“Zug der Erinnerung” sagt uns auch: Wehret den Anfängen

- Holaust-Überlebende ruft die Jugend dazu auf, die Erinnerungen wachzuhalten; Photos (3) C.-D. Stille
Bei strahlender Sonne und unter blauem Himmel war der von einer Dampflok gezogene Zug - bestehend aus drei Waggons - auf Gleis 26 des ziemlich herunterkommenen Hauptbahnhofs Dortmund eingelaufen. Es zischte und puffte. Über dem stählernen Dampfross rumänischer Produktion stiegen Rauchwölkchen in den frühlingshaft anmutenden Himmel über der einstigen Bier- und Stahlstadt Dortmund. Aber Eisenbahn-Romantik kam nicht auf. Gerade die aus der Esse der Lokomotive aufsteigenden Rauchwolken, erinnerten - wenigstens mich - schmerzlich daran, wohin einst ähnliche Züge, wie dieser (nur bestanden sie damals nicht aus Personen- sondern aus Viehwaggons) gerollt waren, um ihre “Fracht” abzuladen: nämlich nach Theresienstadt, Majdanek, Buchenwald oder Auschwitz. Das soll nicht vergessen werden.
“Zug der Erinnerung” gedenkt vergessener Opfer: von den Nazis deportierte Kinder und Jugendliche
Zu diesem Zweck ist der “Zug der Erinnerung” gestartet und heute in der Ruhrgebietsmetropole Dortmund angekommen. Der “Zug der Erinnerung”, das ist eine Ausstellung auf Rädern. Er macht aus Osnabrück kommend eine weitere Zwischenstation auf seiner Fahrt durch Deutschland. Die Exposition soll die vergessenen Opfer des NS-Systems ehren.
Dies sind in dem Falle explizit Kinder und Jugendliche, die die “Deutsche Reichsbahn” im Auftrag der faschistischen deutschen Regierung in die Vernichtungslager der deutschen Faschisten transportiert hat. Schätzungen gehen dabei von einer Zahl von über einer Million aus. Die Kinder und Jugendlichen kamen aus fast sämtlichen europäischen Staaten. Nur die wenigsten von ihnen kehrten zurück. Nach den Beschlüssen zur “Endlösung der Judenfrage” wurden
bürokratisch penibel und mit gewohnter deutscher Gründlichkeit “Lieferzahlen” der abzutransportierenden (und dann zu vernichtenden) Menschen festgelegt.
Logistiker lieferten präzise Laufpläne - KZs waren nur normale Ziele
Zwecks Bereitstellung der Züge hatte das Verkehrsministerium in Berlin den Hut auf. Logistiker der Deutschen Reichsbahn tüftelten wirtschaftlich und präzise die Laufpläne für die Deportionen aus. Im Zug wird ein Beitrag des WDR gezeigt, worin ein Mitarbeiter der Reichsbahn dazu interviewt wird. Nein, sagt der, man habe nicht gewußt, was mit den Menschen in den Zügen an deren Bestimmungsort geschehe. Die Konzentrationslager seien nur normale Ziele für sie gewesen. Sonst nichts…
Die Täter setzten ihre Karriere nach dem Krieg nahtlos fort
Nicht wenige, der damals für die Durchführung der Deportationen Verantwortlichen, haben ihre Karrieren nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs fast nahlos fortsetzen und später anstandslos ihre Pensionen kassieren können.
Aktion “DA” lief auch am hellichten Tage - Niemand schritt ein
Allein zwischen Oktober 1940 und Dezember 1944 ließ das Nazi-Regime mehrere hunderttausend Kinder deportieren. Das geschah nicht etwa nur nächtens, sondern oft auch am hellichten Tage. Die Reichsbahn-Züge fuhren die Kinder unter dem Decknamen DA (”David”) in die deutschen Todeslager im Osten. Ihr bevorzugteste Ziel hieß Auschwitz (Oswiecim). Die deutsche Bevölkerung ließ die Dinge geschwehen, wie sie geschahen. Nach dem Krieg wollten viele Deutsche nichts gewußt und schon gar nichts gesehen haben. Dabei waren die Züge nicht gerade kurz und somit für viele Menschen sicher durchaus auffällig. Schließlich rollten sie auch durch unsere deutschen Städte. Und machten Zwischenstationen in deren Bahnhöfen. Sie unterbrachen ihre Fahrt. Manchmal nur für Minuten. Aber durchaus auch für mehrere Stunden. So wie es heute (er bleibt bis zum 13.2.2008 in Dortmund) der “Zug der Erinnerung” tat.
