Volly Tanner sprach mit Lutz Hesse, den Veranstalter der Bert Brecht Revue in der Moritzbastei über Brecht, Journalismus und seine ehrenamtliche Tätigkeit als Chef des Verbandes der Schriftsteller (VS) Sachsen.
Volly Tanner: Hallo, Lutz – am 11.02. gibt’s in der Moritzbastei die Veranstaltung BRECHT RUFT 110!. Um was geht’s da?
Lutz Hesse: Am 10. Februar 2008 ist der 110. Geburtstag von BB. Das ist sicherlich nicht DAS Datum auf dass sich Medien gerne stürzen. Deshalb haben wir uns gedacht, 1-1-0 ist auch der Polizeiruf – Brecht und Polizei gehen gut zusammen, also gibt’s in der Moritzbastei eine Brecht-Revue. Alle Künstler, die ich angesprochen habe, fanden die Idee großartig. Der Titel: Brecht ruft 1-1-0 stammt von Uta Ernst, Professorin an der Hochschule für Musik und Theater hier in Leipzig, die an dem Abend mit Studenten ihrer Klasse natürlich auch dabei sein wird.
Volly Tanner: Und wer hat außer Uta und ihren Studenten schon zugesagt, mit zu machen?
Lutz Hesse: Natürlich freue ich mich, dass es wieder einmal gelungen ist, Künstler aus ganz unterschiedlichen Bereichen auf der Bühne der Moritzbastei zu vereinigen. Die Autoren Peter Gosse, Bernd Weinkauf, Ralph Grüneberger, Clemens Meyer, Henner Kotte und Adel Karasholi, die ausgewiesene Brecht-Expertin die Literaturwissenschaftlerin Dr. Christel Hartinger, der Texter und Schauspieler Max Reeg, der Radiomoderator Steffen Lukas, die Schauspielerin Helga Sylvester und der Comedian Patrick Parnitzke alias Christoph Graebel. Die Studenten der Musicalklasse der Hochschule für Musik und Theater Leipzig werden gemeinsam mit Stephan König, Sabine Töpfer und Prof. Uta Ernst den zweiten Teil des Abends gestalten. Durch den Abend führt Bastian Wierzioch von MDR-Figaro.
Volly Tanner: Wie bist Du eigentlich auf Brecht gekommen – der Bert ist ja nun nicht unbedingt omnipräsent im literarischen Geschehen der Zeit.
Lutz Hesse: Gerade das ist spannend. Ich denke, wir sind damals ein wenig mit ihm überfüttert worden und das Bild, was wir im Osten von ihm hatten war das eines Säulenheiligen, der darauf reduziert wurde, dass der Kapitalismus schlecht und der Sozialismus respektiv der Kommunismus gut wären. Sind wir mal ehrlich und sagen einfach, wer’s glaubte… Nun haben sich unsere Erfahrungen jedoch dahingehend verändert, dass seine Analysen über unser jetziges System doch irgendwie zutreffen und wir sollten uns einfach von einer gewissen Scham befreien und bekennen, Brecht hatte in vielem recht. Es gibt ja genügend öffentliche Personen in unserer Zeit, die das schon wieder in Abrede stellen. Aus diesem Gegensatz, Brechts wichtige Aussagen und das Kleinreden dieser künstlerischen Gesellschaftsanalysen, denke ich, dass solche Signale wie “Brecht ruft 1-1-0″ wichtig für ein neues Verständnis sind.
Volly Tanner: Siehst Du heutzutage Kulturschaffende, die dem Bert das Wasser reichen können? – Speziell in Leipzig?
