Gegner, Konkurrent oder Partner – Russland auf dem Prüfstand

Am 2. März finden in Russland Präsidentschaftswahlen statt. Wenn auch die kommende Abstimmung weniger etwas über den tatsächlichen Wählerwillen als eher über die Inszenierung des Kremls aussagt, so steht der russlandinteressierte Deutsche dennoch vor einer wahren Qual der Wahl angesichts der zahlreichen Neuerscheinungen, mit der die hiesigen Verlage das Ereignis

buch.jpgAm 2. März finden in Russland Präsidentschaftswahlen statt. Wenn auch die kommende Abstimmung weniger etwas über den tatsächlichen Wählerwillen als eher über die Inszenierung des Kremls aussagt, so steht der russlandinteressierte Deutsche dennoch vor einer wahren Qual der Wahl angesichts der zahlreichen Neuerscheinungen, mit der die hiesigen Verlage das Ereignis und deren vermeintliche Auswirkungen begleiten. Abgesehen vom Spannungsgrad der Wahlen, welcher wohl eher gering ausfallen dürfte, handelt es sich doch ob des Abgangs von Putin um eine Wahl, welche hinsichtlich der näheren Zukunft Russlands zum Spekulieren und Prognostizieren einlädt. Die Buchtitel versprechen in dieser Hinsicht wenig Gutes. Ob Russland den Westen das “Fürchten lehren” wird, er ihn gar “bedroht” oder ob es sich stereotyp um ein “Pulverfass” handelt – die Erwartungen, die die ehemalige Supermacht weckt, verheißen auf den ersten Blick wenig Erfreuliches.

Ich habe einen Streifzug durch die Meinungswälder der Russlandexperten gewagt und präsentiere im Folgenden sechs Neuerscheinungen, die mehr oder weniger aus Anlass der Präsidentschaftswahlen dem deutschen Leser vermitteln wollen, was sich in Russland in der neueren Geschichte getan hat und was für die Zukunft zu erwarten ist.

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Waleri Panjuschkin und Michail Sygar: “Gazprom. Das Geschäft mit der Macht” erschienen bei Droemer, 304 Seiten, 16,95 Euro.

Auch wenn das Gazprom-Logo mitlerweile den Ruhrpott erobert hat – der Konzern bleibt vielen Deutschen unheimlich. Die Methoden wirken dubios, die Partner halbseiden und die Ziele besorgniserregend. Unwillkürlich verbindet man den Staatsmonopolisten mit “Gaskrieg” und Kreml-Macht. Bezüglich Gazprom gehen die Meinungen auseinander. Handelt es sich um ein gefährliches Werkzeug imperialer russischer Politik oder schlicht um DIE wirtschaftliche Erfolgsgeschichte des neuen Russlands. Zwei der hervorragendsten politischen Journalisten Russlands, Waleri Panjuschkin und Michail Sygar haben sich daran versucht, etwas mehr als Mythen und Schreckensszenarien über dieses Unternehmen zusammenzutragen.

Es macht Sinn ein Buch über Gazprom zu schreiben wenn man etwas über Russland sagen will. “Das Unternehmen und Russland sind miteinander verkoppelt wie kommunizierende Röhren.” Die beiden Journalisten schauen in ihrem Buch durch “das Rohr der Gasleitung und erblicken dabei ein Land, dass Berija und Chruschtschow erschaffen haben, das aber Stalin nicht vergessen hat.”
Herausgekommen ist eine angenehm unaufgeregte Darstellung der Entstehung eines aufregenden Konzerns. Von den ersten Gasleitungen, welche noch unter der Kontrolle von Berija kurz nach dem Zweiten Weltkrieg gebaut wurden, über die ersten Kontakte von russischen Gas mit den Herden in Mittel- und Westeuropa, bis hin zur Geburt des Konzerns Gazprom wie wir ihn heute kennen. Oder glauben zu kennen.