Die ihren Eltern entrissenen Kinder in den Zügen dürften damals ängstlich, aber auch voller Hoffnung gewesen sein. Doch die Züge der Schande blieben unbehelligt auf den Abstellgleisen und Bahnhöfen unserer deutschen Städte stehen. Niemand schritt ein.
über die Opfer wurde geschwiegen - Die Täter arbeiteten für den neuen Staat weiter
Schlimm genug, dass in unserem Lande mehr als sechzig Jahre über das Schicksal jener deportierten Kinder und Jugendlichen der Mantel des Schweigens gebreitet wurde. Fürchterlicher noch, dass fast keiner der damaligen Täter zur Rechenschaft gezogen worden ist. Sie arbeiteten nach dem Kriege ungestraft weiter. Nun für den neuen deutschen Staat. In den Ministerien, bei der Polizei, den Bahndirektionen und in den Stellwerken. Unglaublich? Aber wahr! An die Opfer wurden keine Gedanken verschwendet.
“Zug der Erinnerung”: bis heute mehr als 40 000 Besucher
Deshalb ist es gut, dass der “Zug der Erinnerung” Fahrt aufgenommen hat. Und die Resonanz, dass zeigte auch das Interesse zahlreicher Menschen an dieser rollenden Ausstellung heute in Dortmund, auf diesen Zug ist groß. Bisher dürften sie über 40 000 Besucher u.a. auf den Bahnhöfen Frankfurt a.M., Darmstadt, Mannheim, Karlsruhe, Stuttgart, Tübingen, Saarbrücken, Fulda, Kassel, Göttigen und Osnabrück gesehen haben. Desweiteren sind Zwischenstopps in Niedersachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen, Sachsen und NRW geplant.
Das Ziel “Auschwitz” ist in Gefahr - durch skandalöses Verhalten der Deutschen Bahn AG
Zum Schluss soll der “Zug der Erinnerung” 3000 Kilometer Schiene hinter sich gelassen haben, wenn er an der Gedenkstätte in Auschwitz angekommen sein wird. Nur ist es im Augenblick noch mehr als fraglich, ob es tatsächlich dazu kommt. Denn, obwohl die Deutsche Bahn AG als historische Erbin der Deutschen Reichsbahn zu betrachten ist, begleitet sie diesen um Aufklärung, Mahnung und Gedenken bemühten Zug - gelinde ausgedrückt - nicht gerade mit Wohlwollen. Doch damit nicht genug: nun verlangt der Konzern mit dem 3-Millionen-Mann Mehdorn - einem Manager mit der Mentalität eines Prellbocks - an der Spitze auch noch hohe Summen (Trassengebühren), damit der “Zug der Erinnerung” das deutsche Schienennetz benutzen kann. Und für den Zugang zur Ausstellung auf den jeweiligen Bahnhöfen möchte die Bahn AG auch noch Stationsgebühren kassieren. Für die Beleuchtung der letzten Fotos und Briefe der Kinder in den Ausstellungswaggons verlangt der schwerreiche Misch-Konzern, der mit dem Eigentum der Steuerzahler demnächst an die Börse will, Anschlussgebühren. Den Erlass dieser Forderungen hat die Bahn bisher kategorisch abgelehnt. Lapidar hieß dazu seitens der Deutschen Bahn: Die Kosten für Bahnrechnungen sollten aus den Spenden der Besucher finanziert werden. Das meinte auch das Bundesfinanzministerium bislang. Kürzlich jedoch stellte Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) eine gewisse Summe in Aussicht, die der rollenden Ausstellung zugute gekommen soll. Eingetroffen ist das angekündigte Geld allerdings noch immer nicht bei den Initiatoren der Exposition. Dem Minister bittend hinterher rennen will man nicht. Eigentlich müsste es völlig selbstverständlich sein, dass die staatlichen Erben der Täter von damals einen maßgeblichen finanziellen Beitrag leisten, um es möglich zu machen, dass der Opfer der Massendeportationen während der Nazidiktatur heute angemessen gedacht werden kann.
