Der chinesische “Drache” greift an! Und überall dort, wo er seinen heißen Atem hinlenkt, wächst kein Gras mehr – so zumindest wird es überall verkündet. China ist in aller Augen, Ohren und Munde. Der “Furor Sinensis” ist zum allgegenwärtigen Schrecken geworden. Die zahlreichen TV-Talkrunden, Artikel und Bücher zum Thema lassen für die Zukunft des Okzidents nichts Gutes erahnen. Das Reich der Mitte, so schreibt man, sei im Kommen. Wir Abendländer hingegen befänden uns auf dem absteigenden Ast. Der “alte Westen” müsse sich bald von seiner dominierenden Rolle auf der Weltbühne verabschieden.
Allenfalls hätten das überforderte Amerika und das behäbigeEURopa noch einige wenige gute Jahre vor sich, dann sei endgültig Schluss. Dann gäbe China weltweit und in allen Bereichen die Spielregeln vor: Überall dort, wo heute noch Amerikaner undEURopäer das Sagen hätten, würden morgen bereits die Chinesen den Ton angeben. Der Herrschaftswechsel sei bereits in vollem Gange. Es bestünde kein Zweifel daran, dass sich die Welt “gelb” färbe. Und hier vor allem der Westen – aber vor Angst!
Vermeintliche Chinaexperten und hauptberufliche Hellseher haben auch sogleich das Rezept für das Überleben der westlichen Zivilisation parat: Die schnelle Anpassung an den östlichen Drachen und sein Wirtschaftssystem. Dies aber bedeute für den Westen vor allem eines: Die Reduktion aller Standards. Insbesondere dieEURopäer litten unter einem Zuviel an Demokratie und Sozialstaat und unter einem Zuwenig an straffer politischer Führung und freiem Unternehmertum. Autoritarismus & Marktwirtschaft, diese schon aus den Aufstiegszeiten des Stadtstaates Singapur bekannte Kombination, soll nun auch zum Patentrezept zur Rettung des Westens werden.
China takes it all
Was aber ist dran an den Untergangsprophetien? Sind der Optimismus der Chinesen und der Pessimismus der “Westler” gerechtfertigt? Ist es wirklich so, dass der Westen sich mit der chinesischen Dominanz abfinden muss? WerdenEURopäer und Amerikaner tatsächlich die großen Verlierer des 21. Jahrhunderts sein? Muss das Abendland am Ende das Handtuch werfen und dem Fernen Osten das Feld überlassen? Oder ist das “china-takes-it-all-Szenario” nur ein wohl kalkuliertes Spiel mit den Ängsten und Sorgen der Menschen in den alten Industriestaaten? Und, last but not least, die wichtigste Frage: Kann China eine führende Rolle auf diesem Planeten einnehmen? Ist das Land zu solch einer Machtentfaltung überhaupt fähig? Oder erweist sich der angreifende Drache am Ende doch nur als Papiertiger, der am Rande des Abgrundes hin und her flattert?
Geschichte versus Gegenwart
In seiner mehrtausendjährigen Vergangenheit ist es China niemals gelungen, ein Reich aufzubauen, das über die eigene Bevölkerung der Han-Chinesen und einiger Minderheiten hinaus, in größerem Ausmaß fremde Völker und Kulturen beherrscht hat. Das Gegenteil war der Fall: China wurde von Mongolen, Dschurdschen,EURopäern, Amerikanern und Japanern angegriffen und besiegt. So war China über viele Jahrhunderte hinweg fremden Mächten ausgeliefert. Wer die Geschichte befragt, muss also die Frage stellen, ob China überhaupt das Potential dazu besitzt “den Spieß umzudrehen” und selber eine, wie auch immer geartete Hegemonie über andere Völker oder gar die ganze Welt zu errichten.
Demographische Expansion
Zumindest die demographischen Tatsachen scheinen für Chinas baldigen Erfolg in dieser Frage zu sprechen. Die Chinesen sind mit circa 1,3 Milliarden Menschen das größte Volk der Welt. Und schenkt man dem französischen Politikwissenschaftler Jean-François Susbielle Glauben, verschleiern sie systematisch die wahre Bevölkerungszahl ihres Landes: Nicht 1,3 Milliarden Menschen lebten heute in China, sondern 1,5 Milliarden. Demnach wäre schon heute fast jeder vierte Mensch auf diesem Planeten ein Chinese.