Wie es zu jenem Konglomerat kommen konnte, was längst nicht mehr vom Gas allein abhängig ist, mittlerweile 463000 km Gasleitungen kontrolliert und entweder “heftig gefürchtet oder überschwenglich gelobt” wird, beschreiben die beiden Autoren mit ruhiger Hand und langem Atem. Schon zu Beginn wird der Kurs der beiden mit folgender Aussage geklärt: Gazprom sei zweifellos eine Waffe, “aber eine Waffe an sich ist nichts Schlechtes, es ist dagegen wichtig, wozu sie verwendet wird”. Dieser sachliche und am Gegenstand interessierte Ton ist so wohltuend angesichts der oftmals hysterischen Stimmen, welche zumeist in westlichen Medien zu finden sind und in Gazprom die neue Gefahr fürs Abendland ausmachen.

Panjuschkin und Sygar gelingt es zwischen kompakter und kenntnisreicher Wirtschaftsgeschichte, einfühlsamer Beschreibung der Menschen hinter Gazprom und dem Phänomen Gas zu wechseln. Fast alle relevanten Zeitzeugen (lediglich Gerhard Schröder verweigert jegliche Aussage) kommen zu Wort und werden mit all ihren Widersprüchlichkeiten und Schuldzuweisungen präsentiert. Nebenbei springt auch eine pointierte Darstellung der jüngeren russischen Geschichte heraus. Auch wenn die Verquickung von Gazprom und russischem Staat nicht viel mehr als ein Allgemeinplatz ist, so profitiert der Leser in diesem Falle davon. Auch wenn es streckenweise arg verkürzt erscheint und auf die Machtspiele des Kremls so gut wie gar nicht eingegangen wird, bietet es einen ausgezeichneten Einstieg zum Verständnis der letzten 20 Jahre. Ob es Fragen der Innenpolitik wie die “liberalsten Jahre Russlands” oder die Machtübernahme Putins oder außenpolitische Angelegenheiten wie die Finanzierung der “letzten Diktatur Europas” (Belarus) oder der Konflikt mit Turkmenien sind – das Buch des Autorenteams bietet einen facettenreichen Blick auf Macht und Wirkung des Gases.

Das lapidare Fazit: Gazprom ist nicht mehr und nicht weniger als ein eigenes Land! Der Leser erfährt sehr viel über dieses Reich, aus dem der nächste Präsident Russlands kommt und dessen Macht wir alle in den nächsten Jahren noch deutlich zu spüren bekommen werden.
Gutgetan hätte dem Buch lediglich ein unterstützender Anhang. Dem deutschen Leser dürften die geographischen Angaben wenig sagen. So erschließen sich die daraus entstehenden Dimensionen nicht vollständig. Auch eine Zusammenfassung der entscheidenden Personen wären für einen flüssigen Lesegenuss hilfreich gewesen.

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Boris Reitschuster: “Putins Demokratur. Wie der Kreml den Westen das Fürchten lehrt” erschienen bei Ullstein, 336 Seiten, 9,95 Euro.

Mit der vorliegenden Analyse liefert der langjährige Leiter des FOCUS-Büros eine vernichtende Kritik des gegenwärtigen Russlands. Der etwas marktschreierische Titel verspricht, dass die Entwicklung Russlands nicht nur Grund zur Sorge bietet, sondern gar ernsthafter Anlass für Furcht in Westeuropa sein soll. Und in der Tat – wenn man nach den über 300 Seiten das Buch zur Seite legt, fühlt man mehr als Sorge. Reitschuster zeichnet ein beklemmendes Bild von der Realität im flächengrößten Land der Welt. Die allgegenwärtige Korruption, die KGBisierung der Gesellschaft, die Gleichschaltung der Medien gepaart mit einer unappetitlichen Mischung aus Homophobie,
Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus. Deprimiert und ernüchtert ist man versucht, nach der detaillierten und scharf formulierten Darstellung alle Hoffnung fahren zu lassen und an Russland nicht mal mehr glauben zu können.

