It´s “Super Tuesday”! 22 US-Staaten stimmen heute Nacht (nach unserer Zeit) über ihren Präsidentschaftskandidaten ab – Grund genug, einige Experten zu befragen. Lesen Sie das Kurzinterview mit Frau Dr. Stormy-Annika Mildner von der Stiftung Wissenschaft und Politik. In einem weiteren Interview kommen Prof. Brigitte Georgi-Findlay von der TU Dresden, Prof. Hubert Zapf von der Uni Augsburg und Frau Prof. Dr. Sabine Sielke, Leiterin des Nordamerikastudienprogramms der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn zu Wort.
RE: Wer ist Ihr persönlicher Favorit?
Mildner: (lacht) So etwas beantworten wir wirklich nicht. Ich bin ja neutraler Wissenschaftler. Ich kann aber gern eine Prognose darüber abgeben, wer meiner Meinung nach wahrscheinlich vorn liegen wird.
RE: Gern.
Mildner: Ich schätze, dass bei den Republikanern McCain klar als Sieger hervorgehen wird und auch so viele Delegierte für die “National Convention” der Republikaner (im Frühherbst 08) für sich gewinnt, dass wir ihn als Präsidentschaftskandidaten sehen werden.
RE: Und bei den Demokraten?
Mildner: Hier sieht das Bild nicht so klar aus. Beide Kandidaten, Obama und Clinton, dürften Kopf an Kopf liegen, wenn heute Nacht (nach unserer Zeit) über ungefähr die Hälfte der Delegierten entschieden wird.
RE: Also eine richtige Vorentscheidung kann es noch gar nicht geben?
Mildner: Eine Vorentscheidung schon. Aber das Ergebnis kann so knapp ausfallen, dass die nächsten Primaries in den kommenden Monaten immer noch eine wichtige Rolle spielen. Und dann dürfen wir auch die sogenannten Super-Delegates nicht vergessen. Das sind die Delegierten, die nicht in den einzelnen Bundesstaaten bestimmt und gewählt werden, sondern hochrangige Parteifunktionen innehaben, darunter beispielsweise Abgeordnete oder Gouverneure – und das sind immerhin 20 Prozent aller Delegierten. In der Vergangenheit spielten diese Delegierten zumeist keine zentrale Rolle, weil der Vorsprung des einen oder anderen Kandidaten so groß war, dass sie das Ergebnis nicht mehr umkippen konnten. Häufig haben sie auch einfach nur den Gewinner bestätigt. Da jetzt aber das Ergebnis höchstwahrscheinlich knapp ausfällt, könnten diese Super-Delegates das Zünglein an
der Waage sein.
RE: Was wäre besser für Amerika, ein schwarzer Präsident oder eine Frau?
Mildner: Ob ein Kandidat gut oder schlecht für die USA ist, hat weder etwas mit Hautfarbe noch mit Geschlecht zu tun. Es ist eher eine Frage des Programms und der Ziele für ihre Präsidentschaft. Im Moment ist es beispielsweise sehr wichtig, dass die Kandidaten ein gutes, langfristig angelegtes Wirtschaftsprogramm haben.
RE: Und wer hat das beste Wirtschaftsprogramm?
Mildner: Ein besonders profiliertes und ausgefeiltes Wirtschaftsprogramm hat z.B. Mitt Romney. Hillary Clinton und Barack Obama setzen vor allem auf eine Reform des Gesundheitssystems. Fast alle Kandidaten können Ideen zu Energie und Klima vorweisen. Und jeder Kandidat hat seine eigenen Vorstellungen zu einer Reform der Immigrationsgesetzgebung – ein besonders wichtiges Thema für Super Tuesday, weil hier die Stimmen der Hispanics eine ganz zentrale Rolle spielen. Die Kandidaten haben eben Stärken auf unterschiedlichen Gebieten. McCain gilt z.B. als sehr erfahren in der Außenpolitik.
RE: Apropos Außenpolitik, wie wichtig ist das Thema Irak da jetzt eigentlich noch?
