Integration: “Debatte darf nicht überlagern, was an Fortschritten zu verzeichnen ist”

Eine Langzeitstudie der Uni Würzburg zeigt eine zunehmende Integrationsbereitschaft bei Jugendlichen türkischer Herkunft. Professor Heinz Reinders, Projektleiter der Studie, dazu im Interview auf Readers Edition: “Wir finden bei fast einem Drittel der Jugendlichen eine faktische beste Freundschaft zu einem deutschen Jugendlichen und dort spielen ethnische Grenzen weniger eine Rolle.” .

reinders-web.jpgEine Langzeitstudie der Uni Würzburg zeigt eine zunehmende Integrationsbereitschaft bei Jugendlichen türkischer Herkunft. Professor Heinz Reinders, Projektleiter der Studie, dazu im Interview auf Readers Edition: “Wir finden bei fast einem Drittel der Jugendlichen eine faktische beste Freundschaft zu einem deutschen Jugendlichen und dort spielen ethnische Grenzen weniger eine Rolle.”

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RE: Der schreckliche Brand in Ludwigshafen, bei dem neun Türken in den Flammen umkamen, hat alte Ressentiments im deutsch-türkischen Verhältnis wieder aufleben lassen. Die Ergebnisse der Studie spiegeln einen gegenteiligen Eindruck wieder.

Widersprechen Ihre Ergebnisse nicht vollkommen denen der gegenwärtig wieder angeheizten Debatte um die angeblich gescheiterte Integration von Ausländern, insbesondere Türken?

Reinders: Ich bin mir nicht sicher, inwiefern die Ereignisse in Ludwigshafen wirklich zu einem Auseinanderleben geführt haben. Es gibt ja nun auch Signale von Solidaritätsbekundungen. Ich denke, der wichtigste Anlass ist gegenwärtig die Debatte um die Rede Erdogans, sowohl in Deutschland als auch in der Türkei und unsere Befunde beziehen sich weniger auf politisch motivierte Sachlagen, sondern eher auf die Wahrnehmung der Jugendlichen selbst. Und dort ist es so, dass wir bei den Jugendlichen eine relativ hohe Integrationsbereitschaft finden, die sogar noch zugenommen zu haben scheint in den letzten zwei Jahren.

RE: Sie haben die Kölner Rede von Erdogan selbst angesprochen. Nicht wenige sahen diese Rede als kontraproduktiv für das deutsch-türkische Verhältnis und spaltend an. Kann man ihm diesen Vorwurf machen?

Reinders: Da bin ich mir nicht sicher, wie das Ganze aus unterschiedlichen Perspektiven interpretiert wird. Deutlich wird auf jeden Fall in der Debatte, dass es eine Verwirrung gibt um die Begriffe Integration und Assimilation. Assimilation meint die Aufgabe der Herkunftskultur und Integration die vollständige Anpassung an die Kultur, in diesem Fall der deutschen Gesellschaft. Wohingegen Integration eine Balance zwischen Herkunfts- und Aufnahmekultur bedeutet.

RE: Angestachelt hat die Debatte auch der Europa-Chef der türkischen Tageszeitung „Hürriyet“, Kerem Caliskan. Er bezichtigte Kanzlerin Merkel der Diskriminierung durch ihre Türkei-feindliche Europa-Politik und beschuldigte sie damit als Hauptverursacherin „für all die Turbulenzen“. Was ist dran an diesem Vorwurf?

Reinders: Im öffentlichen Diskurs gibt es immer Überspitzungen. Ich denke, es ist schwierig das so zu personifizieren. Wichtiger ist vielmehr, dass die jetzige Debatte nicht das überlagert, was bereits an Integrationsfortschritten zu verzeichnen ist. Wenn wir bei türkischen Jugendlichen diese relativ hohe Integrationsbereitschaft finden, dann spiegelt das offensichtlich einen Trend wieder in dieser Migrantengruppe, den man fördern sollte.

RE: Und wie sehen Sie das jetzt von außen – gibt es eine Verschlechterung im deutsch-türkischen Verhältnis oder wird diese von den Medien vielleicht nur herbeigeredet?