Die deutsche Sicht auf Russland kennt nicht erst seit Putin mindestens zwei Perspektiven: Einerseits wird von der Besonderheit Russlands gesprochen, hierfür zitiert man die eigene Kultur und manchmal gar die “russische Seele” heran, um die Andersartigkeit des russischen Systems zu verteidigen. Diese Anwälte Russlands argumentieren dann oftmals, dass westliche Werte und Gesellschaftskonzepte entweder einfach nicht zu Russland passen oder das Land hierfür einfach noch nicht reif wäre. Die andere Seite lässt dieses Argument nicht gelten und verlangt unbeirrt Demokratisierung und Bürgerrechte. Jene Russlandexperten verstehen ihre Kritik nicht als “westliche Lehrmeisterei” oder ein scheinheiliges Herantragen von “Idealvorstellungen, die sie bei sich zu Hause kaum ertrügen”, sondern begreifen ihre Kritik an Russland als Kritik für Russland. Reitschuster positioniert sich hier eindeutig: “Nur Blauäugige könnten erwarten, dass Russland in absehbarer Zeit zu einem Rechtsstaat nach westlichem Vorbild wird. Noch viel blauäugiger wäre es allerdings, das horrende Ausmaß an Willkür, Korruption und Rechtlosigkeit als zwangsläufiges Erbe der Sowjetunion hinzunehmen.”

Somit gehört der Autor ohne Zweifel zur letztgenannten Gruppe. Mit, für meinen Geschmack teilweise gewöhnungsbedürftig harter Sprache, beurteilt er den gegenwärtigen Missstand Russlands: “Zwanzig Jahre nach der Perestroika ist die Demokratie in Russland gescheitert … Russland erfüllt die wesentlichen Merkmale einer autoritären – nicht totalitären – Diktatur … diese ‘Demokratur’ setzt mehr auf Bestechung als auf Verfolgung von Gegnern, nutzt geschickt die Ängste und Unterwürfigkeit der sowjetisch geprägten Gesellschaft und erinnert ein wenig an eine Zwangskreuzung zwischen den Versionen von Orwell und Huxley, mit Anleihen an den ‘Großen Bruder’ mit der Entmündigung des Individuums…”

Dies sind markige Worte, die kaum Widerspruch dulden. Im Wesentlichen hat Reitschuster zwei Anliegen, die er in diesem Buch vermitteln will. Zum einen geht es ihm um eine “Inneneinsicht aus Russland”, den besagten Blick hinter die “Propagandafassade”, den einem selbstredend jeder “Russlandexperte” verspricht, so er seinen Beruf versteht. Zum anderen geht es ihm aber auch darum, wie der Titel schon andeutet, die “Zusammenhänge mit dem Westen” aufzuzeigen. Doch will der Autor hierbei weniger eventuelle Abhängigkeiten und Bedrohungspotenziale aufzeigen, die von Russland auf den Westen wirken, sondern er hat vielmehr die Gefahr im Auge, dass viele der “politischen Unsitten, die in Moskau zu beobachten sind, sich auch schleichend bei uns ausbreiten.”

Angesichts der Tendenz, dass westliche Politiker, die sich mit Systemen einlassen, in denen keine rechtsstaatlichen Maßstäbe gelten, bei den Berichten über eben diese Tätigkeiten aber die rechtsstaatlichen Maßstäbe voll ausreizen, handelt es sich hierbei um eine berechtigte Warnung. So steht das gegenwärtige Russland auch dafür, dass wir selbst Acht geben, dass solcherlei “antidemokratische, auf Geheimdienstmethoden und Manipulation beruhende Praktiken in der Politik” bei uns nicht (weiter) Fuß fassen.

