Dieses Buch ist gut. Kurz und knapp. Und es erzählt. In Lyrik. Natürlich schüttelt der gemeine Harry Potter-Konsument verwundert und ablehnend den Kopf. Natürlich bekommt’s auch der Heimatromanliebhaber mit der Angst. Aber “Streumen” ist trotzdem Heimat – Aufregung und Verortung, vielleicht sogar mehr, als so mancher fetter Wälzer. “Streumen” ist aber eben auch Lyrik. Gut gemachte Lyrik.
Der Ort, aus dem Frau Sandig ihre Wurzeln irgendwann herausgezogen hat, pumpt provinziell in der Nähe von Riesa. Hier sind Faschisten Normalität auf der Straße und jeder kennt jeden. Hier schlumperte auch Sven Augstein (“Nachkriegsjugend”) herum und versuchte sich in Roman. Ja, Großenhain, ganz tief im Osten, irgendwie zu flach in der Landschaft, um schön zu sein. Kulturell feiert man den jährlichen Höhepunkt mit einem Weihnachtskonzert von Peter Schreier. Da lächelt der sonntäglich autowaschende Familienvater und bringt den alten Gag: “Peter Singer schreit Weihnachtslieder”. “Streumen” versteckt sich auch dort, hinter der Weggabelung, jenseits des Hügels dort hinten – oder gleich bei Leipzig. Hier studiert Ulrike Almut am Deutschen Literaturinstitut und bekommt Preise und sorgt für Aufsehen.
Naja, “Streumen” liegt wahrscheinlich doch eher im Brandenburgischen. Auf jeden Fall ist das Glück immer ein paar Kilometer weiter südlich zu suchen.
Da gibt’s einen Russenwald und der Leser findet ihn. Da gibt’s den Fluss, mit den Fischen. Mit den Toten. Und alle schauen weg. Und niemand weiß, wie Barsche aussehen. Das Leben pulsiert. In Bahnen. Lyrisch. Die Wälder sind versandet. Hühnergötter liegen herum. Und es gibt Liebe. Und Wind. Und Mutter hat Geburtstag.
Sandig ist in meinen Händen, während mein Rotwein atmet.
Sandig baut. Nicht auf Sand – eher in Bildern. “Streumen” entsteht und hinterlässt ein Gefühl. Hier ist ihre Lyrik beeindruckend. Weil ich spüre, dass “Streumen” vielleicht auch gleich um die nächste Ecke zetert und liebt und lästert. Ich kenne die Menschen, die dort leben. Alle. “Streumen” ist der genauere Blick hinter die Gardinen. “Streumen” ist so deutsch, so europäisch, wie Lakritzschnecken und Kaninchenzucht, wenn die Arbeitslosigkeit in die Familien bricht.
Und ein paar Kilometer südlich wartet das Glück. Nachts, wenn die Käuzchen schreien, am Friedhof, am Teich und in der verkrüppelten Weide, an der sie vor 200 Jahren noch die Hexe aufgeknüpft hatten, wandern Träume in die Wärme …
Ulrike Almut Sandig sucht das Glück.
Sie treibt’s weg, wie so viele… Und dann ist sie weg… Und im Schlafsack ist Nebel… Und irgendwann geht der Rückflug/ zu Hause wartet/ die Post. Dieses Buch ist gut. Wirklich. Kurz und knapp. Und mein Rotwein ist leer. Und ich gieße mir noch einen ein. Und beginne noch einmal von vorne. Mein Süden heißt Gomera und der Sand ist dort schwarz. Und das San Miguel Bier ist billig. Und in Vueltas, am Hafen, im Valle Gran Rey scheißen die Möwen auf die Mole.
“Streumen – Gedichte” erschien im November 2007 in der Connewitzer Verlagsbuchhandlung Peter Hinke. ISBN: 978-3-937799-30-8
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