Zeitungen als Sensationsmaschinen: Vor 21 Jahren hat die Flucht aus Bayern begonnen

“Aids – Die Flucht aus Bayern hat begonnen.” (“Bild”, 3. April 1987) “Aids? Ich würde aus dem Fenster springen!” (“Bild”, 5. April 1987) “Neue Serie – Lieben ohne Aids zu kriegen.” (“Bild”, 28. April 1987) “Hackethal: Sterbehilfe für Aids-Kranke.” (“Bild”, 6. Mai 1987) Für 50 Pfennig pro Ausgabe hat dieses

aidsh.jpg“Aids – Die Flucht aus Bayern hat begonnen.” (“Bild”, 3. April 1987) “Aids? Ich würde aus dem Fenster springen!” (“Bild”, 5. April 1987) “Neue Serie – Lieben ohne Aids zu kriegen.” (“Bild”, 28. April 1987) “Hackethal: Sterbehilfe für Aids-Kranke.” (“Bild”, 6. Mai 1987) Für 50 Pfennig pro Ausgabe hat dieses Boulevardblatt vor gut 20 Jahren Seuchenangst und -schrecken verbreitet.

Die Schuldigen machte die “Frankfurter Allgemeine Zeitung” bei den sexuell Liberalen aus, fest stand für dieses Blatt am 10. April 1987: “Familien und Beziehungen werden zerstört werden, das Gesundheitswesen wird die hochschnellenden Kosten nicht mehr tragen können, ganze Volkswirtschaften werden erlahmen, Konflikte zwischen Interessengruppen, Wissenschaftlern und Politikern in jeweils verschiedenen Konstellationen werden uns zerreiben.”

Weitere Panikattacken

Weitere Panikattacken bekam diese Zeitung am 4. Juli 1987: “Haben die Bevölkerungsstatistiker bereits den Faktor Aids mit in ihre Rechnungen einbezogen? Wie stellen sich Banken und Finanzinstitute, Schulen und Universitäten, Kirchen und Wohlfahrtsverbände darauf ein, daß sich unter dem Eindruck der Seuche die Bevölkerungsstruktur vielleicht anders entwickelt, als es die bisherigen Annahmen vorsehen? Ist der Handel, ist die Industrie darauf gefaßt, dass womöglich eine Kundenschicht ausfällt?”

Aids gibt es auch heute noch – aber Schlagzeilen macht diese Krankheit nicht mehr. Denn die Presse, die sich gern als “vierte Macht” sieht, ist schon seit langer Zeit nur noch damit beschäftigt, eine Sau nach der anderen durch die Mediendörfer zu treiben: Vogelgrippe, BSE, verwahrloste Kinder und ab 28. Dezember 2007 bis zur Wahl in Hessen kriminelle Ausländer. Keine Nachrichtensendung verging ohne Meldungen über U-Bahn-Schläger, Überfälle und Diskussionen über härtere Strafen. Damit ist nun wieder Schluss.

Spannenderweise ist es meistens die “Bild”-Zeitung, die einen Stein lostritt. Daraus wird dann eine Medien-Lawine, die Schlagzeilen werden immer schrecklicher und dann heißt es: “Nächstes Thema bitte.”

Sobald es etwas ruhiger geworden ist, distanzieren sich die Ersten von den Ereignissen der jüngeren Vergangenheit, wie jetzt 17 CDU-Politiker, die sich vom Wahlkampfkurs des Wahlverlierers Roland Koch absetzen und erklären, die Integrationspolitik sei eigentlich “viel zu wichtig”. Wie Aufklärung über Aids, Familien- und Sozialpolitik…

Hemingways gibt es nicht mehr

Die Medien leisten dazu kaum noch einen Beitrag, Reporter wie Hemingway oder Kisch, deren Beiträge in die Literatur eingegangen sind, gibt es nicht mehr, abgelöst worden sind sie von Sensationsmachern, deren Meldungen eine Verfallszeit haben, die immer kürzer wird. Nur das Thema Klimawandel bleibt uns ein bisschen länger erhalten…

Gestattet sei zum Schluss die Frage: Wo sind eigentlich die Flüchtlinge aus Bayern geblieben, wo lesen die jetzt die inzwischen doppelt so teure “Bild”-Zeitung?

Photo Quelle/Copyright: everdred, cc creative commons, Namensnennung 2.0 US-amerikanisch, via flickr

Kommentare

Schreibe den ersten Kommentar für diesen Artikel.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*