Daher lehrt uns der Kreml derzeit nicht das Fürchten, sondern er steht vielmehr als Aufforderung, wachsam zu sein und den errungenen Rechtsstaat und die demokratische Kultur zu schützen. Die Schwächen der detaillierten Analyse, die sich nie in den Sphären der hohen Politik und den Ränkespielen der Wirtschaft verliert, sondern stets den Bezug zu “Iwan Normalverbraucher” hält, sind hauptsächlich in der teilweise recht einseitigen Einschätzung Russlands zu sehen. Kritiker Russlands neigen oftmals dazu die demokratischen Werte und den Standard des Westens zu überhöhen. Es gehört sicherlich zum “Berufsrisiko” eines, seit längerem vor Ort lebenden Russlandexperten, welcher mit seiner Kritik ständig an der ermüdend und undifferenziert daherkommenden Verteidigungslinie, “im Westen sei alles genauso”, abprallt, dass er die Errungenschaften und die Realität der westlichen Demokratien zwangsläufig ein wenig überhöht und idealisiert. Zu einer ausgewogenen Russlandanalyse gehört aber eine etwas realistischere Einschätzung des Stands der gegenwärtigen Demokratie im Westen.

Ein panischer Fingerzeig auf die Ermächtigung des Inlandsgeheimdienstes FSB zur Tötung von Gegnern im Ausland wirkt beispielsweise angesichts der bekannten Praxis anderer westlicher Geheimdienste mehr als peinlich. Um aber eben jenes, immer wiederkehrende zynisch-bagatellisierende Abwinken, dass “im Westen alles genauso sei” zu vermeiden, ist gerade bei diesem Vergleich Ehrlichkeit und Realismus von entscheidender Bedeutung.

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Edward Lucas: “Der Kalte Krieg des Kreml. Wie das Putin-System Russland und den Westen bedroht”, erschienen bei Riemann, 413 Seiten, 19,00 Euro.

Der langjährige Leiter des Economist-Büros in Moskau legt mit dieser Studie eine profunde Analyse des gegenwärtigen Russlands ab. Auch in dem von ihm gewählten Titel schwingt wie bei Reitschuster Furcht und Gefahr vor der wieder erstarkten Atommacht im Osten mit. Der Autor geht jedoch einen Schritt weiter, indem er explizit von einem neuen “Kalten Krieg” spricht. Dies mag anfangs etwas überzogen und reißerisch wirken und die ersten Seiten vermitteln dann auch den Eindruck, dass hier ein alter, kalter Krieger das Wort führt. Wenn zur Beschreibung der Sowjetunion allzu oft Adjektive wie “erbärmlich” und “jämmerlich” herangezogen werden und wenn die Woche in der das “üble Imperium” (Anm. d. Autors: die Sowjetunion) schließlich zusammenbrach nach Eigenaussage für den Autor zur “glücklichsten in seinem Leben” gezählt wird, erwartet man vom weiteren Verlauf des Buches nicht gerade eine differenzierte und ausgewogene Beurteilung.

Überraschenderweise gewinnt Lucas’ Darstellung nach dem einleitenden Paukenschlag massiver Verdammung der sowjetischen Vergangenheit und deren verabscheuungswürdiger Auswirkung auf die Geschichte des 20. Jahrhunderts dann aber doch an relativierender Tiefenschärfe. Zu keinem Zeitpunkt steht die Haltung des Autors außer Frage, dass “Korruption und Rechtsbeugung das System der noch jungen russischen Demokratie nicht nur unterwandert, sondern das System geworden sind”. Demzufolge kann für ihn der alte ideologische Konflikt keineswegs als beendet erklärt werden. Die “westlichen Werte wurden in der Jelzin-Ära getestet und für unzulänglich befunden”. Nun finden wir in Russland einen Staat vor, der “weit entfernt davon ist, den Kapitalismus zu Fall zu bringen, ihn sogar begeistert annimmt”. Dabei hat das Dogma von der “gelenkten Demokratie”, das Dogma der kommunistischen Ideologie einfach ersetzt. Als Kernpunkte der neuen Ideologie werden dabei folgende Stützpfeiler ausgemacht: “ein überreiztes Gefühl nationaler Selbstbestimmung, der Vorrang von Stabilität gegenüber Freiheit und eine starke Abneigung gegenüber westlicher Heuchelei und Oberflächlichkeit”. Nach Lucas’ Lesart bedeutet dies, dass der ideologische Konflikt des neuen “Kalten Krieges” zwischen “dem gesetzlosen russischen Nationalismus und dem von Gesetzen beherrschten multilateralen Beziehungen im Westen” beherrscht wird.