Mildner: Der Irak ist natürlich immer noch von Bedeutung für den Wahlkampf, spielt aber im Moment zumindest nicht die gleiche Rolle wie die wirtschaftliche Lage. Der drohende wirtschaftliche Abschwung – das ist gerade für den “Super-Tuesday” ganz klar Wahlkampfthema Nr. 1. Das kann sich natürlich auch wieder ändern, wenn die Finanz- und Immobilienkrise im Sommer oder im Herbst überwunden sein sollten oder sich die Sicherheitslage im Irak verschlechtert.
RE: Wie hoch ist es zu bewerten, dass Ted Kennedy, Bruder des ermordeten Expräsidenten J.F.K., Obama in dieser Woche demonstrativ den Rücken gestärkt hat?
Mildner: Sicherlich ist dies für Obama wichtig, aber die Massen der Stimmen sichert das natürlich nicht. Dies gilt auch für die Unterstützung von Kandidaten seitens wichtiger Zeitungen, beispielsweise der New York Times, die Clinton unterstützt.
RE: Im Moment hat es zumindest den Anschein, als ob der irgendwann gewählte demokratische Kandidat auch automatisch ins weiße Haus einziehen würde. Wäre John McCain, so er denn gewinnt, überhaupt ein ebenbürtiger Herausforderer des demokratischen Kandidaten?
Mildner: Ich würde die Republikaner nicht so schnell abschreiben. Der Weg für die Demokraten ins Weiße Haus ist schon noch steinig.
RE: Immerhin heißt es immer wieder, dass die Wahlbeteiligung mehr als doppelt so hoch sei bei den Demokraten gegenüber vor vier Jahren.
Mildner: Ja, es stimmt, dass bei den Demokraten der Enthusiasmus über diese Wahlen ungleich höher ist als bei den Republikanern. Es ist ja auch spannender, da unanbhängig davon, ob nun Obama oder Clinton das Rennen in den Vorwahlen macht, die Nominierung von historischer Bedeutung ist: die erste Präsidentschaftskandidatin oder der erste afroamerikanische Präsidentschaftskandidat. Ob die Demokraten schließlich auch ins Weiße Haus einziehen werden, hängt letztlich aber auch davon ab, welcher demokratische Kandidat gegen welchen republikanischen antreten wird. Clinton, beispielsweise, würde es nicht ganz einfach gegen McCain haben. Denn einerseits polarisiert sie stark unter den Demokraten. Andererseits könnte sie eine Einigung der im Moment gespaltenen Republikaner fördern, die ihren Idealkandidaten noch nicht gefunden haben. Nach dem Motto: Hauptsache gegen Clinton abstimmen! Das kann also schwierig werden für sie.
RE: Und wenn Obama gewinnt?
Mildner: Obama polarisiert weniger stark. Er schwimmt nach wie vor auf der “Change”-Welle, ist ein unglaublicher Sympathieträger, der die Emotionen der Wähler stärker anspricht. Er ist ein gewandter Redner, begeistert und motiviert. Dafür bringt er etwas weniger politische Erfahrung mit. Gerade in der Außenpolitik könnte er McCain nicht das Wasser reichen.
RE: D.h., Sie meinen, Obama hätte mehr Chancen gegen McCain?
Mildner: Das bleibt abzuwarten. Bis November ist es noch ein langer Weg. Auf jeden Fall wäre Obama gegen McCain eine spannende Konstellation, da die beiden Charaktere sehr unterschiedlich sind.
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Frau Dr. Stormy-Annika Mildner hat es kurz vor dem amerikanischen Großereignis auf den Punkt gebracht: “Es ist eine Frage des Programms” und nicht so sehr die Frage, ob männlich oder weiblich, schwarz oder weiß. Dennoch, das Duell “Hillary vs. Obama” ist medial in aller Munde. Deshalb bat Readers Edition um weitere Einschätzungen.
Schließlich hat es den Anschein, als wählten viele Menschen weniger nach Programm, als vielmehr nach Sympathie. Bezüglich der ersten möglichen Vorentscheidung über einen Präsidentschaftskandidaten beziehen nun Prof. Brigitte Georgi-Findlay von der TU Dresden, Prof. Hubert Zapf von der Uni Augsburg und Frau Prof. Dr. Sabine Sielke, Leiterin des Nordamerikastudienprogramms der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn kurz Stellung.