Im Gästebuch: Lob für die Ausstellung - Wut auf die Bahn AG
Es kann nicht hoch genug gelobt werden, dass die mobile Ausstellung von ihren Machern und deren fleißigen Unterstützern ins Werk gesetzt wurde. In den Eintragungen ins Gästebuch des Zuges kommt das immer wieder zum Ausdruck. Auch von Wut und das Unverständnis über das damals Geschehene - und das es überhaupt möglich war - ist die Rede. Viele Ausstellungsbesucher drückten ebenfalls ihre Empörung darüber aus, dass die Deutsche Bahn AG nicht bereit ist, dass zu tun, was eigentlich ihre verdammte Pflicht und Schuldigkeit wäre: Nämlich die Ausstellung bedingungslos zu unterstützen und ihr sämtliche Kosten zu erlassen.
Holocaust-Überlebende an die Jugend: Nicht vergessen, was geschah!
Wenn auch “Zug der Erinnerung” an Vergangenes gemahnt, so möchte er als fahrende Exposition doch unbedingt auch in unsere Gegenwart hineinwirken. Was damals geschah, geschah nicht von heute auf morgen. Es war ein schleichender Prozeß. Antisemitismus, Fremdenhass und nationaler Größenwahn, sowie das Wegsehen von Millionen von Deutschen machte ihn erst möglich.
Wie nötig so etwas, wie der “Zug der Erinnerung” ist, daran gemahnte heute auf Bahnsteig 26 des Dortmunder Hauptbahnhofes die Holocaust-Überlebende, Margot Kleinberger (siehe Foto oben; sie wurde als 12-Jährige ins KZ-Theresienstadt deportiert) in bewegenden Worten vor zahlreichen Besuchern. Anwesend waren auch die Dortmunder Bürgermeisterin Birgit Jörder und der Dortmund DGB-Chef Weber. Margot Kleinberger rief die Jugend inständig dazu auf, unbedingt die Erinnerungen an die fürchterlichen Geschehnisse während der schrecklichen Zeit des Naziregimes und an dessen millionenfache Opfer in vielen Ländern, stets wachzuhalten und auch an die nachfolgenden Generationen weiterzureichen. Sie wies daraufhin, dass die Generation der Opfer, der sie selbst angehöre, bald ausgestorben sein werde. Deshalb sei es besonders wichtig, dass nicht vergessen werde, was Menschen anderen Menschen antaten. Frau Kleinberger freute sich sehr, am heutigen Sonntag viele Jugendliche unter den Besuchern zu sehen.
Erschreckend, dass auch heute in Deutschland wieder Fremdenhass und Antisemitismus auf fruchtbaren Boden fallen kann. Aus diesem Grund gibt uns der “Zug der Erinnerung” über den Umweg Vergangenheit mit auf den Weg: Wehret den Anfängen!
Protest-Mails können an den
Verkehrsausschuss des Deutschen Bundestages (verkehrsausschuss@bundestag.de) dem Minister für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung, an Herrn Minister Wolfgang Tiefensee (Wolfgang.Tiefensee@bmvbs.bund.de) und die Deutsche Bahn AG, Herrn Dr. Hartmut Mehdorn (hartmut.mehdorn@bahn.de) geschickt werden.













tertiogaudens
“Die deutsche Bevölkerung ließ die Dinge geschwehen, wie sie geschahen. Nach dem Krieg wollten viele Deutsche nichts gewußt und schon gar nichts gesehen haben.”
Dazu ist ein sehr interesantes, mit seitenlangen Literaturhinweisen, Buch erhältlich.
Robert Gellately “Hingeschaut und weggesehen- Hitler und sein Volk” , dtv 2004.