Lutz Hesse: Das ist ziemlich schwer zu beantworten. Es scheint mittlerweile fast unmöglich, sich im Turm zu Babel durchzusetzen. Andererseits muss man zugeben, dass jede Zeit ihre Helden hat, die sind dann auf jeden Fall anders, haben Vorbilder oder stürzen Vorbilder vom Sockel. Auf jeden Fall geht die Auseinandersetzung, das Reiben am Brecht weiter. Bestenfalls entsteht etwas Neues. Dabei an dieser Stelle Namen zu nennen, fände ich töricht. In Leipzig fehlt es an der nötigen Radikalität. Leipzig überschätzt sich gern und liebt die Selbstblendung. Aus diesem Spannungsverhältnis könnte jedoch etwas entstehen.
Volly Tanner: Du bist ja auch Chef des Verbandes der Schriftsteller Sachsen-Leipzig. Kann dieser Verband nicht ein Rufer sein?
Lutz Hesse: Eher ein Mahner als ein Rufer. Brecht hat uns ja die Verwerfungen und Entfremdungen einer Kapitalwelt vorgeführt. Diese Welt ist leider immer noch vorhanden und hat ihre Gefährlichkeit noch nicht abgelegt trotz der Katastrophen des 20. Jahrhunderts. Der einzelne Autor kann sich stärker in die aktuellen gesellschaftlichen Debatten einbringen. Wir als Verband können da Anregungen geben, aber die einzelne Autorenstimme ist wichtig. Mit Interesse beobachte ich, dass Themen mit gesellschaftlicher Relevanz in der Literatur wieder stärker wahrgenommen werden.
Volly Tanner: Wo siehst Du den VS am Ende Deiner Amtszeit?
Lutz Hesse: Ich wünschte mir, dass der Verband der deutschen Schriftsteller als streitbarer Partner sich stärker in dieser Gesellschaft behauptet. Viele Autoren gerade der älteren Generation haben Schwierigkeiten, sich zu recht zu finden. Diesen Widerspruch auszugleichen ist mein Anliegen. Darüber hinaus kommt es bei einem Verband immer darauf an, wie engagiert jedes einzelne Mitglied selbst ist. Letztlich geht mein Appell auch an die so genannten Meinungsmacher, sich nicht nur in Schlagzeilen zu gefallen, sondern auch auf regionaler Ebene Denkanstösse zu liefern. Reihen wie “Nachdenken über Leipzig” könnten dafür ein spannendes Podium sein. In einer pluralistisch strukturierten Gesellschaft sollte offen und kritisch über Fehlentwicklungen diskutiert werden. Die Frage zielt auch darauf ab, welche Möglichkeiten in diesem Verband stecken. Hier muss ich natürlich sagen, dass meine Tätigkeit eine ehrenamtliche Tätigkeit ist und da ist manchmal der Wunsch der Vater des Gedanken, will sagen mir fehlt für vieles die Zeit. Natürlich hat man Vorstellungen, zum Beispiel junge Autoren für die Verbandsarbeit zu interessieren, Kontakte über die Landesgrenzen aufzubauen, denn wir leben in der Mitte Europas, da ist es schon wichtig das intellektuelle Gewissen zu bündeln. Wichtig ist mir auch eine Atmosphäre der Offenheit zu erzeugen, das Gespräch der Autoren untereinander stärker zu fördern und zu pflegen.
Volly Tanner: Kann der VS auch auf politische Entscheidungen einwirken? Gibt’s Kontakte zu Entscheidungsträgern? Formiert sich über den VS eine Lobby für die Wortarbeiter?
Lutz Hesse: Inwieweit das politische Wirken des VS reicht, kann ich nur am Beispiel der Urheberrechts-Debatte feststellen, denn da ist der Bundesvorstand und seine Gremien sehr aktiv. Der Kontakt zu den Parteien ist eher zurückhaltend. Die konservativen schmücken sich lieber mit Plakativem, da ist das Wort zu konkret. Die Sozialdemokratie ist zurzeit im Selbstfindungsprozess, den kann man begleiten, wenn sie es möchten. Jeder Künstler, also auch der Autor, sollte sich vor Vereinnahmung hüten. Die Distanz schafft ihm ja gerade den Freiraum, um die Verwerfungen und Fehlstellen einer Gesellschaft zu benennen, anderseits verstehe ich es, wenn man sich auch zu einer politischen Haltung und diese nicht aus karrieristischen oder merkantilen Erwägungen erfolgt, bekennt. Noch immer gilt: Je stärker die Geschichten der Autoren in die Gesellschaft hineinwirken, umso stärker ist auch das Gewicht des Autors, sprich seine Akzeptanz. Darauf gilt es hinzuwirken.
