“Hör’ dir das mal an! Die sind spitze!” Der genaue Wortlaut der von privater Seite an mich gerichteten Email soll hier nicht wiedergegeben werden. Doch obige Aussage, die durch Hinzugabe zahlreicher Emoticons immens an Gewicht erhielt, spiegelte genau das wieder, was ich im Anschluss an diese Zeilen zu tun hatte. Reinhören, recherchieren und eine Meinung bilden. Ob die einleitende Anekdote in der vergangenen Woche wohl eine Aufforderung war, die die Leser zu Hause unter Zugzwang stellte? Fast scheint es so. Durch die Weiten des Myspace hat der heutige Musik-Tipp der Woche den direkten Weg in mein Postfach gefunden. Illectronic Rock lautete die Empfehlung. “Angel Suicide” nennt sich das just am 8. Februar erschienene Album. Wer kann da schon widerstehen?
“Ihr extrovertiertes und auffälliges Auftreten verhalf der Band immer wieder zu Medienpräsenz und sorgte in der Vergangenheit für reichlich Gesprächsstoff” ist da Eingangs auf regioactive zu lesen. Die aus der Nähe von Aschaffenburg kommenden Herren mit ihrem an The Rasmus erinnernden Äußeren sind also zumindest in der lokalen Szene des Rhein-Main-Gebiets keine Unbekannten mehr. Parallelen zu Dope Stars Inc. oder Helalyn Flowers werden da gezogen. Namen wie Marylin Manson, Placebo und Nine Inch Nails fallen. Die vorgegebene Richtung von Sänger Robert Schwarze, Gitarrist Stefan Appel, Bassist Marco Kempf und schließlich Drummer Jens Baar scheint nun also mehr oder weniger klar. Seit Sommer 2005 sind sie mit ihrem selbsternannten “Kuschel-Trash” oder auch als “Emo-Lectro” bezeichneten Stil am Start und haben sich seitdem auch deutschlandweit auf zahlreichen Livegigs, durch Interviews oder Radioauftritte, einer fein durchgeplanten Marketingstrategie in Eigenregie eben, die ersten Sporen verdient. Im Januar 2006 folgte bereits das erste Demo-Album “In Black and Bloom” dieses allerdings noch in Eigenproduktion, danach gewann die Band auch schon den Aschaffenburger Newcomer-Contest “Radius 50″. So weit, so gut…
Die dunklen Freuden der Musik
Die Eckdaten stehen. Worum es den engagierten Newcomern bei all ihrem Treiben geht, wird bei einem Blick auf ihre Homepage sodann auch schnell deutlich. Mit ihrer Aufforderung “Wer weinenden bis schreienden Gesang und laute Gitarre mag, auf tiefe Bässe und harte Drums steht und offen für schrille elektronische Beats ist, wird an Illectronic Rock seine helle oder auch dunkle Freude haben” treffen sie sicherlich genau den Nerv derjenigen, denen seichter und eintöniger Schmusepop schon immer ein Dorn im Auge gewesen ist, aber trotzdem irgendwie up to date sein wollen.
Dunkel, das richtige Stichwort wird hier also prompt geliefert. Auch wenn es bei Weitem nicht so düster zu geht, wie sich aus diesen Zeilen vorschnell schließen lassen würde. Ihr Themenrahmen schiebt dann auch sogleich eine vollkommen depressive Lebenseinstellung beiseite und zeigt eindrucksvoll, dass die Jungs, die sich auf echten Rock samt “elektronischer Spielereien” spezialisiert haben, mehr im Köpfchen zu haben scheinen, als blankes aufreibendes Gebrüll inklusive reichlich sinnloser Texte: “Es geht um Ängste und Hoffnungen, Wut und Liebe, Verlieren und Wiedersehen… irgendwo – quasi das normale Leben, betrachtet von Außen und Innen”, erklären “die angesagtesten Newcomer Aschaffenburgs” gleich zu Beginn.
Weltschmerz und schwarzer Kajal
Was dabei herauskommt, das bezeichnet die Autorin Ricarda Schwoebel in ihrer ganz persönlichen Review geradezu liebevoll als “eine echt kranke Mischung”. Das musikalische Auftreten der Viererbande kann sich demnach während der insgesamt 14 Stücke auf der neuen Scheibe, die durch sehenswertes Bonusmaterial ergänzt wird, durchaus hören lassen. Rock, Elektro und New Metal – eine nicht ganz alltägliche Mixtur, die bei Songs wie “No Superhero” oder zum Beispiel “Heart And Bonebreaker“ selbst die heimischen Boxen vor eine nicht zu unterschätzende Herausforderung zu stellen scheint, so zumindest ihr Eindruck.
Festzuhalten bleibt jedoch, es wird geschrieen, gebrüllt und geweint – die Melancholie wird fast bis zur Schmerzgrenze ausgekostet. Man betrachte nur einmal das einschlägige Video “between heaven and here”. Weltschmerz gepaart mit einer ordentlichen Portion schwarzem Kajal in Vollendung – nebst eindeutig finnischen Anklängen, versteht sich.
So klischeehaft das klingen mag, es soll jedoch in keinster Weise über das überaus schwungvoll überlieferte Livegebaren des Quartetts hinwegtäuschen. Melodisch, eingängig und vor allem ein nicht zu unterschätzender Wiedererkennungswert stimmlicher Natur leisten, neben einem durchwegs sympathischen Auftreten der Musikanten, ihr Übriges, um die Tanzbein schwingende Fan-Gemeinde, denn auch dazu eignet sich ihr Stil bestens, stetig wachsen zu lassen. Das Ergebnis, das seit Mitte 2006 unter Produzent Uwe Lulis, Ex-Gitarrist von Grave Digger, entstanden ist, mag die Nation durchaus spalten. Die Einen nennen es gefällig, die Anderen beschwören viel Potential herauf. Auf jeden Fall jedoch verstehen Illectronic Rock ihr Handwerk und das können bei Weitem nicht viele von sich behaupten…
Und so schließe auch ich mit folgenden lokalpatriotisch anmutenden, aber umso wahreren Worten: “Es braucht nicht Berlin und Meer, um zum Musikmachen zu inspirieren.”
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