Es ist Zeit, hin und wieder hinter die schön angemalten Fassaden zu schauen – und verdammt – es bröckelt allerorten. Nur bunte Farben und Neonlicht sind’s halt nicht, was eine Gesellschaft zusammenhält, sondern auch ein ehrlicher Blick auf die Substanz. Volly Tanner sprach mit dem Fotografen und Readers-Edition & Blitz! Schreiberling Corwin von Kuhwede übers digitale Fotografieren, Solidarität und sein Selbstverständnis.
Volly Tanner: Salute Corwin, demnächst weihst Du ja Dein neues Atelier im Haus Harmeliner, mitten im Herzen Leipzigs ein. Gute Adresse. Wie bist Du denn auf diese Lokation gekommen?
Corwin von Kuhwede: Manche würden es sicher Zufall nennen, für mich ist es einfach nur der Weg, der für mich vorgesehen ist.
In diesem Haus gibt es zahlreiche Künstler und kreative Menschen. Ich war letztes Jahr bei (d)einer Lesung mit Michael Schweßinger im Atelier von Carolin Okon und sah an diesem Abend das Haus das erste Mal von Innen. Ich war wirklich sehr angetan, da ich hier genau die Faszination fand, die ich versuche in meinen Bildern wiederzugeben. Hier haben die Moderne und der Sanierungswahn noch keinen Einzug gehalten. Hier gibt es alte Tapeten, unsanierte Treppenhäuser, alte Fenster aus Holz und es riecht noch nach einer ganz anderen Zeit. Dieses Haus wurde nicht totsaniert, sondern ich spüre in ihm noch etwas von der Geschichte, die es mir erzählen möchte. Viele Details sind noch so erhalten, wie man sie vor der Wende hätte vermutet. Selbst die Firmenschilder der alten volkseigenen Betriebe gibt es hier noch. Diese Faktoren und natürlich, die von dir angesprochene Lage, machen das Haus zu einem interessanten Ort für kreatives Schaffen – gerade mitten im Konsumtempel “Innenstadt”.
Ich bin wirklich sehr gespannt, zu was es mich inspirieren wird.
Volly Tanner: Dein Hauptäußerungsmittel ist ja die Fotografie. Wie würdest Du Deinen Stil beschreiben – für Menschen, die Deine Bilder nicht kennen?
Corwin von Kuhwede: Für mich selbst, gibt es keinen Stil, der meine Bilder beschreibt. Einige meiner Bildliebhaber nennen meine Arbeiten “corwinistisch”, weil sie eben in keine Schublade passen. Diesen Begriff finde ich echt amüsant und ich selbst nutze ihn seither gern. Ich möchte mich auf keine bestimmte Richtung festlegen, weil ich mich ständig weiterentwickeln und nicht auf einer Stelle stehen bleiben möchte. Mal ist es mein Stil, Fotos im Flair der 70er Jahre in schwarz/weiß zu machen, mal sind es knallbunte und farbenfrohe Bilder, wie aus der Werbung, aber manchmal sind es auch digitale Collagen aus 10 Einzelbildern oder mehr, in denen ich meine eigene Welt schaffe. Es ist immer sehr stimmungsabhängig, in welche Richtung sich das entwickelt. Mal lustig, mal traurig, aber meistens nicht ohne symbolischen Hintergrund. Ich bin eher dafür, die unzähligen verschiedenen fotografischen Bereiche, miteinander zu kombinieren und verschmelzen zu lassen, als mich auf bloß eine Sache festlegen zu müssen.
Volly Tanner: Corwinistisch wirft natürlich die Frage nach Deinem Namen auf – Corwin war ja auch der Schreiber des Pfaffenspiegels. War dies der Ausgangspunkt Deiner Namensgebung?
Corwin von Kuhwede: Ich habe den Namen aus dem 10-bändigen Fantasy-Roman von Roger Zelazny: “Die Prinzen von Amber” eines der bekanntesten Fantasy-Autoren der USA. Ich interessiere mich eigentlich gar nicht für dieses Genre, aber ich habe die Masse Bücher, jeweils mit über 200 Seiten, in nur drei Monaten verschlungen. Das Buch ist wie zu einer Sucht geworden und ich habe bisher nie wieder ein Buch gelesen, was mich so gefesselt und fasziniert hat, wie diese Reihe. Roger ist ein wunderbarer Schreiber. In diesem Roman geht es um einen etwas komplexen Familien-Clan, der in Amber lebt. Amber ist für sie die einzige wahre Welt, die Welt der Ordnung und jedes Familienmitglied hat sich seine eigene Parallelwelt geschaffen. Darunter zählt auch unsere Welt, in der wir leben. Dazu gibt es noch das Gegenstück, das Chaos. Alles, was in Amber existiert, gibt es auch im Chaos – nur spiegelverkehrt eben. Mit speziellen Karten ist es den Charakteren möglich durch Zeit und Raum zu reisen, die Gestalt des eigenen Körpers und der Umwelt zu formen und zu verändern. Corwin von Amber ist die Hauptfigur der ersten 5 Bände, er hat mich wirklich sehr fasziniert. Meinen bürgerlichen Namen, bekam ich von meinen Eltern, aber diese Person ist Vergangenheit und hat nichts mit dem Corwin zu tun. Ich habe die Person und den Künstler Corwin selbst geschaffen und kann mich auch nur noch darüber identifizieren. Es gibt noch einige Menschen, die mich weiterhin bei meinem bürgerlichen Namen ansprechen, warum sie das tun, weiß ich nicht. Vielleicht denken sie, sie schaffen so mehr Nähe. Aber ich mag den Namen nicht mehr hören, weil das nicht ich bin.
