Wenn ich auf meinen guten Freund K. treffe, dann kann es passieren, dass er den rechten Arm anhebt und hochwinkelt – nicht stramm diagonal gehoben, sondern nur in der Light-Version, wie ihn der gebrechliche Hitler selbst häufig ausführte – und dazu in einer Mischung aus Bruno Ganz und Walter Moers „Dör Russe stöht fönfzehn Minuten vor Börlin ond öch erfahre das örst auf Nachfrage?“ knurrt. Ich knall dann meine Hacken zusammen und murmel schuldbewußt „Jawoll, mein Führer“.
Nationalsozialistische Witzfiguren
Sind K. und ich Nationalsozialisten? Nein, fraglos nicht. Was da passiert, ist Humor. Ein Verlachen der Resultate der bundesdeutschen Erinnerungsindustrie, die sich in unerquicklichen Rührstücken a la „Der Untergang“ (aus dem das obige Zitat stammt) oder Guido Knopps historisch ungenauen und verharmlosenden Geschichtsmonopol im deutschen Fernsehen manifestiert. Und auch ein Verlachen des Nationalsozialismus selbst. Denn seien wir ehrlich, aus heutiger Sicht erscheinen die Protagonisten des nationalsozialistischen Deutschland, die einst unser Land und mit ihm die ganze Welt in den Abgrund führten, vor allem ziemlich lächerlich und absurd. Der fuchtelnde und nahezu unverständliche Hitler, Klumpfuß Goebbels, der sich als Womanizer betätigte und währendessen das Ideal des aufrecht gewachsenen, blonden und treuen deutschen Mann hinausplärrte, der fette Goering – allesamt Witzfiguren. Diese Sicht kann man natürlich nur haben, wenn man den Schrecken und den Terror, der unweigerlich mit dem Deutschland jener Zeit verbunden ist, mal beiseite lässt. Was wiederum nur geht, wenn man sich seines Publikums sicher ist – weiß, dass das Gegenüber Wissen und Einstellung teilt und sich weder dazu animiert sieht, endlich frei von der Leber weg der eigenen nationalen Verblendung frönen zu können, noch befürchtet, die Scherze wären ernst gemeint und sich auf die Füsse getreten fühlt.
Vor einer Kamera für eine der quotenträchtigsten Shows im deutschen Fernsehen würden sicher weder er noch ich diese Scherze machen. Und so wenig DJ Tomekk, der kürzlich die Show „Ich bin ein Star, hol mich hier raus“ verlassen musste, weil er Hitlergruß und die erste Strophe des Deutschlandliedes vor laufender Kamera präsentierte, ein Nazi ist, so sehr muss er ein Dummkopf genannt werden. Denn dass er sich bei einem Millionenpublikum nicht jeden einzelnen Zuschauers und dessen Einstellungen und Empfindlichkeiten sicher sein kann – dies zu wissen, bedarf es nicht viel. „Ich bin ein Dummkopf, werft mich hier raus“ wäre wohl die passendere Fernsehsendung für ihn gewesen.
Veränderung im Umgang mit der Geschichte ein natürlicher Prozess
Natürlich verändert sich der Umgang mit diesem Kapitel der deutschen Geschichte von Generation zu Generation. Und zwar sowohl in den einzelnen Köpfen als auch im massenmedialen Umgang. Umso weiter weg die blutige Diktatur zeitlich rückt, umso weniger Zeitzeugen leben, umso kleiner der Anteil des am eigenen Leib Erfahrenen im kollektiven Wissen wird, desto brüchiger werden Tabus und desto leichter fällt ein leichtfüßigerer Umgang. Und desto nötiger wird offenbar eine erhöhte Vorsicht: Denn nicht wenige verwechseln, entweder aus Unreflektiertheit oder aus mutwilliger Absicht heraus, diesen leichteren und distanzierteren Umgang mit fehlender Sensibilität und sorglosem Dahinplappern.
Die Mär von der Normalisierung
Gerne vorweg getragen wird dabei das Schild, auf dem „Normalisierung“ steht. Bezogen wird das dann auf die Geschichtsschreibung. Die Engländer waren ja im Verlauf ihrer Geschichte auch mal böse, warum dürfen wir das dann nicht? Als gäbe es eine internationale Norm der Geschichtsbetrachtung. Auf die Frage, warum wir dann nicht den 14. Juli als Nationalfeiertag begehen, wo das doch normal in unserem Nachbarland Frankreich ist, hat noch keiner der ‘Normalisierer’ Antwort geben können. Wie auch? Die deutsche Geschichte ist einzigartig (ebenso wie die anderer Länder selbstverständlich) und zu der Normalität unserer Geschichte gehört Auschwitz ebenso die friedliche Revolution von 1989 und der Mauerfall. Weder das eine noch das andere verschwindet, wenn man nur fest genug die Augen zu drückt.