Reinders: Es ist häufig so, dass in den Medien einzelne Ereignisse besonders stark hervorgehoben werden, die vielleicht für einen Teil der Gesellschaft zutreffen aber nach dem, was wir aus unseren Studien wissen, nicht die große Bandbreite trifft.

RE: Ein Indiz für die gelungene Integration, wenn man das so sagen kann, könnte vielleicht auch sein, dass der Versuch des hessischen Ministerpräsidenten Koch, mit überspitzter Polemik gegen Ausländer Wahlkampf zu machen, glücklicherweise von den Wählern abgestraft wurde. Ist dies nicht auch eine Bestätigung Ihrer Studie, dass sich innerhalb der Gesellschaft etwas tut?

Reinders: Wenn das die Ursache dafür sein sollte, dass der hessische Wahlkampf aus Seiten der CDU nicht das Ergebnis gebracht hat, dann trifft es sehr schön auf die Situation zu, die wir finden – nämlich dass gerade in der jungen Generation viel weniger ethnische oder nationale Kategorien eine Rolle spielen, sondern vielmehr Gemeinsamkeiten zwischen Jugendlichen. Immer dann allerdings nur, wenn sich Freundschaften zwischen deutschen und türkischen Jugendlichen entwickeln. Und wir finden bei fast einem Drittel der Jugendlichen eine faktische beste Freundschaft zu einem deutschen Jugendlichen und dort spielen ethnische Grenzen weniger eine Rolle, sondern dort geht es um gemeinsame Interessen und Aktivitäten.

RE: Wie sieht eine funktionierende Integrationspolitik aus, was gibt es in Deutschland in diesem Punkt noch zu verbessern, wo muss man ansetzen?

Reinders: Das wichtigste für eine Integrationspolitik ist sicherlich zunächst einmal die kulturellen Standpunkte aller Seiten ernst zu nehmen und zu schauen, dass man in einem demokratischen Prozess wechselseitig die Interessen aushandelt, die dort bestehen. Konkreter auf der Ebene von Jugendlichen muss es darum gehen, Jugendliche mit Migrationshintergrund, die beispielsweise im Bildungssystem noch deutlich benachteiligt sind, stärker und besser zu fördern – aber nicht einfach nur den sprachlichen Bereich zu fördern, sondern insgesamt ganzheitlich die Integration dieser Jugendlichen voranzutreiben.

Interview: Felix Kubach

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Prof. Dr. Heinz Reinders hat seit 2007 die Professur für Empirische Bildungsforschung an der Universität Würzburg inne (Vita siehe Homepage der Uni Würzburg).

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Kommentare

Dieser Artikel hat einen Kommentar.

  1. Als Koch den Muenchner U-Bahn-Uebergriff zum Anlass nahm, um ueber das
    Problem der Kriminalitaet schlecht integrierter auslaendisch-staemmiger
    Jugendlicher zu reden, haben meiner Erinnerung nach Umfragen ergeben,
    dass eine grosse Mehrheit ihm inhaltlich Recht gab, aber viele auch unterstellten,
    dass er nur oder zumindest vor allem aus wahltaktischen Gruenden
    gerade jetzt darueber rede.

    Das Wahldebakel hat ja wohl mehrere Gruende:

    1) Grosse Unzufriedenheit mit der Schulpolitik

    2) Sympathische Asstrahlung der Frau Ypsilanti vs. kuehler Technokratenaura
    des Herrn Koch

    3) Die blamablen Daten ueber die hessische Justiz und ihre besonders langsame
    Bearbeitung von Jugendkriminalitaetsfaellen (auch wenn Koch nur sehr bedingt
    dafuer verantwortlich ist)

    Und im uebrigen hat die SPD noch immer eines der schlechtesten hessischen
    Ergebniss aller Zeiten eingefahren.

    Die Einstufung des Ergebnisses als Abstrafung angeblich “auslaenderfeindlicher”
    Ausfaelle scheint mir sehr fragwuerdig.

    Auch frage ich mich, welche der Antworten des Herrn Reinders eigentlich irgendeinen klaren oder gar einen interessanten Gedanken enthaelt.