Scientology-Experte: “Gefahren ergeben sich vor allem für das einzelne Mitglied.”

Über Scientology und deren berühmtesten Fürsprecher Tom Cruise wurde in den vergangenen Wochen medial heftig gestritten, so auch auf Readers Edition. Hans-Werner Carlhoff, Scientology-Experte des Landes Baden-Württemberg, etwa warnte: “So stelle ich mir einen Demagogen vor”. Der Jurist und gleichfalls Scientology-Experte Prof. Arnd Diringer, den RE ebenfalls um ein Interview

efcds.jpgÜber Scientology und deren berühmtesten Fürsprecher Tom Cruise wurde in den vergangenen Wochen medial heftig gestritten, so auch auf Readers Edition. Hans-Werner Carlhoff, Scientology-Experte des Landes Baden-Württemberg, etwa warnte: “So stelle ich mir einen Demagogen vor”. Der Jurist und gleichfalls Scientology-Experte Prof. Arnd Diringer, den RE ebenfalls um ein Interview gebeten hatte, mochte sich jetzt zusätzlich gern zum Thema äußern. Hier soll er dazu Gelegenheit erhalten. Seine Antworten fallen etwas anders aus.

RE: Kürzlich sind zwei Videos im Internet aufgetaucht (zu sehen u. a. hier). In einem huldigt Tom Cruise ungewohnt offen verzückt Scientology, im anderen ist er als ein Anführer der Scientology-Gemeinde zu sehen. Welche Empfindungen hatten Sie beim Betrachten der Filme?

.

Diringer: Die Videos sind weder neu noch besonders sensationell. Die Vereinigung wirbt schon seit geraumer Zeit in Filmen und Druckerzeugnissen mit prominenten Persönlichkeiten, die sich zu Scientology bekennen. Neben Tom Cruise engagieren bzw. engagierten sich z.B. auch John Travolta, Kelly Preston, Chick Corea, Julia Migenes, Anne Archer und Kirstie Alley öffentlich für die Scientology-Organisation. Dass Politik und Medien über die Darstellung und Inhalte der Videos überrascht sind, hat einmal mehr gezeigt wie wenig über Scientology bislang bekannt ist.

RE: Was kann ein populärer Schauspieler wie Tom Cruise wirklich propagandatechnisch in Deutschland ausrichten?

Diringer: Welche Bedeutung der Öffentlichkeitsarbeit durch Tom Cruise zukommt wurde bei der Verleihung der Freiheitsmedaille, einer besonderen scientologischen Auszeichnung, an ihn deutlich. In der Ehrung seiner Leistung für die Vereinigung wurde dabei u.a. hervorgehoben, dass er durch Presse, Funk und Fernsehen mittlerweile Millionen von Menschen über Scientology aufgeklärt habe. Statistisch betrachtet würden jede Stunde 5.000 Menschen seine Worte über Scientology hören, jede Minute würde jemand die scientologische Technologie heranziehen oder die Ausbildung auf der sog. Brücke zur völligen Freiheit beginnen „einfach weil er weis, dass Tom Cruise ein Scientologe ist“. Diese Darstellung kommt der Wahrheit wahrscheinlich recht nahe auch wenn die Zahlenangaben nicht überprüfbar und wohl auch übertrieben sind.

RE: Was ist Scientology – ist es eine Religion, eine Sekte; und die Frage aller Fragen: Wie gefährlich ist Scientology einzustufen?