China greift nach den Sternen
Für eine globale Machtverschiebung spricht nicht nur Chinas gigantische Bevölkerung, sondern vor allem auch sein atemberaubendes Wirtschaftswachstum. Seit den von Deng Xiaoping 1978 initiierten Wirtschaftsreformen hat sich das Land grandios weiterentwickelt. Als Exportweltmeister wird China Deutschland nach Schätzungen des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) vermutlich schon in diesem Jahr überholen. Nichts scheint das Tempo des chinesischen Wachstums bremsen zu können. Beängstigend ist aber auch der damit verbundene Hunger nach Rohstoffen und Energie: Die Chinesen kaufen schon jetzt die internationalen Rohstoffmärkte leer. Darüber hinaus verdrängen sie mit ihren eigenen Waren, die schon längst nicht mehr nur Billigwaren sind, die technologischen Produkte des Westens aus den Regalen der Kaufhäuser und Supermärkte. Die chinesische Volksbefreiungsarmee rüstet mit modernsten Waffen auf. Die Flotte der Volksrepublik zeigt im Pazifik und im indischen Ozean Flagge und demonstriert damit auch auf den Weltmeeren den Machtanspruch des Drachen. Die ersten “Taikonauten” sind in den Weltraum geflogen und haben es an das Firmament geschrieben: China greift nach den Sternen!
Die sieben Schwerter
Wenn der “Untergang des Abendlandes” bereits in vollem Gange und die Götterdämmerung der alten westlich dominierten Weltordnung nur noch eine Frage der Zeit ist: Warum dann nicht vor dem Unvermeidlichen kapitulieren? Warum dann nicht mit den Achseln zucken und einfach Chinesisch lernen? Die Antwort ist einfach: Weil da noch etwas in der Mimik führender chinesischer Politiker und Wirtschaftsmagnaten verborgen ist. Ein verstohlener Blick nach oben, der von einem nervösen Augenzucken begleitet wird: Dort oben funkeln nicht nur die Sterne – dort oben blitzt auch noch etwas anderes, etwas Unheimliches auf: Es sind die Klingen der Damoklesschwerter, die China existenziell bedrohen. Chinas Raumfahrerhelden haben sie wohl übersehen. Sie baumeln über den Köpfen des Milliarden-Volkes und können sich jederzeit lösen.
Jedes einzelne Damoklesschwert kann China Chaos, Verheerung und Untergang bringen. Die Chinesen wissen um diese Bedrohung – der Westen aber ignoriert in seiner Chinahysterie die Anfälligkeit des Riesenreiches, und eben dies ist seine große Schwäche. Die Lage Chinas ist in Wirklichkeit äußerst prekär – das Land muss auf seinem Weg nach oben zahlreichen Fallstricken ausweichen und hat außerdem schwierige außen- und innenpolitische Gratwanderungen zu bestehen: China ist um seine Probleme nicht zu beneiden.
Von Feinden umringt
Das erste Damoklesschwert ist Chinas außerordentlich ungünstige geopolitische Lage: China wird nicht umsonst als “Reich der Mitte” bezeichnet. Das Land ist von potentiellen Gegnern umringt. Diese Bürde lastet schwer auf seiner Politik. Wenn Chinas Gegenspieler gemeinsam handeln, könnten sie die Volksrepublik buchstäblich erdrosseln.
Im Norden droht Putins Russland. Mit einer riesigen Anzahl von Atomwaffen ausgestattet und unvorstellbaren Rohstoffreichtümern gesegnet, kann es Chinas Handlungsspielraum jederzeit einengen. Zwar hat sich das chinesisch-russische Verhältnis seit dem bewaffneten Grenzkonflikt am Ussuri-Fluss von 1969 erheblich verbessert und China ist einer der Hauptabnehmer russischer Waffen, aber Russland bleibt für China dennoch eine ständige Bedrohung.
Im Südwesten Chinas, an der Grenze zu Tibet, liegt Indien: Den Verlust des Aksai Chin, eines indischen Gebietes, das 1962 von China erobert und anschließend annektiert worden ist, hat das indische Volk nie verwunden. Obwohl Indien seit einigen Jahren einen ökonomisch motivierten Entspannungskurs gegenüber der Volksrepublik fährt, ist das Grundverhältnis Indiens zu China von Misstrauen geprägt. Insbesondere Indiens Militärs warnen vor einer chinesischen Einkreisungspolitik und fordern deshalb eine umfassende gegen China gerichtete Aufrüstung. Indiens Atomraketen vom Typ Agni-III und Agni-IV wurden vor allem dazu entwickelt, die Ballungsräume der Volksrepublik China zu treffen.
An den Süden Chinas grenzt ein für asiatische Größenverhältnisse eher mittelgroßes Land, das sich im Laufe der Geschichte zum erbitterten Gegner Chinas entwickelt hat: Vietnam. Die Vietnamesen kämpfen seit annähernd zwei Jahrtausenden mit wechselndem Erfolg gegen den chinesischen Vorherrschaftsanspruch. Im Grenzkrieg von 1979 konnte Vietnam China schwere Verluste zufügen. Nach wie vor sehen die Vietnamesen im chinesischen Nationalismus die größte Bedrohung ihrer Unabhängigkeit und arbeiten daher mittlerweile mit dem ehemaligen Kriegsgegner USA zusammen.