RE: Mit den Wahlkampfauftritten der Kandidaten steigen und fallen deren Sypmpathiewerte. Wer ist Ihr persönlicher Favorit?
Georgi-Findlay: Barack Obama.
Zapf: Hillary Clinton
Sielke: Obamas Charisma bringt mich immer wieder ins Wanken – aber meine Favoritin bleibt Hillary Clinton.
RE: Wen sehen Sie bei den Demokraten morgen nach dem “Super-Tuesday” in Front – Hillary Clinton oder Barack Obama?
Georgi-Findlay: Wahrscheinlich Hillary Clinton; möglicherweise aber auch ein knappes Ergebnis, das keine Entscheidung bringt.
Zapf: Hillary Clinton.
Sielke: Ich denke, Hillary Clinton wird sich durchsetzen.
RE: Was wäre besser für Amerika, ein schwarzer Präsident oder eine Frau?
Georgi-Findlay: Ich würde meine Antwort gerne an die Personen binden. In Anbetracht dessen, dass die Frau, um die es hier geht, sehr polarisierend wirkt, wäre ihr Gegenkandidat besser für Amerika.
Zapf: Keine Präferenz.
Sielke: Dass die Demokraten die Wahl zwischen einer Frau und einem Schwarzen haben, hat große historische und symbolische Bedeutung in den USA. Aber die Wahl ist auch die Wahl zwischen einer ganz bestimmten Frau und einem ganz bestimmten Afroamerikaner. Beide Kandidaten wären wunderbar für Amerika – und für den Rest der Welt.
RE: Wie hoch ist es zu bewerten, dass Ted Kennedy, Bruder des ermordeten Expräsidenten J.F.K., Obama in dieser Woche demonstrativ den Rücken gestärkt hat?
Georgi-Findlay: Das war sicherlich ein sehr wichtiges Signal für die demokratischen Wähler. Ich wäre aber vorsichtig, wenn es um dessen Bewertung geht.
Zapf: 2-3 % der Wählerstimmen.
Sielke: Ted Kennedy sagte: “Obama will transcend race” (dt.: Obama wird Rassendifferenzen/die Rassenfrage überwinden, Anm. d. Red.). Das wäre schön – zu schön um jemals wahr werden zu können. Dass er Obama unterstützt, hat auch damit zu tun, dass der schwarze Demokrat – als “black Kennedy” – an das Erbe John F. Kennedys anknüpft. Gleichzeitig halte ich den Einfluss Ted Kennedys auf die demokratischen Wähler für nicht wirklich ausschlaggebend.
RE: Bei den Republikanern ist John McCain ganz klarer Favorit. Vorausgesetzt, er sollte gewinnen – wäre er ein ebenbürtiger Herausforderer um den höchsten Posten oder zieht der demokratische Präsidentschaftskandidat automatisch ins weiße Haus ein, wie es im Moment den Anschein hat?
Georgi-Findlay: So “automatisch” sehe ich noch keinen ins Weisse Haus einziehen. Allerdings wäre meiner Ansicht nach die Gefahr für die Republikaner, auf verlorenem Posten zu stehen, mit den Kandidaten Romney oder Huckabee gegeben. Mit John McCain sehe ich diese Gefahr noch nicht. Allerdings muss er noch viele Republikaner überzeugen, denen er in der Innenpolitik zu moderat ist. Diese scheinen sich gerade erst mit der Idee eines Präsidentschaftskandidaten McCain vertraut zu machen.
Zapf: Automatisch geht gar nichts. Es hängt von der politischen Entwicklung der nächsten Zeit ab, ob McCain eine Chance hat. Steigt z.B. die Angst vor dem Terrorismus wieder an oder gibt es im Irak Zeichen eines Erfolgs, hat McCain bessere Chancen als es jetzt aussieht.
Sielke: Ich glaube wirklich, dass die Republikaner in dieser Wahl keine Chance haben. Und das ist gut so.
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