Diringer: Hier ist eine differenzierte Betrachtung notwendig. Die Lehre Scientology ist verfassungsrechtlich als Religion bzw. Weltanschauung anzusehen. Beides ist nach dem Grundgesetz gleich geschützt und wird daher oftmals auch unter dem Begriff Bekenntnis zusammengefasst. Bei anderen von Hubbard entwickelten Lehren, etwa den Management- und Verwaltungstechnologien oder bestimmten Moralregeln, ist dies zumindest zweifelhaft. Letztere werden zum Teil auch von der Organisation selbst als „durch und durch nichtreligiöser Natur“ umschrieben.
Gefahren ergeben sich vor allem für das einzelne Mitglied. Diese reichen von finanziellen Schwierigkeiten bis zur persönlichen Abhängigkeit. Ob sich auch Gefahren für die Gesellschaft ergeben bedarf einer genaueren Analyse. Glaubt man den Darstellungen der Vereinigung über ihre Erfolge in Politik, Wirtschaft und Verwaltung ist zumindest Vorsicht geboten.

RE: Scientology wird seit Jahren in Deutschland vom Verfassungsschutz beobachtet. Steht am Ende ein Verbotsantrag, wenn man genügend Material gesammelt hat?

Diringer: Gemäß Art. 9 Abs. 2 des Grundgesetzes sind u.a. solche Vereinigungen verboten, die sich gegen die verfassungsmäßige Ordnung richten. Für ein Verbot bedarf es nach dem Vereinsgesetz lediglich einer konstitutiven Verbotsverfügung und nicht – wie bei Parteien – einer Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts. Allerdings reicht eine fehlende Verfassungskonformität der Lehren und Praktiken nicht aus. Vielmehr müsste die Feststellung zu treffen sein, dass die Vereinigung in kämpferisch-aggressiver Form auf eine Überwindung der bestehenden Ordnung hinarbeitet. Ob dies bei der Scientology-Organisation der Fall ist, ist in der Rechtswissenschaft umstritten. Es besteht daher auch ein hohes Risiko, dass ein Verbot von den Gerichten als rechtswidrig angesehen würde. Schon deshalb erscheint mir ein Verbotsverfahren sehr unwahrscheinlich.

RE: Mit welchen Methoden arbeitet Scientology, um etwa neue Mitglieder zu rekrutieren und bei der Stange zu halten?

Diringer: Scientology arbeitet weltweit mit einem erheblichen Werbeaufwand und betreibt eine sehr erfolgreiche Lobby-Arbeit, z.B. über das „Europa Büro für Öffentliche Angelegenheiten und Menschenrechte“ in Brüssel. Die Anwerbung neuer Mitglieder obliegt jedoch zumeist Mitarbeitern auf der untersten Ebene, die als sog. Feldauditoren oder in sog. Dianetik-Beratungsgruppen aktiv sind. Zielgruppen für die Anwerbung sind dabei nach Angaben der Scientology-Organisation insbesondere Familienmitglieder und Freunde.

RE: Björn Engholm, ehemaliger Ministerpräsident und Bundesminister, forderte in in einer Sendung bei “Beckmann” (28.1.07) kein Verbot, sondern Alternativen für die 6000 in Deutschland, die sich dieser Organisation zugewandt haben. Wie könnten diese aussehen?

Diringer: Dem einzelnen Scientologen Alternativen aufzeigen kann man nur, wenn man in der Lage ist mit ihm ins Gespräch zu kommen. Dies setzt aber voraus, dass man sich zuvor umfassend informiert. Gerade Mitglieder, die noch nicht lange bei der Vereinigung sind, erleben Scientology anders als es in den Medien dargestellt wird. Wer hier mit Vorwürfen agiert, die bestenfalls auf Halbwissen beruhen, verstärkt nur deren innere Bindung zu der Vereinigung. Welche Alternativen dann aufgezeigt werden können hängt vom Einzelfall ab. Insofern kann man keine pauschalen Lösungen anbieten. Es scheint aber – wie Prof. Abel einmal ausgeführt hat – dass Scientology insbesondere materialistisch ausgerichtete aber sinnsuchende Menschen anspricht.