Wenigstens aber wollen wir uns nicht mehr schämen müssen, sagen die Normalisierer und verwechseln Scham mit Verantwortung. Jemand wie ich, der ich Jahrgang ’69 bin, der erwiesenermaßen keine Schuld tragen kann, bin mir vielleicht der Schuld meiner Großvätergeneration bewußt und empfinde möglicherweise auch Scham für ihr verwerfliches Tun, doch für mein eigenes kann ich in dieser Hinsicht natürlich keine empfinden, soweit richtig. Das entbindet mich aber nicht von der Verantwortung, aus der Geschichte meines eigenen Landes, inklusive Auschwitz und 1989, Lehren zu ziehen und dementsprechend zu handeln. Selbiges erwarte ich natürlich auch von einem Briten, einem Franzosen oder einem Chilenen. Deren Geschichtsbetrachtungsnorm kennt allerdings andere Daten und andere Empfindlichkeiten.
Meinungsfreiheit bedeutet nicht, dass alles, was gesagt werden darf, auch gesagt werden muss
Und so kriechen die Ratten aus allen Löchern und die Dämme brechen. Dass Frauen im Nationalsozialismus zu Gebärmaschinen, die sich ansonsten aus allem herauszuhalten haben, degradiert wurden, muss man wieder als lobenswerte Aufwertung der Frau und Mutter bezeichnen dürfen; wenn andere Nationalhymnen blutige und chauvinistische Texte haben, muss man die erste Strophe des Deutschlandliedes, blutig und chauvinistisch und während des Nationalsozialismus auch genau so gemeint, gefälligst auch wieder singen dürfen; wenn in Österreich eine von allen guten Geistern verlassene Politikerin alle garstigen Beleidigungen über Muslime, die einem Rassisten so einfallen können, von sich gibt, dann muss das der Chef der rechtsradikalen Kölner Organisation „Pro Köln“ natürlich gut und richtig finden dürfen. Das Internet, immer gut dafür, kleinen Gruppen das Gefühl zu geben, sie seien maßgebliche Meinungsmacher der Gesellschaft, wenn sie nur aktiv genug sind, quillt über vor rassistischen Halb-, Einviertel- und Garnichtwahrheiten. Gute Beispiele dafür sind Sites wie „politically incorrect“ oder auch Kommentare hier auf der Readers Edition, wie jener – von der RE nicht veröffentlichte -, der im Zuge der Roland Koch Diskussionen forderte, man möge „alle Muslime ausweisen, aber an der Grenze erst noch alle Organe entfernen, die kann man ja noch gebrauchen“.
Und alles unter dem Deckmantel von vorgeblicher Demokratie und Meinungsfreiheit – beides gesellschaftliche Charakteristika, die bekanntermaßen in faschistischen Staaten als erstes abgeschafft werden. Dass Meinungsfreiheit in einer Demokratie nie nur „Ich kann alles sagen, was ich will“, sondern immer auch Reflektion und Auseinandersetzung bedeutet, wird dabei natürlich genauso gerne vergessen. Ist ja auch unbequem. Und das ist all den ‘Normalisierern’ gemein: Das Rufen nach einer imaginären internationalen Norm für den Umgang mit der eigenen Geschichte ist immer auch der Ruf nach einer bequemeren, geschönten und wohlduftenderen Geschichte.
Ungelenke und fahrige Reaktionen
Dass die Menschen und Medien in der Bundesrepublik Deutschland dabei eher ungelenk und fahrig reagieren, ist zweifelsohne auch richtig. Manche Reaktion, die für ältere Generationen notwendig war, weil eben die Distanz zum Geschehenen eine andere war, ist heute, wenn auch nicht obsolet geworden, so doch weniger dringlich. Manche Reaktion zeugt weniger von einem reflektierten Umgang, als vielmehr von einstudiertem Reflex ohne viel Tiefe – „Autobahn geht gar nicht“ ist dafür beredtes Beispiel. Ein Skandal ist das nicht. Sondern eher ein Zeichen dafür, dass Deutschland immer noch nach dem richtigen Umgang danach sucht, dass es sich einst bereitwillig zu einer perfekt organisierten Massenvernichtungsmaschine umfunkionieren ließ. Und das ist gut so.
Und hier noch ein Beispiel eines gelungenen Beispiels des humorvollen Umgangs mit diesem Abschnitt der deutschen Geschichte. Walter Moers’ “Der Bonker”:
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weit ausgeholt, aber doch zu kurz gesprungen. meinungsfreiheit bedeutet eben nicht, dass man nur aussprechen darf, was vorher reflektiert wurde. meinungsfreiheit bedeutet, nach einem alten spod-lied, gedankenfreiheit – also die freiheit, alles denkbare auch aussprechen zu dürfen.
denn wer kann behaupten, dass er eine möglichkeit kennt, denkbares nicht mehr denken zu lassen? also wird es gadacht, aber nicht ausgesprochen. das ergebnis ist soetwas wie eine deutsche inflationsstatistik: ein bild von einem land, das so in wirklichkeit nicht existiert, weil das bild nur zeigt, was oben ist, nicht aber was drinnen