Im Osten befindet sich schließlich Chinas gefährlichster Gegner: Japan! Der Ton zwischen beiden Ländern ist auf Grund des wachsenden chinesischen Nationalismus und der mangelnden Bereitschaft Japans, sich für seine in China während des Zweiten Weltkrieges verübten Gräueltaten angemessen zu entschuldigen, in den letzten Jahren immer rauer geworden. Japan ist zudem militärisch für China eine Herausforderung: Nach Angaben des Stockholm International Peace Research Institutes verfügt Japan über den fünfthöchsten Rüstungsetat der Welt und liegt damit kurz hinter China, der Nummer vier. Und: Japan hält sich, wenn auch mit leisen Tönen, die Option auf Atomwaffen offen. Da die japanische Atomwirtschaft zu den höchstentwickelten der Welt gehört und da sich zudem in den japanischen Kernkraftwerken und Wiederaufbereitungsanlagen über die Jahrzehnte hinweg große Mengen an atomwaffenfähigem Material angesammelt haben, könnte Japan binnen weniger Monate eine enorme Anzahl an Kernwaffen herstellen. Eine aggressive japanische Atommacht ist für China aber der schlimmste aller Alpträume. Japans Inseln schließen zudem einen großen Teil der chinesischen Küste vom Pazifischen Ozean ab – eine japanische Seeblockade könnte die chinesische Wirtschaft schwer treffen.
Auch das von der Volksrepublik China beanspruchte Taiwan ist ein nicht zu unterschätzender Gegner: Die hochgerüstete kleine Inselrepublik könnte dem ungeliebten großen Nachbarn im Ernstfall empfindliche Schläge versetzen. Ein Krieg mit Taiwan würde Chinas wirtschaftlichen und politischen Aufstieg nachhaltig blockieren und das Land um Jahre zurückwerfen.
Summa summarum könnte China allein auf Grund seiner geopolitischen Lage nicht die Rolle eines Weltpolizisten spielen. Die Entsendung chinesischer Streitkräfte nach Übersee würde immer eine Entblößung des eigenen Kerngebietes bedeuten. Allein deshalb ist eine globale militärische Interventionsfähigkeit Chinas sehr unwahrscheinlich.
Renitente Minderheiten
Zu den äußeren Bedrohungen kommen die inneren Herausforderungen: Große Teile der ethnischen Minderheiten in China sind zwangsbefriedet worden und leben in Feindschaft zum Staatsvolk der Han-Chinesen. Dies trifft vor allem auf die Uiguren zu: In der chinesischen Provinz Xinjiang im Westen des Landes lebt dieses muslimische Turkvolk und widersetzt sich erbittert seiner Sinisierung. Die Uiguren bezeichnen die Chinesen als “Plattnasen” und möchten sie aus ihrem Siedlungsgebiet vertreiben. Dies und den Wunsch nach Unabhängigkeit haben schon viele von ihnen mit ihrer Freiheit und ihrem Leben bezahlt.
In Südwesten Chinas kämpfen die Tibeter um ihre Unabhängigkeit. Seit dem antichinesischen Aufstand von 1959 sind rund 90.000 von ihnen nach Indien geflüchtet. Die Verbliebenen leben unter der strikten Aufsicht ihrer Besatzer. Obwohl Tibet rein wirtschaftlich von der Anwesenheit der Chinesen profitiert – China baut systematisch und mit hohem Aufwand die Infrastruktur dieses Gebietes aus – darf bezweifelt werden, dass dieser Konfliktherd in Zukunft zur Ruhe kommt. Sowohl die Uiguren als auch die Tibeter stellen ein gewaltiges destabilisierendes Potential dar: Dies ist das zweite Damoklesschwert. Ob die massenhafte Ansiedlung von Han-Chinesen in den betroffenen Gebieten Konflikt eindämmend wirkt, darf bezweifelt werden. Die historische Erfahrung zeigt, dass auch zahlenmäßig weit unterlegene Minderheiten lang anhaltende und kaum einzudämmende Bürgerkriege anzetteln können – die ungelösten Minderheitenkonflikte stellen deshalb für China eine ernsthafte Bedrohung dar.