Von diesem Standpunkt kann man halten was man will. Erfreulich ist aber, dass auch Gegner dieser These mit dem vorliegenden Werk etwas anfangen können. Denn auch wenn Lucas die sowjetische Vergangenheit offen verabscheut und die Errungenschaften der Jelzin-Ära unzulässig überhöht, ist er in der Lage die Erfolge der Sowjetzeit wie auch des Putin-Systems anzuerkennen und nicht reflexhaft zu verteufeln. So registriert er zähneknirschend, dass “noch nie in der russischen Geschichte so viele Russen so gut und so frei gelebt haben”. Im Übrigen gehört Lucas zu der seltenen Spezies an Sachbuchautoren, die sich kritisch mit vieldeutigen und abgenutzten Begrifflichkeiten auseinandersetzen. So versucht er bspw., angesichts der Schwammigkeit des Terminus “Demokratie” auf eine Verwendung desselben fast völlig zu verzichten. Des Weiteren fällt auch im Vergleich zu anderen “Russlandexperten” wohltuend auf, dass er die traditionellen Platzhalter putinkrittischer Analysen wie bspw. Beresowski, Litwinenko oder Chodorkowski keinesfalls undifferenziert zur Sprache bringt, sondern ihre tendenziell zweifelhafte Qualität als Quelle nie aus den Augen lässt. Ein weiterer Punkt, in dem sich Lucas von anderen Russlandexperten unterscheidet, ist der seiner Beurteilung des Problems der Finanzierung von Oppositionskräften in Osteuropa durch den Westen. Der Vorwurf der Putin-Administration, welche in den “bunten Revolutionen” lediglich eine feindliche Einmischung des westlichen Auslands sah und sieht, wird von ihm nicht abgetan oder vernachlässigt, auch wenn er die vom Kreml erdachten Gegenmittel, “Patriotismus, Fügsamkeit und eine Prise Fremdenhass” als äußerst bedenklich einschätzt. Vielmehr erblickt er in dem mehrfach bewährten Konzept einer “Kombination von Jugend, Idealismus und politischen Techniken” ein probates Mittel, um die korrupten und autoritären Regimes Osteuropas zu beseitigen.

Hinsichtlich einer Perspektive und wider die Zwangsläufigkeit der Entwicklung Russlands hat auch Lucas, wie jeder “Russlandexperte” ein Paradebeispiel dafür wie es auch anders hätte laufen können. In Lucas’ Falle ist dies neben Estland, welches der Autor als das beste Beispiel für eine “postkommunistische Erfolgsstory” darstellt, Georgien. Beide Länder verortet er gleichzeitig als die “Krisenherde des neuen Kalten Krieges”. Die manchmal schon neurotisch anmutende Wahrnehmung von Russland auf diese “Zwergstaaten” relativiert der Autor dankenswerterweise mit dem Verwis auf ähnliche Sichtweisen in den USA bezüglich Kuba oder Nicaragua. Außerdem muss lobend vermerkt werden, dass Lucas’ reicher Quellenbestand sich auch an Onlineressourcen bedient. Angesichts der Gleichschaltung der russischen Medien und der Stellung des Internets als letztes Rückzugsgebiet des freien Worts erstaunt die Abwesenheit dieser Quellen in den meisten Abhandlungen über das aktuelle Russland enorm.

