Katholische Kirche in kritischer Umgebung. Milieustudie gibt Hilfestellung für künftige Missionsstrategie

Im Fußball gibt es die Redensart, dass die Spieler, wenn sie zu der siegreichen Mannschaft gehören wollen, dahin gehen müssen, „wo es wehtut“. Gemeint sind die Zweikämpfe und das Spiel mit Haken und Ösen auf engstem Raum vor dem Tor, dort, wo gezupft und gezerrt wird, wo es aber gleichwohl

fwsdfd2.JPGIm Fußball gibt es die Redensart, dass die Spieler, wenn sie zu der siegreichen Mannschaft gehören wollen, dahin gehen müssen, „wo es wehtut“. Gemeint sind die Zweikämpfe und das Spiel mit Haken und Ösen auf engstem Raum vor dem Tor, dort, wo gezupft und gezerrt wird, wo es aber gleichwohl auf Präsenz und Aufmerksamkeit ankommt, wenn man erfolgreich sein will.

Für die Kirche ist Berlin dieser Strafraum. Hier wimmelt es von hartnäckigen Gegnern, von „Hedonisten“, „Konsum-Materialisten“, „Experimentalisten“ und „DDR-Nostalgischen“. Diese Begriffe, die sich für die einen wie ein Lob ihrer Lebensweise, für die anderen wie unverschämte Beleidigungen anhören mögen, sind die offiziellen Milieubezeichnungen der Heidelberger Marktanalysten vom Institut „Sinus Sociovision“, die seit den 1980er Jahren so genannte Zielgruppenforschung betreiben und dazu die Bevölkerung in soziale Milieus einteilen, damit die Kunden (bislang vor allem Parteien, Verbände und Unternehmen) wissen, mit wem sie es zu tun haben.

Spagat zwischen Tradition und Moderne

Nun macht sich die Kirche diese soziologische Grundlagenforschung zunutze und präsentiert die von ihr in Auftrag gegebene Studie zum religiösen Leben in den einzelnen Milieus, um die Menschen in Ostdeutschland und in der Hauptstadt Berlin zum einen besser verstehen und zum anderen „zielgruppenspezifisch“ ansprechen zu können. Denn während weltliche Einrichtungen angesichts vorherrschender „Problem-Milieus“ den Rückzug antreten würden, schließt der universalistische Sendungsauftrag der Kirche es aus, Menschen oder Menschengruppen aufzugeben. Im Gegenteil: Sie muss, um ihrem Anspruch gerecht zu werden, auf Menschen, die ihr fern stehen, zugehen. Dies ist die Schlussfolgerung, die auch Andreas Lob-Hüdepohl, Ethiker an der Katholischen Fachhochschule für Sozialwesen (Berlin) bei der Präsentation der Studie zog, mit einem interessanten Verweis auf die Urgemeinde und die „Missionsarbeit“ Jesu: Schon er habe „fremde Milieus“ erschlossen, indem er auf einzelne Menschen zuging und sie dort abholte, wo sie standen. Die eine Kirche als der Raum, in dem sich die unterschiedlichsten Menschen begegnen können, ist von Beginn an als „Einheit in Verschiedenheit angelegt, die Einheit einer solchen Kirche bestehe damit, so Lob-Hüdepohl, in der „Eindeutigkeit ihrer Sendung und nicht in der Einheitlichkeit ihrer Mitglieder“.

So weit, so gut. Doch damit wagt die Kirche einen Spagat zwischen Tradition und Moderne, bei dem es darauf ankommt, zwischen Ritual, Intellekt und Experiment zu balancieren, sich zu öffnen, ohne für alles offen zu werden, neue Formen und Haltungen zu erproben, ohne kirchliches, i. e. christliches Profil gänzlich verschwimmen zu lassen. Es muss deutlich werden, dass es Grenzen der Anpassung an den Zeitgeist gibt, die dort liegen, wo die Substanz des Glaubens, das christliche Menschenbild, in Frage gestellt werden soll. Pluralität zu bündeln, ohne in Beliebigkeit zu fallen, das ist die berühmte „Quadratur des Kreises“, die hier nur möglich sein wird, wenn die Regeln klerikaler Arithmetik modifiziert werden. Dabei muss der Blick jedoch auf das Ergebnis gerichtet sein, denn eine Antinomie zum Glaubensaxiom „Liebe“ um des Zuspruchs einer Gesellschaft willen, der diesen Universalschlüssel menschlichen Miteinanders systematisch missversteht, ist keinesfalls hinnehmbar. Die Kirche vertritt unbequeme Wahrheiten, und das sollte sie auch künftig tun.

Ein hartes Stück Arbeit

Ein weiteres hängt damit zusammen: Die katholische Kirche war nie, ist nicht und wird vermutlich auch in Zukunft nicht die Bedürfnisse aller Menschen gleichermaßen erfüllen können. Darum sollte es ihr auch nicht gehen, denn die Kirche, so Romano Guardini, feiert Geheimnisse und erfüllt keine Bedürfnisse. Dennoch ist es wichtig und richtig, den Menschen diese Geheimnisse wieder näher zu bringen. „Lebensweltliche Pastoral“ nennt Lob-Hüdepohl dieses Ansinnen der katholischen Kirche. Ich sag es mal so: Ein hartes Stück Arbeit.

Quelle für Zitate: Juliane Bittner, An Hecken und Zäune gehen. Neue Studie über religiöse und kirchliche Milieus vorgestellt, in: Katholische Sonntagszeitung für das Erzbistum Berlin, Nr. 3 (19./20. Januar 2008), S. I.

- – -

Photo/ Lizenz: Creative-Commons-Lizenz Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 2.0 Deutschland via wikipedia.org

Kommentare

Dieser Artikel hat einen Kommentar. Was ist Deiner?

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*