Georg Ehrmann, Vorstandsvorsitzender von Deutsche Kinderhilfe Direkt, wirft der deutschen Jugendhilfe Versagen vor. Im Interview für Readers Edition plädiert er für eine groß angelegte Integrations- und Bildungsoffensive, welche die Familien mit einschließt und nennt Frankreich als Vorbild. Ansonsten, so Ehrmann, “haben wir keine Chance, Jugendkriminalität zu verhindern.”
RE: Wie beurteilen Sie rückblickend die in den letzten Tagen zum Teil heftig geführte Debatte um Jugendkriminalität?
Ehrmann: Auch wenn der Anlass ein Wahlkampf ist, die Debatte über Jugendkriminalität in Deutschland ist überfällig. Mehr als 100.000 unter 14 Jährige (ohne die Dunkelziffer!) waren in Deutschland im Jahr 2006 straffällig, sind aber strafunmündig. Hier erkennt man, dass die Jugendhilfe auch auf diesem Feld schlichtweg versagt. Delinquente Kinder und Jugendliche erhalten in keiner Weise ausreichend die Unterstützung, Förderung und auch Sanktion, die sie benötigen, um eine Chance zu bekommen, weil dafür das Geld fehlt.
RE: Und was halten Sie vom Vorschlag Kochs, auch schon Kinder unter 14 Jahren hinter Gitter bringen zu können?
Ehrmann: Es kann natürlich nicht darum gehen, Kinder hinter Gitter zu bringen, dass sieht das Jugendstrafrecht ja auch nur abgestuft und nach diversen anderen Sanktionen vor. Die Debatte muss aber geführt werden, wie man 12 oder 13 Jährigen, die bereits mit hoher krimineller Energie handeln, Herr werden kann, wie man Sie davon abbringen kann, eine kriminelle Karriere fortzusetzen. Hier können Instrumente des Jugendstrafrechts, verbunden mit einer intensiven Betreuung durch geschulte Pädagogen, durchaus Wirkung zeigen. Wir brauchen keine Pauschalisierungen, sondern Einzelfallentscheidungen, zugeschnitten auf die Persönlichkeit und Reife des jeweiligen Kindes. Daher bringt auch die pauschale Forderung nach mehr geschlossenen Heimen nichts, die Maßnahmen bringen bei einem Kind etwas, bei einem anderen wiederum wirken sie kontraproduktiv. AndereEURopäische Länder handhaben das wesentlich flexibler. Deutschland liegt mit 14 Jahren ganz oben bei der Strafmündigkeit.
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“In Berlin erreichen 40 % der Migranten keinen Schulabschluss”
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RE: Wenn es nach Koch ginge, sollten kriminelle Ausländer leichter abgeschoben werden können. Wie ist Ihre Meinung dazu?
Ehrmann: Ich halte es für arg verkürzt, wenn das Problem krimineller Ausländer auf die Frage der Abschiebung beschränkt wird. Die Ursachen der Kriminalität liegen in der mangelhaften Integration, insbesondere der fehlenden Teilhabe an Bildung, in Berlin etwa erreichen 40 % der Migranten keinen Schulabschluss, hier müssen wir ansetzen, wenn wir das Problem lösen wollen. Das Ausländerrecht ist ein sehr restriktives, bereits heute können Straftäter abgeschoben werden, die Praxis ist da aber nicht konsequent genug.
RE: Wie sehen Alternativen aus, wie kann man Jugendgewalt überhaupt effizient begegnen und welche politischen Maßnahmen wären dafür notwendig?
Ehrmann: Das Problem beginnt bereits im Kindergarten- und Grundschulalter. Es gilt aber der Grundsatz, dass Kinder- und Jugendhilfeeinrichtungen erst aktiv werden, wenn bereits ein Fall gegeben ist und Auffälligkeiten vorliegen. Es fehlt an Ressourcen und Angeboten im Bereich der Prävention. Solange wir unsere Kinder- und Jugendhilfe nicht umbauen, viel dichter an die KiTas und Schulen heranbringen, Sozialarbeiter und Psychologen standardmäßig in Schulen, wie etwa in Frankreich einsetzen, wenn wir gerade in den sozialen Brennpunkten nicht massiv die Angebote für Kinder und Jugendliche ausbauen, statt sie weiter zu kürzen, haben wir keine Chance, Jugendkriminalität zu verhindern. Wir brauchen eine Integrations- und Bildungsoffensive, Kinder und Jugendliche, die Perspektiven haben, sind für Gewalt und Kriminalität weniger anfällig. Wenn Sie sich die Lebensläufe krimineller Jugendlicher anschauen, dann erkennen Sie, dass dadurch, dass wir die Eltern in ihrer Überforderung allein gelassen haben, es nicht geschafft haben, ein flächendeckendes Netz an Familienhilfe zu etablieren, diese ihre Kinder so vernachlässigt und nicht erzogen haben, dass die kriminelle Karriere absehbar war. Wir müssen also auch hier unmittelbar bei der Elternhilfe ansetzen und die Familien stabilisieren.
Interview: Felix Kubach
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Georg Ehrmann ist Rechtsanwalt. Nach seinem Jurastudium in Bielefeld, Genf und München arbeitete er als selbständiger Rechtsanwalt und Justitiar einer kassenärztlichen Vereinigung. Ehrmann ist Mitgründer der Deutschen Kinderhilfe Direkt e.V. und deren Geschäftsführender Vorstandsvorsitzender (Quelle: kinderhilfe.de)
Herr Ehrmann sagt – allerdings ohne Wahlkampfemotionen, sondern mit nüchternen Fakten – fast genau dass, was auch Herr Koch sagt.
Leider kommt nur zu “sanft” heraus, dass der Grundstein durch die Eltern bereits im Kleinkindalter gelegt wird. Hier muss frühzeitig und ohne falsche Scheu eingegriffen werden (“Die Leute zu Ihrem Glück zwingen”).
Mit 12 Jahren ist es meist zu spät……