Erdogan in Deutschland: Brett vorm Kopf für den deutsch-türkischen Dialog

Ein wenig klingt es immer noch nach “deutschem Wesen”: Nach der Brandkatastrophe von Ludwigshafen ist der türkische Ministerpräsident in Deutschland zu Gast und “Bild am Sonntag” titelt heute: “Türkei-Premier Erdogan provoziert die Deutschen”. Die Deutschen? Mich auch? Das wollen wir doch einmal überprüfen. Erdogans Provokationen sollen dieser Zeitung zufolge aus

erdoge.jpgEin wenig klingt es immer noch nach “deutschem Wesen”: Nach der Brandkatastrophe von Ludwigshafen ist der türkische Ministerpräsident in Deutschland zu Gast und “Bild am Sonntag” titelt heute: “Türkei-Premier Erdogan provoziert die Deutschen”. Die Deutschen? Mich auch?

Das wollen wir doch einmal überprüfen. Erdogans Provokationen sollen dieser Zeitung zufolge aus verschiedenen Äußerungen bestehen.

Die erste Äußerung von Erdogan: “In Deutschland sollten Gymnasien gegründet werden können, die in türkischer Sprache unterrichten.”

Schon beginnt die Gedankenreise – beispielsweise nach Rumänien und Ungarn. Dorthin sind vor Jahrhunderten die so genannten “Donauschwaben” ausgewandert, sie blieben stets eine deutsche Minderheit in einem fremden Land, die für deutsche Schulen kämpften, für Gleichberechtigung und Anerkennung ihrer kulturellen Eigenarten. Heute noch gibt es Orte, die einen deutschen Bürgermeister haben.

Zu den beliebten Auswanderungsländern heutiger Zeit gehört Mexiko, in manchen Touristenorten trifft man so viele Deutsche, die in Gaststätten oder Hotels an der Karibik arbeiten oder diese leiten, dass man manchmal vergisst, wie viele Flugstunden bis nach Mittelamerika zurück gelegt werden müssen.

Das Zusammenleben, das ich dort kennen gelernt habe, war prächtig, die Antwort “yo soy alemán” ließ die Daumen hoch gehen, und ich traf in Mexiko keinen einzigen Deutschen, von dem Assimilation gefordert worden war. Integration dagegen ist bei der Deutschfreundlichkeit in diesem Land überhaupt kein Problem, die ergibt sich schon wegen des Klimas, weil an der Karibik niemand so fleißig und so pünktlich sein kann wie man das hier zu Lande angeblich ist.

Deutsche also dürfen im Ausland auf ihre nationale Identität pochen, Türken in Deutschland aber nicht? Außerdem: Türkische Gymnasien gibt es bei uns doch schon, eins zum Beispiel seit 2004 in Berlin-Spandau, auch in Hannover, Paderborn, Köln und Mannheim existieren sie. Der türkische Ministerpräsident hat also bei seiner Forderung lediglich etwas übersehen. Unkenntnis oder mangelnde Information als Provokation zu werten, wäre unfair, denn dann müsste man den meisten deutschen Politikerinnen und Politikern täglich Provokationen vorwerfen.

Die zweite Äußerung von Erdogan: “Ich befürworte Integration. Assimilation aber ist eine Schande für die Menschheit.”

Das Wort “Schande” ist zwar unpassend, denn viele assimilieren sich so schnell, dass man sich wundert, aber Integration muss das Ziel sein. Da niemand von einem norddeutschen Küstenbewohner erwartet, dass er so gesellig ist wie ein Mainzer, da niemand erwartet, dass ein Bundesligaspieler aus Duisburg so gut mit dem Ball umgehen kann wie der zurzeit verletzte Franzose in Diensten von Bayern München, sollten wir doch inzwischen gelernt haben, Unterschiede zu akzeptieren, zumal sie Langeweile vertreiben können.

Mit einer immer besseren Integration würde die gegenseitige Neugier wachsen, würden immer mehr Deutsche möglicherweise Türkisch lernen wollen wie Türken Deutsch gelernt haben oder lernen sollen, von CSU-Chef Erwin Huber muss sich doch niemand irre machen lassen, nur weil der das Schreckgespenst “Klein-Türkei in Deutschland” an die bayerische Wand malt, obwohl es noch nicht lange her ist, dass ein Ministerpräsident dieses Bundeslandes große Probleme mit der deutschen Sprache hatte.

Die dritte Äußerung von Erdogan: “Wenn die EU ein Christen-Club ist, darf man nicht von einer Allianz der Kulturen sprechen.”

Wenn es so wäre, dürfte man das wirklich nicht. Ist es aber nicht, obwohl es solche Bestrebungen durchaus gibt. Einige haben eben immer noch Angst vor dem Islam, weil sie zu wenig über diese Weltreligion wissen und sich hinter Vorurteilen verstecken. Dieses mangelnde Wissen hat jüngst dazu geführt, dass ein “Tatort” ziemlich dämlich endete, weil ausgerechnet einer religiösen Minderheit, die in der Türkei benachteiligt wird, Schlimmes in die Schuhe geschoben wurde.

Man kann also beiden Seiten nur raten: Brett vom Kopf für den Dialog!

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