Chinas Energieversorgung – am Tropf der OPEC
Chinas Wirtschaft hängt zudem am seidenen Faden: Das Land ist von ausländischem Öl abhängig. Dies ist das dritte Damoklesschwert, und es ist mithin das schärfste! Bis Anfang der neunziger Jahre war China energiepolitisch vollständig autark und konnte sogar Öl exportieren. Der Wirtschaftsboom hat diese Situation komplett verändert: China wächst, aber es wächst mit fremdem Öl. Obwohl China über enorme Kohlevorkommen verfügt und seine Grundversorgung vorwiegend auf diese Ressource stützt, hängt sein Wirtschaftswachstum am Tropf des Auslands: Fremde Mächte entscheiden darüber, wie viel Energie China zu welchem Preis erhalten darf. Schon heute bezieht das Land fast die Hälfte seiner Erdölreserven aus dem Ausland. Dieser Anteil wird sich noch in den nächsten Jahren dramatisch erhöhen. Ein erheblicher Anteil des importierten Öls kommt aus der krisenanfälligen Golfregion. Daher rühren die panikartigen Ölaufkäufe Chinas in Afrika und Lateinamerika. Das Land möchte sich gegen mögliche durch Nahost-Krisen verursachte Ausfälle absichern. Aber auch diese Maßnahmen bieten keinen langfristigen Schutz vor Energieengpässen. In jedem Fall muss China sein Öl über extrem lange Seewege transportieren. Ein potentieller Gegner, wie zum Beispiel die USA, könnte diese Seewege blockieren: Auf China dürfte sich eine gegen seine Versorgung mit Öl gerichtete Seeblockade katastrophal auswirken – sein Wirtschaftswachstum wäre mit einem Schlag beendet. Und an eine militärische Überlegenheit zur See kann China in den nächsten Jahrzehnten nicht hoffen. Denn auf dem Gebiet der Seestreitkräfte kann China auf absehbare Zeit nicht mit den USA konkurrieren – viel zu überlegen ist die Schlagkraft der US-Navy. Aber auch eine die Weltmeere dominierende chinesische See-Supermacht könnte an dem Problem der überlangen Seewege aus den Erdölexportgebieten nichts ändern. Lange Versorgungsrouten über See und die Verschiffung durch enge Wasserwege, wie zum Beispiel die Straße von Hormuz oder die Malakkastraße, sind für Sabotage, Piraterie und Terrorismus extrem anfällig. Die Versorgung Chinas mit Erdöl wird daher aller Wahrscheinlichkeit nach auch in Zukunft extrem unsicher sein – so wird das Land energiepolitisch auf Jahrzehnte hinaus auf Gedeih und Verderb dem Ausland ausgeliefert sein. Eine komplette Substitution des Erdöls durch andere Energiequellen, wie zum Beispiel die Atomkraft sowie die Wind- und Sonnenenergie, wie sie zur Zeit von der Regierung in BÄ›ijÄ«ng (Peking) forciert wird, ist ein auf Jahrzehnte hinaus aussichtsloses Unterfangen. Von einer nahezu 80-prozentigen Stromversorgung durch Atomenergie, wie sie zum Beispiel in Frankreich gewährleistet ist, kann China nur träumen.
Soziale Explosion und Bürgerkrieg
Das vierte Damoklesschwert ist Chinas Neigung zum Bürgerkrieg. Fast nirgendwo auf der Welt waren die internen Auseinandersetzungen derartig häufig, grausam und verheerend wie in China. Die Geschichte des Landes ist über lange Zeiträume hinweg eine Abfolge von Aufständen und Massakern mit Millionen von Toten gewesen: Alleine der Taiping-Aufstand von 1851 bis 1864 kostete nach Schätzungen von Historikern circa 20 Millionen Menschen das Leben. Vor diesem Hintergrund lässt Chinas gegenwärtige soziale Verfassung für die weitere Zukunft des Landes nichts Gutes erahnen: Schon jetzt kämpfen nahezu 200 Millionen entwurzelter Wanderarbeiter und Arbeitsloser (das Phänomen der Arbeitslosigkeit kann in China nicht getrennt von dem der Wanderarbeit analysiert werden) vorwiegend in den Ballungszentren um ihr tägliches Überleben. Die Zahl so genannter Beschwerdedörfer in BÄ›ijÄ«ng hat dramatisch zugenommen: Hier wohnen Menschen, die vor der allgegenwärtigen Ausbeutung in die Hauptstadt geflohen sind, um sich hier bei den zuständigen Behörden über korrupte Provinzkader zu beschweren. Dies geschieht zumeist vergeblich. Durch Chinas Großprojekte, wie zum Beispiel den Drei-Schluchten-Staudamm vertrieben, wandern heimatlose Bauern durchs Land oder enden an ihnen zugewiesenen Abstellorten: Ihre Entschädigungen werden ihnen häufig von verbrecherischen Funktionären nur zu einem geringen Teil oder gar nicht ausbezahlt. Arm und heimatlos, stellen sie einen enormen sozialen Sprengstoff für die chinesische Gesellschaft dar.
