Papa, böse Kinder kommen in böse Kliniken (X)

Wie oft heißt es über so genannte “Bürgerjournalisten”: Die sollten die Finger vom Journalismus lassen, die recherchieren nicht und sie verbreiten Unwahrheiten. Die wirklichen Profis findet man angeblich nur in Rundfunk- und Fernsehanstalten, bei Tages- und Wochenzeitungen – da wird angeblich nachgehakt, bis der Artikel steht. Warum aber steht dann

jessx.jpgWie oft heißt es über so genannte “Bürgerjournalisten”: Die sollten die Finger vom Journalismus lassen, die recherchieren nicht und sie verbreiten Unwahrheiten. Die wirklichen Profis findet man angeblich nur in Rundfunk- und Fernsehanstalten, bei Tages- und Wochenzeitungen – da wird angeblich nachgehakt, bis der Artikel steht.

Warum aber steht dann in so vielen Zeitungen genau das Gleiche? Wie im Januar in den “Grenzlandnachrichten” und in der “Westdeutschen Zeitung”. Und zwar dies: “In allen Gruppen der Jugendhilfe, nicht nur am Stammhaus im Wald bei Brüggen, sondern auch in Mönchengladbach und im Kreis Kleve, werden zurzeit rund 140 Kinder und Jugendliche betreut. 180 Menschen sind dafür verantwortlich. ‘Da sind Verwaltungskräfte mitgerechnet, tatsächlich ist es im Durchschnitt eine Eins-zu-Eins-Betreuung, die wir bieten’, erklärt Einrichtungsleiter Guido Royé.

Viele Elemente sind wie in einer normalen Familie: Die meisten haben ein eigenes Zimmer, jede Gruppe verfügt über Gemeinschaftsräume, eine Küche. Viele gehen zum Sport in die Vereine ringsum, einige haben Musikunterricht – jeder nach seinem Talent, das Royé und seine Mitarbeiter fördern wollen.”

Auch die “Rheinische Post” und die Welle Niederrhein haben fast zeitgleich Lobeshymnen angestimmt auf das Kinderheim, in dem Jessica Müller seit vier Jahren lebt. Jede Wette: Nachgehakt hat niemand.

Redakteur will anrufen

Manchmal tun sie aber als ob. Wie ein Redakteur der “Westdeutschen Zeitung”, der mir am 18. Januar 2008 per Email mitgeteilt hat: “Ich habe Ihre Mails zum Fall Jessica Müller bekommen.” Weiter schrieb er: “Bitte mailen Sie mir doch Ihre Telefonnummer, damit ich einmal kurz mit Ihnen darüber sprechen kann. Das ist, um darüber zu berichten, sehr viel einfacher.”

Fand ich auch und wartete vergeblich auf einen Anruf der “Westdeutschen Zeitung”. Die Spalten mit unreflektierten Werbetexten zu füllen, ist letzten Endes doch wohl einfacher.

Die “Grenzlandnachrichten”, die “Westdeutsche Zeitung”, die “Welle Niederrhein” und die “Rheinische Post” könnten jetzt antworten: In dem Bericht steht doch nicht, dass Royé (der meine Fragen bis heute nicht beantwortet hat) und seine Mitarbeiter Talente fördern, sondern nur, dass sie es wollen.

Kürzlich hat mir ein Ohrenzeuge berichtet, dass er vor ein paar Tagen an einer Außenstelle dieses Kinderheimes vorbeigekommen sei. Als ein Jugendlicher schreiend mit Fäusten eine Fensterscheibe bearbeitet habe, habe er die Polizei alarmiert. Wie kann so etwas bei einer Eins-zu-Eins-Betreuung geschehen, wie ist es da möglich, dass Jugendliche aus diesem Heim als Tierquäler und Steinewerfer in Polizeiberichten auftauchen?

Was sind das für Erziehungsmethoden?

Den Eltern von Jessica Müller ist vor Jahren “Erziehungsunfähigkeit” bescheinigt worden, wie aber ist es um die Erziehungsfähigkeit in diesem Heim bestellt? Zweifel an der Qualifikation sind doch wohl erlaubt, wenn man dies erfährt: Jessica hat einen Hasen in ihrem Zimmer, der mit Stroh versorgt werden muss. Doch da es bereits dunkel ist, traut sich die Zehnjährige nicht zum Stall. Deswegen muss sie auf ihr Zimmer und darf es nicht mehr verlassen.

Frage: Warum hat sich niemand eine Taschenlampe geschnappt, warum hat niemand Jessica bei der Hand genommen und ist mir ihr zum Stall gegangen?

Weitere Frage: Warum wurde Jessica nach einem Schulterbruch erst am nächsten Tag zu einem Arzt gebracht? Warum musste die Zehnjährige eine Nacht lang Schmerzen ertragen? Welches Erziehungsziel wird damit verfolgt?

Was für Ziele?

Welche Ziele verfolgen Heim und Jugendamt überhaupt? Warum wird kurz vor dem monatlichen Besuchstermin den Eltern mitgeteilt, dass der Besuch ausfallen müsse? Festgehalten sei dazu: Mittwoch gibt es vor dem Amtsgericht Mönchengladbach-Rheydt wieder einen Anhörungstermin. Vor solch einem Termin sollten Jugendamt und Heim doch wohl behutsam mit allen Beteiligten umgehen, zumal der Vater derzeit im Krankenhaus liegt, weil er an der Bandscheibe operiert worden ist.

Die Eltern wollen übrigens, dass der Termin am Mittwoch öffentlich ist. Das ist eine ungewöhnliche Bitte bei einer Familiensache – aber warum reagiert eigentlich niemand auf diese Bitte?

Mit all diesen Merkwürdigkeiten habe ich am Freitag in einem Fax den Oberbürgermeister von Mönchengladbach konfrontiert. Bekomme ich von ihm eine Antwort?

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