Volly Tanner: In der Edition Paperone ist ja auch ein Bildband (LEIPZIG VERFÄLLT) von Dir erschienen. Wie waren denn die Reaktionen?
Corwin von Kuhwede: Die waren ganz verschieden. Ich hatte ja zuvor meine gleichnamige Ausstellung, bevor dieses Buch erschien. Die Leipziger Tourist-Information hat sich selbst geweigert ein Werbeplakat bei sich aufzuhängen, da sie meinen Titel so negativ behaftet fand. Ich bekam dann sogar noch den Hinweis, ich solle meine Titel doch etwas schöner und positiver gestalten, da die Touristen ja die schönen Seiten von Leipzig sehen wollen. Das hat mir eigentlich nur das Klischee bestätigt, gegen das ich mit meinem Buch vorgehen möchte. Eine Stadt ist nun einmal nicht nur der sanierte Teil, sondern die Gesamtheit von allen Elementen und Ecken. Schade, dass genau DIESE Menschen in der Leipziger Touristen-Info sitzen. Die Reaktionen der Leser hingegen, sind da schon etwas positiver, auch wenn es wirklich wenige Menschen gibt, die sich die Mühe machen, mir etwas zum Buch zu schreiben. Hin und wieder kommt mal eine E-Mail, wie “tolle Bilder”, aber solche Äußerungen zeigen mir einfach nur, dass meine Botschaft bei diesen Menschen nicht angekommen ist. Es ging mir in dem Buch niemals darum “tolle Bilder” zu machen, ich wollte, dass die Menschen beginnen zu reflektieren und über ihre eigene Stadt nachzudenken. Scheinbar kommt das nur bei sehr wenigen an. Aber auch wenn der Hintergrund meines Buches nur einen einzigen Menschen erreicht, ist das schon ein Schritt nach vorn. Über die Verkaufszahlen kann ich noch nicht viel sagen, da der Bildband erst seit Oktober 2007 erhältlich ist.
Volly Tanner: Man munkelt, Du hättest ein Lieblingsmodell. Stimmt das?
Corwin von Kuhwede: Du solltest deine Informanten wechseln, hehe. Ich habe mein Lieblingsmodell noch nicht gefunden. Bisher war es meine eigene Freundin. Mit ihr hatte ich auch mein erstes Shooting. Sie musste das erste Jahr hinhalten, bis ich endlich die ganzen Knöpfchen an meiner Kamera ausprobiert und verstanden hatte und wusste, für was die ganzen Zahlen im Display nützlich sind. Es war echt praktisch, wenn man Fotograf ist und auch noch eine gut aussehende Partnerin hat. Aber mittlerweile hat sie die Lust verloren, sich von mir noch großartig fotografieren zu lassen. Von ihr gibt es mittlerweile sicher hunderte verschiedene Fotos. Irgendwann ist die Luft da auch mal raus – bei beiden. Aber hin und wieder kann ich sie immer noch für die eine oder andere Idee begeistern.
Volly Tanner: In einer Stadt wie Leipzig tummeln sich ja Massen von Fotomanen. Was unterscheidet Dich von denen?
Corwin von Kuhwede: Im Zeitalter der digitalen Fotografie “kann” ja heutzutage jeder fotografieren und tut es auch. Sicherlich ist es da etwas schwerer, wenn man die Fotografie ernsthafter betreiben möchte. Ob nun Leipzig besonders dicht von Fotografen besiedelt ist, weiß ich nicht. Aber ich weiß eines, ich habe keine Konkurrenz. Für mich gibt es dieses Wort nicht und das sage ich nicht, weil ich der Meinung bin, besser als andere zu sein. Sondern ich bin der Ansicht, dass jeder kreativ Schaffende konkurrenzlos ist. Sobald man sich im Wettbewerb mit anderen Menschen sieht, leidet, meiner Meinung nach, die Kreativität und das Herz. Daraus resultieren nur solche
negativen Eigenschaften wie Neid, Ehrgeiz und Wettbewerbsdenken. Doch leider wird das bei uns ja sogar noch gefördert. Lieber sollte man sich mit allen möglichen Fotografen und anderen Branchen zusammenschließen und Partner finden, die sich gemeinsam unterstützen können. Gemeinsam schafft man heutzutage mehr, als wenn jeder nur sein eigenes Süppchen kochen will. Sicher ist das alles etwas phantasiert, weil die Fotografengeschäfte um die Ecke, die Passbilder machen, ja nicht mit darunter fallen. Sie machen alle das Gleiche und sind deswegen auch durch jeden anderen ersetzbar. Aber wer will dich und mich ersetzen? Wer will unsere Arbeit nachmachen? Du kannst meine Bilder nicht machen und ich deine Texte nicht schreiben. Denn jeder Mensch ist einzigartig.
Volly Tanner: Danke, Corwin. Möchtest Du dem lesenden Volke noch eine Weisheit mit auf den Weg geben?
Corwin von Kuhwede: Eine Weisheit gibt es jetzt nicht, aber dafür eine Einladung zu meiner Ateliereröffnung am 01. März, in der Nikolaistr. 57, direkt in der Leipziger Innenstadt. Einlass ist ab 20 Uhr und Beginn ab 21 Uhr. Dort wird es eine Fotoausstellung geben, eine Lesung, Bodypainting und Nacktbedienung. Außerdem gibt es ein Fotoshooting zu gewinnen, preiswerte Getränke und interessante
Kontakte.
Volly Tanner: Danke Corwin, wir sehen uns.
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