Die Rückkehr der Religion
Mit der sozialen Problematik eng verbunden ist die Rückkehr der Religiosität: Nach Gründung der Volksrepublik China im Jahre 1949 praktisch ausgerottet, ist der “Glaube” nach China zurückgekehrt: Überall schießen taoistische und konfuzianistische Tempel sowie Moscheen und Kirchen wie Pilze aus dem Boden. Die kommunistische Führung weiß, dass sie das Erwachen des religiösen Bewusstseins nicht verhindern kann und versucht nun, die mannigfaltigen Strömungen zu kanalisieren. Dies gelingt ihr mehr schlecht als recht: Zwischen der Kommunistischen Partei Chinas und vielen Religionsgemeinschaften ist das Verhältnis nachhaltig gestört: Die papsttreue unabhängige Katholische Kirche und diverse protestantische Religionsgemeinschaften werden argwöhnisch beobachtet und überwacht und müssen stets mit Übergriffen seitens der Staatsorgane rechnen. Die verbotene Falun Gong-Sekte wird mit aller Härte bekämpft. Dass alleine jedes Jahr circa eine Million Menschen zum Protestantismus konvertieren, zeigt, dass Chinas Führung in punkto Religion mit dem Rücken zur Wand steht. Den Kampf gegen das religiöse Erwachen der Bevölkerung hat sie längst verloren. Da in Chinas Vergangenheit vor allem religiöse Erweckungsbewegungen zum Sturz der jeweiligen kaiserlichen Dynastien beigetragen haben, ist zu vermuten, dass auch ein künftiger Umsturz durch religiöse Eiferer bewirkt werden könnte – in der Ausbreitung von Religionen und Sekten lauert also das fünfte Damoklesschwert.
Chinas Umweltapokalypse
Die in der sozialen Katastrophe Chinas sichtbar werdende Rücksichtslosigkeit der chinesischen Politik offenbart sich auch im Umweltbereich – dies ist das sechste Damoklesschwert: Ganze Landstriche sind schon jetzt völlig mit Umweltgiften verseucht. Durch Chemikalien verursachter Krebs hat sich in China epidemisch ausgebreitet. Berichten zufolge erleiden circa 750.000 Chinesen einen vorzeitigen Tod durch die Verschmutzung der Umwelt. Viele Menschen werden sogar akut vergiftet. Die Bodenerosion weiter Teile Westchinas gefährdet auch BÄ›ijÄ«ng, das immer häufiger von verheerenden Staubstürmen heimgesucht wird. Seit die Wüste Gobi nahe an die Schaltzentrale der Macht herangerückt ist, versuchen die Verantwortlichen überhastet, die Umweltschäden durch Verordnungen und Gesetze in den Griff zu bekommen. Schon lange untergraben die Folgen der massiven Umweltverschmutzung das Wirtschaftswachstum der Volksrepublik.
Die umgedrehte Alterspyramide
Ein weiteres drohendes Desaster hätte man China vor einigen Jahren nicht einmal ansatzweise zugetraut: Es ist die Überalterung der chinesischen Gesellschaft. Dieses Phänomen resultiert aus der von den Kommunisten angeordneten “Ein-Kind-Politik“. Was als Maßnahme gegen die Überbevölkerung gedacht war, entpuppt sich nun als tickende Zeitbombe: Immer weniger junge Chinesen müssen für immer mehr alte Menschen aufkommen. Chinas Alterspyramide steht verkehrt herum: Dies könnte künftige Wirtschaftserfolge des Landes vollständig zunichte machen. Hier lauert das siebte Damoklesschwert.
Zentralismus als Selektionsnachteil
China leidet zudem im Wettbewerb um weltweiten Einfluss unter einem gravierenden Selektionsnachteil: Das ist sein politischer Zentralismus – er ist die wahre Achillesferse des Landes. In China wird seit jeher, und da gibt es keinen Unterschied zwischen den zahlreichen Dynastien chinesischer Kaiser, dem maoistischen Kommunismus und der gegenwärtigen gelenkten Marktwirtschaft, von oben herab befohlen und angeordnet. Die Anweisungen aus der Hauptstadt sind sakrosankt und dürfen weder kommentiert noch kritisiert werden. Wenn die Zentrale in BÄ›ijÄ«ng richtige Entscheidungen trifft, profitiert davon ganz China. Falsche Entscheidungen ziehen aber sogleich die Gesamtheit des chinesischen Volkes in Mitleidenschaft.EURopa war und ist in viele souveräne Staaten aufgeteilt. Und diese wiederum bestehen aus zahllosen Provinzen und Bundesländern, die zumindest heutzutage relativ autonomen agieren. Dasselbe gilt für die USA und ihre Bundesstaaten. So konnte man inEURopa und Amerika stets vom Nachbarn lernen, der es anders gemacht hat. In China gab und gibt es kein “etwas anders machen”. Die Provinzen haben dort zu parieren. Die einzige Möglichkeit des “Andersmachens” besteht für die Chinesen in der Sabotage der Anordnungen aus BÄ›ijÄ«ng. Diese “Kultur des Hintertreibens” richtet aber in China enorme Schäden an und verstärkt zusätzlich die Schäden des autoritären Zentralismus. Das Ausgeliefertsein des Volkes gegenüber der Zentrale in BÄ›ijÄ«ng und seine Reaktion darauf, nämlich Sabotage in allen Bereichen, sind das achte Damoklesschwert, das über China schwebt.