Interview: Felix Kubach

- – -

R_Diringer2.jpg

Arnd Diringer ist seit 2003 als freiberuflicher Dozent u.a. für das Berufsbildungswerk der Deutschen Versicherungswirtschaft (BWV), die Berufsakademie (BA) Stuttgart und die Verwaltungs- und Wirtschaftsakademie (VWA) Stuttgart tätig. Seit März 2005 hat er an der Fachhochschule Ludwigsburg eine Professur für Zivilrecht inne, seit 2006 ist er Mitglied des Senats der Hochschule und seit Anfang dieses Jahres dortiger Leiter der Forschungsstelle für Personal- und Arbeitsrecht. Über Scientology verfasste er die Schrift “Scientology – Verbotsmöglichkeit einer verfassungsfeindlichen Bekenntnisgemeinschaft”, die 2003 in Buchform im Verlag Peter Lang erschienen ist.

.

Photo/ Lizenz: cc creative commons, Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 2.0 US-amerikanisch (nicht portiert) , via flickr

Kommentare

Dieser Artikel hat 2 Kommentare. Was ist Deiner?

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

  1. Ach Gottchen!

    Ein weiterer “Experte”, der “sich jetzt zusätzlich gern zum Thema äußern” mochte. *Gähn!*

    Nun, dann darf ich mich freilich auch äußern, wie ich doch hoffe. Ich halte mich nämlich auch für einen Scientology-Experten und werde im übrigen auch so wahr genommen. ;)

    Im Ernst: Ich kenne mich ganz gut aus mit der Scientology-Lehre. Das macht mich gewissermaßen zum “Experten”. Ich habe zahlreiche Werke von Hubbard gelesen und einiges an Auditing “probeweise” bekommen, selbst allerdings so gut wie nicht auditiert. Letzteres halte ich aber für absolut notwendig, um WIRKLICH das Prädikat “Scientology-Experte” zu verdienen. Demnach bin auch ich streng genommen keiner, Herr Arnd Diringer aber noch viel weniger.

    Was möchte ich als “Fast-Experte” der geneigten Leserschaft raten? Ganz einfach das, was jeder vernunftbetonte und nach Weisheit und Wahrheit strebende Geist (ein “philosophischer Geist” also, denn Philosophie ist definitionsgemäß die Liebe und das Streben nach Weisheit resp. Wissen) raten würde und sich damit von den Diringers dieser (durchaus ziemlich verrückten) Welt unterscheidet:

    Lest die PRIMÄR-Literatur zum Thema Scientology, soviel Ihr bekommen könnt! Und diese Primärliteratur kann folglich nur vom “Meister” selbst sein: L. Ron Hubbard, der Gründer der Scientology-Lehre.

    Lest und Ihr wißt, um was es bei Scientology WIRKLICH geht, [xxx…Beleidigende Äußerungen von der Redaktion gelöscht…xxx] Um auf alle Fälle sicher zu gehen, kommt man nicht drum herum, mit eigenen Sinnen und Verstand die Sache in Augenschein zu nehmen. Und das tut man eben durch die Lektüre Hubbards Schriften!

    Und wer einen (notwendigen) Schritt weitergehen will, der probiert aus, was Hubbard an Technologie beschrieben und hinterlassen hat. Schließlich muß auch der Bäcker ausprobieren, was der Meister “schreibt”, sonst wird er nie erfahren, ob bei dieser Backtechnologie am Ende ein schmackhaftes Brötchen bei rauskommt.

    [xxx…Beleidigende Äußerungen von der Redaktion gelöscht…xxx] Sie werden umhergehen und rufen: “Du, ich weiß jetzt, was Scientology ist. Herr Diringer hat mich aufgeklärt.” Die glauben das wirklich.

    [xxx…Beleidigende Äußerungen von der Redaktion gelöscht…xxx] Entscheide für Dich, ob Du in diesem Mainstream mitschwimmen willst, oder ob Du es wie ich hier empfohlen habe machen magst. Es ist immer Deine Entscheidung. Jeder ist für seine eigene Dummheit oder Klugheit verantwortlich, [xxx…Beleidigende Äußerungen von der Redaktion gelöscht…xxx]