnachten geschuftet wie die Galeerensklaven, um tausende Handys außerplanmäßig zu produzieren. Das Werk machte riesige Gewinne. Weit und breit also keine Gefahr der Insolvenz. Nun sollen sie auf die Straße fliegen? Existenzängste machen sich breit. Schließlich ist Nokia neben Opel der letzte Großbetrieb in der Ruhrgebietsstadt! Die Nokia-Leute fragen sich nun gesorgt: Was ist mit Krediten, die man sich auflud, und künftig womöglich nicht mehr wird zurückzahlen können? Was wird mit dem Eigenheim, das man sich nur baute, weil man mit einem auf lange Sicht sicheren Arbeitsplatz rechnete? Auch die Einzelhändler sehen pechschwarz: An jedem wegfallenden Arbeitsplatz hängt eine mehrköpfige Familie. Zunehmend wird also Kaufkraft wegbrechen. Auch das kostet wieder Arbeitsplätze…
Sind die Gründe der Nokia-Bosse nur vorgeschoben?
Die Bosse von Nokia stört das wenig. Sie sind nur dem Profit und hohen Renditen für die Aktionäre verpflichtet. Wie viele andere Konzerne in Zeiten des momentan grassierende Turbokapitalismus, wo nur noch Kostenfaktoren zählen und Menschen gar nichts, redet sich auch Nokia mit einem Wort heraus, bei dem gleich alle nicken und Bescheid wissen: Globalisierung. Die sei schuld. Da könne man eben nichts machen.
Eine WDR-Extra-Sendung am gestrigen Abend informierte im Detail: An den Kosten kann es aber gar nicht liegen. Gerade die Lohnkosten seien in Bochum im Grunde naehzu läppisch. Die machen die Nokia-Handys jedenfalls nicht ungebührlich teuer. Es muss also um etwas anderes gehen.
Die NRW-Landesregierung ist stocksauer und empört
Auch die NRW-Landesregierung wurde offenbar von der Entscheidung der Nokia-Zentrale überrascht. Wirtschaftsministerin Christa Thoben (CDU) stellte gestern die Frage, “ob die Entscheidung wirklich unumstößlich ist”. Immerhin sind in den letzten Jahren Millionen öffentlicher Gelder in die Weiterentwicklung des Nokia-Standorts Bochum geflossen. Ihren Angaben nach sollen auch jetzt öffentliche Mittel der EU an Nokia in den Aufbau des neuen Standorts in Rumänien fließen. Das wäre freilich ein Skandal. Aber auch nichts Neues. NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) ist stocksauer und wütend. In der “Aktuellen Stunde” des WDR-Fernsehens von gestern Abend sagte Rüttgers, schon einmal sei er wegen eines ähnlichen Falles bei der EU in Brüssel vorstellig geworden und habe gefordert, dass ein Produzent, der seine Produktion in ein anderes EU-Land verlege und deshalb abermals EU-Hilfe bekäme, die für den vorherigen Standort zuvor erhaltene, wieder zurückzahlen müsse. Damals habe man ihn versichert, dass derlei künftig nicht mehr möglich sei. Nun fragt sich Rüttgers, ob er damals belogen worden sei. Heute will er sich mit dem Betriebsrat von Nokia in Bochum treffen, um die Mitarbeiter bei ihrem Kampf um die Arbeitsplätze zu unterstützen.
Neben Wirtschaftsunion muss die EU auch Sozialunion sein
Zu befürchten ist, dass dabei nicht allzu viel herauskommen wird. Wieder einmal rächt sich, dass die EU in erster Linie eine Wirtschaftsunion ist. Das nutzen Konzerne wie Nokia aus. Da wird eben ein Standort gegen den anderen ausgespielt. Und satte Subventionen werden eingesackt. Ist ein Standort abgegrast, zieht die Karawane der Turbokapitalisten ungerührt weiter. Zwar ist auf diese Weise auch schon so mancher deutsche Betrieb, der seine Produktion ins osteuropäische Ausland verlegte, gescheitert und später reumütig wieder zurückgekommen – aber es wird eben doch immer wieder versucht. Was dringend gebraucht wird, ist eine EU-Sozialunion, die derlei Treiben unmöglich macht. Dagagen ist allerdings die 6000-köpfige Lobby der Wirtschaft in Brüssel. Man weiß warum.
Bleiben die Nokia-Mitarbeiter auf der Strecke?
Auf der Strecke bleiben erst einmal die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Wie höchstwahrscheinlich auch die von Nokia Deutschland. Was wird letztlich aus ihnen werden? Werden Bundes- und Landesregierung erst große Töne der Unterstützung spucken, um ein wenig später den “Erfolg” zu verkünden, sie in einer Auffanggesellschaft untergebracht zu haben? Und nach einem Jahr geht`s dann richtig bergab: In Minijob oder Hartz IV. Nur dann kräht auch die Presse nicht mehr nach den Leuten…
Zynische Hoffnung
NOKIA CONNECTING PEOPLE – den Werbeslogan des finnischen Handybauers dürften die Nokia-Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Bochum seit gestern wirklich “gefressen” haben. Vielleicht aber haben sie ihn – nach dem sie eine unruhige Nacht darüber geschlafen haben – auch richtig verinnerlicht. Und andere Menschen im Revier außerhalb des Nokia-Werkes auch. Denn: Mit Nokia stirbt abermals ein Stück Bochum. Die Menschen im Ruhrpottt sind herzensgute Leute. Aber sie können auch anders. Vielleicht sehen sie den Slogan NOKIA CONNECTING PEOPLE demnächst mit anderen Augen und marschieren unter dem Motto und mit einem dicken Ausrufezeichen dahinter gesetzt durch die Stadt. Was wäre die Alternative?
In der Stadt gibt es ein Kneipenviertel namens “Bermuda-3-Eck”. Soll es so weit kommen, dass die Stadt vollkommen darin versinkt? Naja, es gibt etwas Hoffnung. Sie ist zynischer Natur: Der Masse der Bürgerinnen und Bürger dürften schon sehr bald die nötigenEURos dafür fehlen, um sich in den Pinten des “Bermuda 3-Ecks besinnungslos zu besaufen…
Es gibt auf das Verhalten von NOKIA und anderen Absahnern nur eine Antwort:
Finger weg von ihren Produkten. Unsere Politiker in der EU, im Bund und im Land
sind bei ihren Fördermaßnahmen so sehr am Erfolg orientiert, dass sie Angst haben, die Investoren zu verlieren, wenn sie Rückholklauseln in die Förderverträge einbauen.
Wenn sie das aber nicht tun, lohnt es nicht, dass sie sich hinterher wild gebärden.
Wenn wir Bürger einmal begreifen wie uns allen das Geld aus der Tasche gezogen
wird, müssen wir uns das so vor Augen halten, dass die Kaufverweigerung nachhaltig
und fühlbar wirkt. Vielleicht denken dann die Hersteller, die ihre hiesigen Arbeitnehmer für noch höhere Gewinne verprellen vorher darüber nach, ob sie uns treten und uns dann die anderswo billig gefertigen Produkte andrehen können.