Volly Tanner: Als Veranstalter in der Moritzbastei kannst Du ja durch Deine Arbeit auch zum Meinungsbildungsprozess beitragen. Aber Du bist ja auch journalistisch tätig. Was macht Du denn da und für wen?
Lutz Hesse: Zunächst einmal zum Thema meinungsbildend in Bereich meiner hauptamtlichen Tätigkeit. Wie ja sicher bekannt ist, bekommt unser Haus keine Subventionen, das heißt alles was bei uns passiert, muss genau kalkuliert werden. Andererseits übernehmen wir durch unsere vielfältige Förderung junger Nachwuchskünstler subventionswürdige Aufgaben. Unser Stil ist es dennoch nicht, die Arme zu verschränken und Drohgebärden abzuspulen. Dass wir uns durch diese Haltung bei Künstlern und Publikum einen achtbaren Stand erarbeitet haben, der auch mit hohen Engagement der Kollegen der Moritzbastei bis hin zu eigenem Verzicht verbunden ist, erfüllt uns letztendlich mit Stolz. Das Beispiel Moritzbastei zeigt das Kultur nicht der Klotz am Bein der Gesellschaft sein muss. Von dieser Warte aus sind wir schon meinungsbildend und es wäre schön, wenn diese Haltung von den Medien stärker vermittelt würde. Nun zum zweiten Teil der Frage:
Meine journalistische Tätigkeit begann 1989 unter schwierigen Bedingungen. Ich war der erste Ostdeutsche, der für eine Zeitschrift im Westen Aufführungen des unterhaltenden Musiktheaters, sprich Musicals, besprach. Mich hat seit meinem Germanistikstudium in Leipzig immer die Frage interessiert: Warum gehen Leute freiwillig ins Theater und in welche. Theater haben nicht nur einen Bildungsauftrag, sondern sollten sich auch dem unterhaltendem Aspekt ihres Genres verpflichtet fühlen, was ja auch eine Form von Bildung ist. Die oft zu beobachtende Arroganz gegenüber dem Unterhaltungstheater hat auch etwas mit Geringschätzung dem Publikum gegenüber zu tun. Das war einerseits der Ansporn, andererseits war es die Beschäftigung mit der Gattung Musical. Immer wenn Stadttheater nicht weiter wissen und einen Kassenerfolg organisieren müssen, heißt der meist Musical. Was nichts anderes bedeutet, dass man aus betriebswirtschaftlichen Gründen mit dem Genre umzugehen weiß, aber die künstlerisch-ästhetischen bis hin zu politischen Aspekten gern bei der Umsetzung außer acht lässt. Das ist vielleicht nicht die eigentliche Aufgabe meiner journalistischen Tätigkeit, aber eine durchaus wichtige immer wieder darauf aufmerksam zu machen. Dass ich bei unterschiedlichen Partnern diesbezüglich ein geschätzter Gesprächpartner bin ist dann auch ein Erfolg meiner journalistischen Tätigkeit.
Volly Tanner: Zurück zum nächsten Montag und Bert Brecht. Ich hoffe natürlich, dass das Haus brechendvoll wird. Vor allem, da ja wirklich die derzeitigen Literaturgrößen der Stadt im Boot sind. Deshalb Toi Toi Toi und wir sehen uns beim nächsten durstigen Pegasus (Diese Werbung musste jetzt einfach sein – ist ja schließlich meine Reihe!).
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