Chinas geistige Mauer
Die schwierigsten Hindernisse auf dem Weg zur Weltherrschaft bilden jedoch nicht die über China schwebenden Damoklesschwerter. Das schwierigste Hindernis Chinas auf dem Weg zur Weltherrschaft ist seine Einstellung zur Welt. Bei einer intensiven Betrachtung der chinesischen Kultur und Geschichte drängt sich der Gedanke auf, dass China kein “Außerhalb” akzeptieren kann. Als Indiz für diese Vermutung lässt sich die Reaktion des chinesischen Kaisers Qianlong auf den Besuch des britischen Botschafters Lord Macartney 1793 interpretieren. Qianlong hatte die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zu Großbritannien abgelehnt, weil nach damaliger chinesischer Auffassung die Briten, wie auch alle anderen Völker dieser Welt, nicht mit den Chinesen gleichberechtigt seien, sondern nur eine untergeordnete Macht darstellten, mit welcher es sich nicht lohne, dauerhafte Beziehungen aufrechtzuerhalten. Die an Qianlong überreichten britischen Geschenke, zumeist wissenschaftliche Instrumente, hatte der Kaiser als “technische Spielereien” abqualifiziert.
Hier offenbart sich das kulturelle Grundverständnis der bis heute im Wesentlichen gleich gebliebenen chinesischen Einstellung zur Welt. Das Ausland ist nach dieser Weltsicht nicht attraktiv: China benötige daher keine ausländischen Waren und könne zudem vollständig autark leben. Von einem traditionellen chinesischen Standpunkt aus ist das Fremde weder interessant noch integrierbar. Diese Haltung ist allerdings nachvollziehbar: Die Herrschaft der chinesischen Dynastien erstreckte sich weitgehend auf Han-Chinesen. Integrationsleistungen, wie sie zum Beispiel das römische oder das osmanische Reich erbrachten, waren nicht erforderlich, um die eigene Herrschaft zu stabilisieren. Römer und Osmanen hatten ihre Herrschaft über eine Vielzahl von Völkern aufgerichtet, die Chinesen hingegen blieben zumeist unter sich. Sie scheinen ihre einzigartige Kultur nicht teilen zu wollen. Chinas Ethnozentrismus und Xenophobie sind so ausgeprägt, dass man Fremden in der Regel nicht einmal die eigenen Schriftzeichen erläutern möchte: Warum sollte ein Barbar auch lesen können? Auch heute noch können Afrikaner, Lateinamerikaner und Asiaten jederzeit Amerikaner oderEURopäer werden, aber niemals Chinesen: Als Chinese muss man schon geboren werden.
Dazu kommt das völlige Fehlen eines chinesischen Sendungsbewusstseins: China ist von seiner Überlegenheit überzeugt, aber es möchte die Segnungen seiner Zivilisation nicht in andere Länder exportieren. China kennt keine Mission und keine Missionare. Eine konsequente Bekehrung anderer Völker zu den Ideen und Idealen des Konfuzianismus oder des Taoismus stand für die chinesischen Kaiser niemals auf der Tagesordnung. In ihrer Welt hatten alle Dinge und Menschen ihren festen Platz – nichts sollte verrückt werden und niemand sollte überzeugt werden. Damit unterscheidet sich die chinesische Kultur vom Christentum und Islam ebenso wie von den politischen Religionen, wie zum Beispiel dem Marxismus-Leninismus. In Chinas gesamtgeschichtlicher Entwicklung stellt der kurzzeitig wirksame missionarische Maoismus die Ausnahme von der Regel dar: China war, ist und bleibt auch in Zukunft auf sich bezogen.
