Zu Gast bei Freunden. Ein Abend über das jüdische Leben in Berlin

Zwischen der Katholischen Studierendengemeinde (KSG) Edith Stein Berlin und der Jüdischen Gemeinde Berlins besteht nicht nur über den Namen der KSG eine Verbindung (Edith Stein wurde als Jüdin geboren und konvertierte später zum Katholizismus), sondern auch ein guter und reger Kontakt. Nach zwei Synagogenbesuchen der Studierenden in den vergangenen Semestern

BESUC.jpgZwischen der Katholischen Studierendengemeinde (KSG) Edith Stein Berlin und der Jüdischen Gemeinde Berlins besteht nicht nur über den Namen der KSG eine Verbindung (Edith Stein wurde als Jüdin geboren und konvertierte später zum Katholizismus), sondern auch ein guter und reger Kontakt. Nach zwei Synagogenbesuchen der Studierenden in den vergangenen Semestern war nun gestern Abend Michael Joachim, Vorstand der Synagoge Fraenkelufer (Berlin-Kreuzberg) zu Gast in der KSG, um über das Judentum im Allgemeinen und das jüdische Leben in Berlin im Besonderen zu referieren.

Joachim zeichnete die Geschichte des jüdischen Lebens in Berlin nach und ging dazu bis ins Hochmittelalter zurück

Seit dem zehnten Jahrhundert leben Juden in der Mark Brandenburg. Die erste jüdische Familie in Berlin wird 1317 erwähnt – 1347 findet das erste Pogrom statt. Man gab den Juden die Schuld an der grassierenden Pest, die auch andernorts inEURopa den Grund für gewaltsame Übergriffe gegen Juden lieferte. 1671 gründeten 50 Familien die erste jüdische Gemeinde in Berlin. 1866 wird die berühmte Synagoge in der Oranienburger Straße (die mit der goldenen Kuppel) geweiht. In Kaiserreich und Weimarer Republik blüht das jüdische Leben in der Stadt, die Zahl der Juden steigt auf 175.000 (1920).

Nach 1933 verlassen viele Juden die “Reichshauptstadt”, 1939 befinden sich noch 85.000 Juden in Berlin. 55.000 werden bis Kriegsende deportiert und ermordet, 25.000 gelingt die Flucht, 5.000 überleben im Untergrund, in Laubenkolonien, im Grunewald, im Versteck bei Freunden – unter diesen der spätere “Dalli Dalli”-Moderator Hans Rosenthal.

Weiterhin ging es um den Wiederaufbau jüdischer Infrastruktur in Berlin nach der Shoa

Der hebräische Ausdruck für “Genozid”, “Völkermord” – der Begriff “Holocaust” wird von den Juden als unpassend abgelehnt, da diese Bezeichnung das rituelle “Brandopfer” meint, mit dem die “Endlösung der Judenfrage” nun wirklich gar nichts gemein hat. Bereits im Juni 1945 wurde die erste jüdische Gemeinde in der Trümmerwüste Berlin gegründet, von jenen Überlebenden aus dem Untergrund und denen, die nach und nach aus den befreiten Konzentrationslagern Osteuropas zurückkamen. Man stand, durch die Jahre der Verfolgung aller Dinge beraubt, am Nullpunkt. So ging es in der jüdischen Gemeinde zunächst um die grundlegenden sozialen Fragen von Nahrung, Kleidung und Wohnung. Fragen, die damals alle Berliner beschäftigten.

Doch auch Gottesdienste und Feste konnten bald wieder gefeiert werden, im Herbst 1945 das jüdische Neujahrsfest – symbolisch für den Neubeginn jüdischen Lebens in Berlin. Schon bald brachte die Teilung der Stadt neue Probleme, im Westen mussten rasch neue Gemeindezentren aufgebaut werden und ein neuer Friedhof entstand an der Heerstraße – der in Weißensee, der größteEURopas, verschwand für Jahrzehnte hinter dem eisernen Vorhang; heute steht er für Besucher offen.

Nach der Staatsgründung Israels (1948) saß man auf gepackten Koffern, zudem lockten “klassische” Einwanderungsländer wie die USA und Australien. Doch einige blieben, wollten trotz allem im Land der Täter ihre reiche Kultur wiederbeleben. Einer von ihnen war Heinz Galinski, von 1949 bis 1992 erster Vorsitzender der jüdischen Gemeinde Berlins. Die Gemeinde wächst vor allem durch Zuwanderung aus der Sowjetunion bzw. den GUS-Staaten. Eine erste Welle ereignet sich infolge der Entspannungspolitik Brandts in den 1970er Jahren, eine zweite, weitaus größere, nach dem Zusammenbruch der UdSSR in den 1990er Jahren. Heute stammt 80 Prozent der 12.000 registrierten Mitglieder der jüdischen Gemeinde Berlins aus Ländern der GUS, ein Umstand, der die Spannungen in der Gemeinde nicht unbedingt verringert, weil viele Juden nach Jahrzehnten säkularer Sozialisation in der kommunistischen Diktatur jüdische Riten erst wieder neu erlernen müssen.

In seinem Vortrag verwies Joachim nicht nur auf die bedeutenden Beiträge jüdischer Bürger und Institutionen in der Geschichte der Stadt hin (der Philosoph Moses Mendelssohn, der Lessing zu dessen berühmter “Ringparabel” inspirierte, lebte in Berlin), sondern auch in deren Gegenwart: das Jüdische Museum sei heute als architektonisches Meisterwerk ein Touristenmagnet, ein Besuch, auch mehrfach, unbedingt zu empfehlen.

Dennoch bleibt die Frage bestehen: Ist die Wiederbelebung gelungen?

Antwort: Nur bedingt – Michael Joachim spricht vom “semi-jüdischen” Habitus, den viele Mitglieder der Gemeinde angenommen hätten und verweist auf allgemeine Tendenzen der Säkularisierung, die in Berlin bekanntlich auch die christlichen Kirchen treffen.

Fazit: Ein gelungener Abend mit einem informativen und spannenden Vortrag. Dabei sind es gerade die Randbemerkungen, die sehr nachdenklich machen: Dass die Machtübernahme Hitlers, die sich am 30. Januar zum 75. Male jährt, eine mit demokratischen Mitteln war. Dass auch nach dem Zweiten Weltkrieg Beschimpfungen, Schmierereien und Gewalttaten gegenüber Mitgliedern bzw. Gebäuden der jüdischen Gemeinden in Deutschland nicht abreißen (man erkennt jüdische Einrichtungen in Berlin sofort – an der Dauerpräsenz der Polizei vor dem Eingang). Dass 30 Prozent der Deutschen anti-semitische Ressentiments hegen. Und ob es unbedingt nötig ist, am 27. Januar, dem Gedenktag zur Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz, in München, der Stadt, die so sehr mit dem Beginn der “Nationalsozialistischen Bewegung” verbunden ist, einen Faschingsumzug zu veranstalten. Mit der Nichtteilnahme könnte man ein Zeichen setzen: Wir haben verstanden. Und Verständnis ist ein Schritt auf dem Weg zur Freundschaft.


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