Local Heroes (Vol. 28): Gisbert zu Knyphausen

Es ist nicht selten, dass ein engagierter Zeitgenosse auf einen Redakteur zu tritt, um ihm eine CD, ein Buch oder sonstiges Material zuzustecken. Viele Stunden verbringt er dann damit, diese “Ergüsse geistigen Schaffens” zu begutachten. Vieles wird verworfen, anderes aber bleibt aufgrund seiner Originalität hängen. In unserem heutigen “Fall” war

gisbert.jpgEs ist nicht selten, dass ein engagierter Zeitgenosse auf einen Redakteur zu tritt, um ihm eine CD, ein Buch oder sonstiges Material zuzustecken. Viele Stunden verbringt er dann damit, diese “Ergüsse geistigen Schaffens” zu begutachten. Vieles wird verworfen, anderes aber bleibt aufgrund seiner Originalität hängen. In unserem heutigen “Fall” war es ähnlich. Kaum umgesehen, da landete auch schon eine kleine, fast unscheinbar anmutende Demo-CD in schwarz-weiß in meiner Tasche. “Die gibt’s nicht mehr”, flüsterte man mir zu. Eine echte Rarität würde sich in meinen Händen befinden betonte der Überbringer. Nun, “Spieglein, Spieglein” war da zu lesen. Das Jahr: 2006. Darunter der Name: Gisbert zu Knyphausen. Im Innern, neben zwei “schafgezierten” Scheiben, ein Gedicht von Friedrich Hollaender. Das Interesse war verständlicherweise mehr als nur geweckt…

Ist das wirklich “Flitzekacke”?!

“Ich weiß einfach nicht, wie man so perfekte Musik machen kann” ist im Gästebuch des gebürtigen Rheingauers und jetzt Wahlhamburgers zu lesen, der Folgendes über sich selbst preisgibt: “Gisbert schreibt Lieder und singt sie dann auch, das macht er alles noch nicht so lange, dafür aber sehr gerne, im Rheingau ist er aufgewachsen, zwischen Weinreben, ein paar mal umgezogen und jetzt ist er in Hamburg gelandet und Hamburg hat er gern und ich glaub umgekehrt ist das auch so.” Allein und mal zusammen mit Gunnar Ennen, der Tasten, Technik und Gitarre bearbeitet, Jens Fricke, der ebenfalls die Saiten zupft, Sebastian Deufel, der das Schlagzeug sein Eigen nennt und letztlich Frenzy Suhr am Bass produziert der sanftmütig wirkende Barde beim Netlabel omaha records seine unvergleichlichen Klänge, die er, wenn auch etwas unschön, selbst als “Flitzekacke” bezeichnet.

Dabei wird er jedoch an anderer Stelle mit viel treffenderen Worten bedacht: Als grandioser Songwriter wird er da bezeichnet, ein Künstler, der mit seinen Worten zutiefst berührt. Ein Eindruck, dem schon nach dem ersten Reinhören in diese schon etwas ältere Scheibe ohne zu Zögern beigepflichtet werden muss.

Ein Träumer, ein weltfremder Typ?

Doch worum handelt es sich hier eigentlich? Wieder so ein kleiner Träumer, weltfremd oder gar -vergessen? Einer, der sich verkrochen hat und jetzt seinen ganzen Schmerz hinausschreit? Alles nur zum Zeitvertreib? Es wird also weiter recherchiert… Und stellt schnell fest: Dass er sein Treiben mehr als nur Ernst nimmt, das kauft ihm sicher jeder spätestens nach dem Reinhören in seine neuen Songs auf Myspace, die mit höchster Wahrscheinlichkeit am 18. April dieses Jahres mit Hilfe des Labels PIAS Recordings in Form einer ersten offiziellen Debüt-CD – allerdings ohne Namen – an den Start gehen werden, ab.

Eine Erklärung für sein Tun findet sich dann auch sogleich. Gegenüber intro.de hat er seinen Schaffensprozess nämlich einmal so formuliert, jedoch erst, nachdem er zugab, dass das Schreiben seiner Texte oft ein harter Kampf sei: “Da freu’ ich mich sehr, wenn mir eine gute Zeile eingefallen ist. Wenn das Lied immer runder wird.” Und noch mehr freue er sich natürlich, wenn er dann letztlich auf der Bühne stehe, singe und merkt, dass das Stück jemanden berührt habe.

Berührend sind seine “kleinen Geschichten”, das steht völlig außer Frage.

Er erzählt von Dingen, die jeder kennt, mal klingt er lethargisch, mal sucht er Halt oder singt über das Saufen, ja übers Saufen! Doch peinliche Momente – Fehlanzeige. Oberflächlichkeit und Worte ohne tieferen Sinn – nicht zu finden. Songs wie eben “Spieglein Spieglein” oder etwa “Sommertag” bestätigen exemplarisch den Eindruck, der sich beim Studium seiner Musik ergibt: “(Sie) klingt (…) ernst, traurig und unendlich echt. Gisbert zu Knyphausen-Hören ist wie Füße im Sand vergraben oder wie die Wange an warmes Holz legen. Er hat der Melancholie ihre Würde zurückgegeben. Wir wollen mehr Melancholie.”

Die soll auch prompt folgen, wenn sich der geneigte Leser zum Beispiel diese Zeilen zu Gemüte führen will: “Manchmal glaub ich, dass ich zu langsam bin für all die Dinge, die um mich herum geschehn. Doch all die Menschen, die ich wirklich wirklich gerne mag sind genauso außer Atem wie ich. Und manchmal glaub ich, dass nichts mehr wichtig ist. Ich treibe ziellos bis zum Tag an dem ich sterbe ja ja. Doch gerade dann, wenn ich dann wirklich nicht mehr weiter will, liegt mein gepflegter Pessimismus in Scherben.” Keiner Wunder also, dass ihn Spiegel online vor etwas mehr als einem Jahr schon einmal als den “König der blutenden Herzen” bezeichnete und “mehr davon” verlangte.

Fern von allen Klischees

Er tat demnach gut daran, sich nach jahrelangem Gitarrenspiel in verschiedenen Bands, im Januar 2005 endlich für Solopfade zu entscheiden. Konsequent auf Deutsch versucht er seitdem sich “dabei von allen Klischees fernzuhalten“. Und das gelingt ihm auch auf ganz wunderbare Weise. Ein echter Geheimtipp also. Weshalb auch hier mit diesen abschließenden Einschätzungen völligst übereingegangen werden kann: “Authentisch und aufrichtig, die höchsten Attribute für Liedermacher“. Das ist Gisbert zu Knyphausen… von dem wir denn ebenfalls sogleich fordern: Mehr davon!

GISBERT ZU KNYPHAUSEN LIVE IM AMP

Meinem Profil hinzufügen | Mehr Videos

Kommentare

Schreibe den ersten Kommentar für diesen Artikel.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*