Als Symbol für Chinas Haltung in dieser Frage kann die “Große chinesische Mauer” (eigentlich ein System aus Mauern und Befestigungen) dienen, sie wurde circa 221 bis 210 vor Christus aus dem Boden gestampft, um China gegen die Angriffe der mongolischen Steppenvölker abzuschirmen. Als Pendant zur großen Mauer, die das Reich der Mitte militärisch schützen sollte, scheint der “Geist” der Chinesen von einer “inneren Mauer” umgeben zu sein – sie wurde gegen jede Form eines “Außerhalb” errichtet. Chinas derzeitige Großoffensive an allen weltwirtschaftlichen und weltpolitischen Fronten wird vermutlich an dieser “inneren Mauer”, dem fundamentalen Desinteresse anderen Völkern und Kulturen gegenüber, scheitern.
Und so löst sich das Paradoxon eines chinesischen Vormachtstrebens einerseits und einer gleichzeitigen generellen Ablehnung der Welt andererseits auf: China steigert seinen internationalen Einfluss deshalb, weil es sich selbst sicher beherrschen möchte. Durch die angestrebte Weltmachtstellung soll China wieder zum “Reich der Mitte” werden: von außen völlig unerreichbar und unbeeinflussbar! Chinas angestrebte Weltmachtstellung ist also nur “Mittel zum Zweck”: Das Land sehnt sich nach Weltgeltung, um auf diese Weise alle außerchinesischen Einflüsse im inneren effektiv eliminieren zu können. Daher kann die derzeitige offensive Weltpolitik Chinas nur als Versuch gesehen werden, wieder zur völligen Autonomie zurückzukehren. Die Konzeption eines durch die Weltherrschaft ermöglichten Isolationismus aber trägt den Keim des Scheiterns bereits in sich: Es ist eine politische Binsenweisheit, dass sich “gute Herrscher” immer völlig auf die Beherrschten einlassen müssen und dass sie Anteil am Leben und an der Kultur der Beherrschten nehmen sollten. Eine führungsbereite Nation, welche Distanz zu den “Objekten” ihrer Herrschaft sucht, sägt den Ast ab, auf dem sie sitzt. Und die Bestrebungen einer Nation, welche aus einem fundamentalen Distanzstreben heraus nach der Weltherrschaft greift, sind von vornherein zum Scheitern verurteilt. Genau aus diesem Grunde läuft Chinas Streben nach globaler Macht ins Leere. Wer die künftig zu Beherrschenden eigentlich nur auf Abstand halten will, weil er sie für zu barbarisch hält, wird bei diesen keine Unterwerfung, sondern nur barbarische Aufsässigkeit ernten.
Die unattraktive Großmacht
Dass China nichts mit der Welt anfangen kann, ist schlimm genug für seine Weltmachtambitionen. Aber noch fataler ist, dass die Welt nichts mit China anfangen kann. Der Grund hierfür ist einfach: China ist nicht attraktiv! Viele Länder wünschen sich die wirtschaftlichen Erfolge und Wachstumsraten der Volksrepublik. Aber niemand möchte wirklich längere Zeit in China leben, den chinesischen Lebensstil kopieren oder gar selbst zum Chinesen werden. Dies hängt mit der starken inneren Geschlossenheit des chinesischen Volkes zusammen: Fremde werden in China mehr geduldet als geliebt, während die im Ausland lebenden Chinesen gerne unter sich bleiben und so bei den Einheimischen den Verdacht erregen, sich gegen das Gastland verschworen zu haben. Daher ist Chinas globale Leitbildfunktion im Gegensatz zu den USA sehr gering.
Die häufig von afrikanischen Politikern und Journalisten vorgetragene Einschätzung, dass der Westen in Afrika seine Vorbildfunktion verloren habe und nun China den Völkern Afrikas als Wegweiser dienen würde, ist schlichtweg unglaubwürdig und ein Produkt eines antiwestlichen Trotzes. Die seit einiger Zeit in großen Massen in Afrika arbeitenden chinesischen Ingenieure und Arbeiter behandeln Afrikaner zumeist mit einer großen Herablassung, die zudem schnell in brutale Gewalt umschlagen kann.
An diesen und anderen Beispielen offenbart sich ein fundamentaler Gegensatz zur gegenwärtigen Hegemonialmacht USA: Amerika ist nach wie vor attraktiv und das zentrale Leitbild für die Welt. Große Teile der Erdbevölkerung würden alles dafür geben, um in die USA auswandern zu können. Aber nach China reist man nur, um dort Geschäfte zu machen: Reich geworden, kehrt man dem Land wieder den Rücken. Selbst der Antiamerikanismus profitiert uneingestanden von der Faszination durch die Vereinigten Staaten: Man hasst das, was man eigentlich bewundert und dennoch nicht erreichen kann. Für China hingegen sehen die Dinge anders aus: Wer würde schon gerne und mit Lust gegen das Reich der Mitte demonstrieren wollen? Antichinesische Hassparolen und das Verbrennen chinesischer Fahnen sind undenkbar: China ist schlichtweg zu distanziert, um einen dauerhaften Hass in der Welt zu erregen zu können.