Beispiel-Zitat zu den Auswirkungen der Antisemitischen Gesetzgebung:
“in Tabelle 1 habe ich aufgeschlüsselt, durch welche Kanäle der Gestapo ein angebliches “kriminelles” Verhalten bekannt wurde. Fast 60 % aller Fälle begannen mit einer Denunziation aus der Bevökerung…”
(damit meint er nur die rein zivilen Personen, hinzu kommen dann noch die Parteigenossen usw. somit kommt Gellately aufgrund der Polizei- und Gestapo-Akten auf mind. 70% Denunziationen aller Fälle, aus der deutschen Bevökerung…
Hat man das Buch gelesen, dann ist die These: “wir haben von alle dem nichts gewusst” nicht wirklich glaubhaft.
pleace
…ich frage mich gerade, ob der Zug der Erinnerung auch durch Palästina fahren wird…irgendwann…. und wann Deutschland die Gnade des Vergessens erfahren wird…
…schätzungsweise erst, nachdem der letzte Euro, und das letzte Atom-U-boot, das Land verlassen hat - oder alternativ
wenn die letzten deutschen Sünder sich als Volk aufgelöst haben und in alle Winde zerstreut sind. Die Völker, die den Deutschen hier am Platze nachfolgen, mögen doch Knoblauch sehr gerne, das passt ja dann…
Turbo
Ich kenne den Begriff Holocaust-Business, den der bekannte New Yorker Finkelstein prägte. Ist dies nahtlos in diese Schiene einzugleisen oder droht vorher ein Prellbock von Kindern, denen ein gewisses larmoyantes Business mittlerweile auf den Keks geht, angesichts der Verbrechen, die im Namen Israels heute an anderen Völkern, vorzugsweise momentan den Palästinensern seit Jahrzehnten exekutiert werden, wobei der Gaza-Streifen die Rampe der Selektion für “lebenswert” und “nicht” zu bilden scheint, wenn mich die täglichen Bilder nicht täuschen? Industriell gemordet wird dort und anderswo, aber nirgendwo macht sich irgendwer ein schlechtes Gewissen daraus, bzw. hat überhaupt eines.
Das zu kollektivieren, einem Volk aufs Auge zu drücken ist nicht deutsches Denken, denn beim gerechten deutschen Volk unterscheidet man fein-sorgfältig in Schuld und Schuldanteilen, wobei Christen das Glück getroffen hat, sie sind, per Glauben an den Christus-König Jesus, Sohn Gottes, schuldfrei, und damit per se auch Schuldenfrei. Für immer, und ewig. Schön, daß es ein solches „Schuldenfrei” durch einen beschnittenen anständigen Juden geben kann, für uns alle übrigens. Auch für Beschnittene anderer Religionen, wobei gerade auch die Hass und Rache Predigenden von Jesus eingeladen sind, sein Kreuz auch auf sich zu nehmen, jetzt.
Lukas Lehmann
@ C.D. Stille: Ihr Artikel ist hervorragend geschrieben! Angesichts der Aktualität der Thematik, die zuletzt in der ZDF-Reihe “Wiso” wieder aufgegriffen wurde, finde ich es wichtig, dass die Aktivitäten des vermeintlichen “Sponsors” des Projekts (so das DB Magazin von vor 2 Monaten) kritisch hinterleuchtet werden. ich finde es beschämend, dass Herr Mehdorn als Vorstand eines deutschen Vorzeigeunternehmens den Ruf ganz Deutschlands in den Dreck zieht. Ich hoffe nur, dass diese Story nicht nur in Deutschland bleiben, sondern auch in anderen Ländern publik gemacht werden. Vielleicht sollte man auch Überlegen Herrn Mehdorns Chefsessel zu räumen. M.E. sind solche Menschen für Deutschland nicht mehr haltbar.
@TURBO:
ich denke, wenn man selbst nicht soviel Ahnung vom Holocaust hat, Leute wie Finkelstein zitiert, und Israel einen Art “Völkermord” in Gaza vorwürft, sollte schnell wieder auf den Boden der Tatsachen kommen. Als “Spezialist” des Christentums und Judentums sollten Sie auch wissen, dass es in der Bibel keinen Absatz gibt, wo jemals Christen oder Juden einen Freischein gibt für unethisches Handeln. Im Endeffekt müssen wir selbst für unsere Verbrechen aufkommen. In Bezug auf das oben diskutierteThema heist dies: Erinnerung soll uns immer wieder Wachrütteln für in der Vergangenheit getanes Verbrechen und andererseits uns Animieren solche Verbrechen nicht wieder aufkommen zu lassen.