Erfunden worden sind sie 1968 bei den Mai-Unruhen in Paris, aber auch deutschen Jugendlichen und jungen Erwachsenen fiel so mancher Sponti-Spruch ein, der bekannteste dürfte sein: “Unter den Talaren – Muff von 1000 Jahren”.
Die Berliner Gruppe “Ton Steine Scherben” traf das Lebensgefühl der 68er mit “Macht kaputt, was Euch kaputt macht”. Das war für viele erst einmal alles, “es ist verboten zu verbieten” lautete das Motto dieser bunten Bewegung einerseits und “Euch die Macht, uns die Nacht” andererseits. Wer eines Tages nicht nur die Nacht, sondern auch die Macht haben würde, stand außerdem bereits fest: “Lieber heimlich schlau als unheimlich doof”.
Gott erhalte den Ministerpräsidenten
Den für mich immer noch pfiffigsten Spruch hat in jener rebellischen Zeit jemand in Hannover-Linden in roten Buchstaben auf eine Hauswand gemalt. Seine besondere Originalität resultierte auch aus der Tatsache, dass er erst Schritt für Schritt immer sichtbarer wurde. Erst las man “Gott erhalte”, dann “Gott erhalte den Ministerpräsidenten” und schließlich “Gott erhalte den Ministerpräsidenten – und das möglichst bald”.
Das hätte so mancher Demonstrantin und so manchem Demonstranten noch nicht gereicht, sie skandierten “Achtung, Achtung, hier sprechen die Massen. Der Bundestag wird heute entlassen”.
Wurde er aber nicht, die Große Koalition vegetierte nur noch vor sich hin, der SPD-Vorsitzende Willy Brandt rüttelte zwar nicht am Tor zum Kanzleramt, aber mit diesem Namen verband sich für viele die Hoffnung auf einen Neubeginn und auf eine Abkehr vom Tanz am atomaren Abgrund.
Wie Hugenberg-Konzern
Springer-Redakteure schrieben sich die Finger wund, diffamierten Brandt und seine Anhänger auf eine derart niederträchtige Weise, die ihresgleichen suchte und manche an den Hugenberg-Konzern erinnerte. Überall lauerte in “Bild”-Augen “rotes Gesindel”, Brandt war später sogar ein “vermutlich aus der Kirche ausgetretener Sozialist”.
Hans-Magnus Enzensberger antwortete mit diesem Gedicht auf die Springer-Hetze: “auch du auch du auch du/wirst langsam eingehn/an lohnstreifen und lügen/reich, stark erniedrigt/durch musterungen und malz-/kaffee, schön besudelt mit straf-/zetteln, schweiß/atomarem dreck:/deine lungen ein gelbes riff/aus nikotin und verleumdung/möge die erde dir leicht sein/wie das leichentuch/aus rotation und betrug/das du dir täglich kaufst/in das du dich täglich wickelst”.
Auch für diesen Kampf von Medien-Goliath und 68-er-David fand ein Sponti einen Spruch: “Gummibärchen, wehrt euch. Beißt zurück”. Wie aber sollten diese Gummibärchen erzogen werden? So autoritär wie bisher nicht, lautete die Antwort und der Kurzschluss war: antiautoritär. Noch kannten nur wenige das Zauberwort, es lautete: Summerhill. Ein Missverständnis begann und ein Buch wurde ein Bestseller.
- Umbruchjahr 1968 (I): Unter den Talaren der Muff von 1000 Jahren
- Umbruchjahr 1968 (II): Der Tag, an dem Benno Ohnesorg erschossen wurde
- Umbruchjahr 1968 (III): Bundestag macht sich auf muntere Ursachenforschung und meidet Tabu-Themen
- Umbruchjahr 1968 (IV): Nach Attentat auf Rudi Dutschke Straßenschlachten in Berlin
Kommentare
Schreibe den ersten Kommentar für diesen Artikel.