Außerdem: Die USA verfügen über das “non plus ultra” aller perfiden Kampfmittel: den “American way of life”. Er ist überzeugender als die einengende Seriosität chinesischer Führungskader und der streberhafte chinesische Aufstiegswille. Davon abgesehen, dass Chop Suey, Frühlingsrolle und Pekingoper keine Weltleitkultur begründen können und kaum jemals Hamburgern, Hähnchenbeinen und Disney & Co. den Rang ablaufen werden, wird die kulturelle Unattraktivität Chinas durch die Komplexität der chinesischen Sprache (genau genommen handelt es sich um verschiedene Sprachen und Dialekte) verschlimmert. Wer in China Zeitung lesen möchte, muss mindestens 3.000 Schriftzeichen beherrschen. Undenkbar, dass die Weltbevölkerung unter diesen Voraussetzungen das Chinesische als “Lingua Franca” in Business und Kultur übernimmt. Wenn China die Welt kulturell in den Griff bekommen möchte, müsste das Land anfangen, Englisch zu sprechen: Wie unwahrscheinlich diese Option ist, braucht nicht erläutert zu werden. Die Welt ist englischsprachig und wird englischsprachig bleiben. Chinesisch hingegen wird immer nur eine Exotensprache bleiben: China steht somit in jeder Hinsicht “draußen vor der Tür”.
Chinas Flucht nach vorn
China gehört auch heute nicht eigentlich zu den “Akteuren” des internationalen Geschehens, sondern zu den “Getriebenen”. Seine derzeitige Offensive an allen wirtschaftlichen und diplomatischen Fronten ist daher eher als “Flucht nach vorne” einzustufen. Das Land kann nicht daran denken, in naher oder ferner Zukunft den Platz der Weltmacht USA einzunehmen und so eine dominierende Stellung in der Welt zu erlangen. So verbietet sich grundsätzlich die Möglichkeit einer chinesischen Weltherrschaft. Fraglos wird China in den kommenden Jahren und Jahrzehnten immer einflussreicher werden. Aber die Rolle einer Supermacht kann China wohl niemals ausfüllen – mehr ist für den “angreifenden Drachen” bei acht Damoklesschwertern und einer geistigen Fundamentalblockade einfach nicht möglich.
Danke für diesen ausführlichen Artikel, aber vor allem ihre sicherheitspolitische Analyse schildert die Lage doch ein wenig verzehrt und unterschlägt wichtige Tatsachen. Die russisch-chinesischen Beziehungen gelten als gut. Die zwei Länder haben 1996 zusammen mit Kasachstan, Kirgisistan und Tadschikistan die Schanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ) gegründet und in diesem Zusammenhang 1997 den Treaty on Reduction of Military Forces in Border Regions unterzeichnet. Die Sicherheitsbeziehungen zwischen diesen Ländern sind also durchaus als stabil anzusehen: „Anfang des Jahres 2005 führten China und Russland gemeinsam das Manöver “Friedensmission 2005″ auf der chinesischen Halbinsel Shandong durch. Luft- und Marinelandeeinheiten übten mit anderen Waffengattungen die Invasion an einer Küste. Auf beiden Seiten nahmen jeweils fast 10.000 Soldaten teil.“ Ganz aktuell haben zudem China und Indien kürzlich verabredet ihre Wirtschaftsbeziehungen auszubauen. „Bereits 2006 vereinbarten China und Indien, ihr Handelsvolumen bis 2010 auf 40 Milliarden US-Dollar zu erhöhen. Das Ziel ist bald erreicht: 2007 betrug das Handelsvolumen bereits 37 Milliarden, allein im ersten Halbjahr lag die Wachstumsrate bei 51 Prozent. Insgesamt hat sich der bilaterale Handel seit 2000 versechsfacht.“ Der Aufbau von Vertrauen wird also von beiden Seiten gewünscht und gefördert. Vietnam als ernsthaften Konkurrenten anzusehen ist mehr als zweifelhaft. Die Beziehungen zwischen den beiden Ländern sind schwierig, aber Vietnam hat nicht das Potential China zu gefährden. China ist zudem Vietnams größter Importpartner. Japan und Taiwan sind in der Tat die größten geopolitischen Herausforderungen für China. Im Falle Taiwans, nicht weil das Land eine große militärische Gefahr darstellt, sondern weil die USA für das Überleben des Landes als zweiten chinesischen Staat bürgen und China Taiwan sich wieder einverleiben möchte. Soviel für den Anfang.