“Zurückgelehnt in seinem Sessel, die Hände vor dem Bauch gefaltet, schoss der Ratsherr seine Frage ab: ‘Sie möchten also die leer stehende alte Schule am Irisweg zu einem Kinderladen machen?’ Bernd und Ingrid, ermüdet von der Diskussion, die sich im Kreise gedreht hatte, waren zu schwach geworden für eine Antwort. Der Ratsherr ließ das Gespräch stranden: ‘Sie wollen also Kinder verkaufen?’”
Diese Szene, geschildert in einem Roman aus jener Zeit, ist nahezu typisch für gewollte und ungewollte Missverständnisse zwischen den Generationen in den wildesten Nachkriegsjahren der Bundesrepublik Deutschland. Junge Eltern wollten ihre Kinder eigenverantwortlich erziehen, eigene Einrichtungen schaffen und hatten ein Vorbild: Die 1921 von A. S. Neill gegründete Schule “Summerhill“, die ein demokratisches und fortschrittliches Erziehungskonzept verfolgte.
Freiwillige Teilnahme am Unterricht
In diesem englischen Internat ist die Teilnahme der Schülerinnen und Schüler am Unterricht freiwillig, der Gründer vertrat die Auffassung, dass so der Spaß am Lernen gefördert werde.
Allerdings gibt es auch in “Summerhill” Regeln, die von einer Vollversammlung beschlossen werden, die Kinder haben dort immer noch die Mehrheit. Heute leitet A. S. Neills Tochter das Internat.
Bei Rowohlt ein Bestseller
In Deutschland vorgestellt worden sind die “Summerhill”-Ideen 1965 in einem Buch, das keine hohe Auflage erzielte, als Rowohlt dieses Buch 1969 unter einem neuen Titel herausbrachte, wurde es ein Renner. “Antiautoritäte Erziehung” war plötzlich das Zauberwort, mit dem A. S. Neill allerdings nicht viel anfangen konnte.
Der neue Erziehungsversuch ging schief, nicht nur, weil die Kinderladen-Bewegung auf massiven Widerstand stieß, sondern auch, weil Kinder es manchmal doch ganz gern haben, wenn ihnen jemand Grenzen aufzeigt.
Tag der Aufmerksamkeit
Ein Mosaikstein des andauernden “Summerhill”-Erfolges, der 2000 auch von einem englischen Gericht nicht gestoppt wurde, aber könnte sich perfekt in die gegenwärtige Diskussion über den Umgang mit Schülerinnen und Schülern einfügen, die über die Stränge schlagen. Ihnen wird in diesem englischen Internat ein “Tag der Aufmerksamkeit” gewidmet, alle kümmern sich um diese Außenseiter und holen sie in die Gemeinschaft zurück.
Das scheinen viele 68er doch richtig gemacht zu haben: Wer keine Gewalt sät, der erntet auch keine oder nur wenig Gewalt. Bei Demonstrationen allerdings war das in jenen Jahren anders. Nach dem Attentat auf Rudi Dutschke eskalierte die auf den Straßen geführte Auseinandersetzung mit dem Springer-Verlag, zumindest Gewalt gegen Sachen erlaubten sich immer häufiger die Demonstrantinnen und Demonstranten.
Rote-Punkt-Aktion in Hannover
Blieben die Menschen, die auf die Straße gingen, jedoch friedlich, half man nach. Ein erschreckendes Beispiel dafür gab es im Juni 1969 in Hannover. Als dort die Preise für Straßenbahnfahrten erhöht worden waren, klebten unzählige Autofahrerinnen und Autofahrer rote Punkte auf die Windschutzscheibe und signalisierten so: “Ich nehme Leute mit.” Diese in die Geschichte der niedersächsischen Landeshauptstadt eingegangene so genannte “Rote-Punkt-Aktion” wurde zu einer Massenbewegung, die immer mehr Hannoveranerinnen und Hannoveraner auf die Straßen trieb.
Die Polizei reagierte darauf mit immer härteren Einsätzen, Reiterstaffeln drängten die Massen zusammen, bis die entstehende Panik zu Ausbruchversuchen führte – dann schlug die Polizei zu.
Doch der Protest war auch mit Knüppel- und Wasserwerfereinsätzen nicht zu stoppen – und dann gab es sogar noch etwas zum Lachen. Ein Demonstrant enterte einen Wasserwerfer, der unter einer Brücke stand, und brachte das Ungetüm in Schwung.
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