Dass Stabilität einer der wesentlichen Punkte ist, dem Putin seine Macht und Popularität verdankt, ist mittlerweile ein Allgemeinplatz. Doch Lucas geht einen Schritt weiter und destilliert etwas, was er gleichermaßen für die Quintessenz putinscher Herrschaft wie für das zentrale Problem im neuen “Kalten Krieg” hält: “Russland hat entdeckt, dass die Nichtbeachtung der moralischen und ethischen Basis des Kapitalismus die größte Schwachstelle der westlichen Lebensweise ist.” Daher mündet das Buch nicht allein in einem Plädoyer für mehr Wachsamkeit gegenüber Russland, nein, es ruft dazu auf, dass der Westen den neuen “Kalten Krieg” nicht nur annehmen, sondern selbstredend auch gewinnen soll. Da in diesem Zusammenhang “Geld, ihre Hauptwaffe (Anm. d. Autors: die des autoritären Kapitalismus) und unsere größte Schwäche” wäre, müsse wieder daran erinnert werden, dass “der freie Markt nicht von einer freien Gesellschaft losgelöst werden” darf und dass die “kommerziellen Interessen der Banken und Energieunternehmen künftig hinter Fragen der nationalen Sicherheit zurückgestellt” werden müssen. Schlussendlich erinnert der Erkenntniswert der Lucaschen Analysen stark an diejenigen von Reitschuster: So schlimm man die Lage in Russland auch einschätzen mag, sie ist hauptsächlich eine Warnung im ausgemachten “Krieg der Werte” auf die Vitalität und Widerstandsfähigkeit der westlichen Demokratie zu achten. Denn: “Solange wir nicht deutlich machen, dass wir auch an unsere eigenen Werte glauben, können wir uns nicht gegen die Subversion und Korruption wehren, die in unser Bollwerk der wirtschaftlichen und politischen Macht einsickern.”

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Georg Dox: “Kampf um den Kreml”, erschienen bei ecowin, 213 Seiten, 19,95 Euro.

Die Zusammenfassung des Leiters des ORF-Büros in Moskau schneidet im Vergleich mit den obengenannten Versuchen eher schlecht ab. Auf schmalen 213 Seiten wird hier der Versuch einer objektiven Charakterisierung des gegenwärtigen Russlands mit dem dominanten Element Putin unternommen. Viel Neues erfährt, zumindest der vorgebildete Leser nicht. Viele der schon bekannten Fakten werden stark vereinfacht und oberflächlich abgehandelt. Selbst als Einstieg ist das Buch eher unbrauchbar. Wird hier doch, oft in der Chronologie hin und hergesprungen und Angeschnittenes häufig nicht zu Ende gebracht, auf den Russland-Novizen nicht sonderlich Rücksicht genommen. Zudem beschränkt sich der Autor auf einen beschämend kleinen Kreis an aussagekräftigen Zeugen der Ereignisse und auch die Anzahl sonstiger Quellen ist irritierend gering. Wer regelmäßig Zeitung liest und ein kontinuierliches Interesse für Russland hat, wird hier nicht allzu viel Interessantes für sich finden.

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Dirk Sager: “Pulverfass Russland. Wohin steuert die Großmacht?”, erschienen bei Rowohlt Berlin, 272 Seiten, 19,90 Euro.

Schon eher in Richtung einer gelungenen Einführung in die Vorgeschichte und der daraus folgenden Entwicklung des postkommunistischen Russlands geht das Buch des ZDF-Korrespondenten Dirk Sager. Auch Sager greift zum Mittel der Vereinfachung von komplexen Sachverhalten und bemüht sich nicht sonderlich die verwickelten Prozesse, die zum Entstehen des autoritären Staatsgebildes geführt haben, restlos zu entwirren. Doch zumindest wird hier versucht Interesse am Phänomen Russland zu wecken ohne auf alles eine Antwort zu haben.

Die als “Bestandsaufnahme” deklarierte Analyse erklärt einleitend, dass um die Gegenwart zu verstehen, man stets die Vorgänge in der Vergangenheit im Blick haben müsse. Dieser verheißungsvolle Ansatz versickert leider allzu oft in vorhersehbaren Parallelen der autoritären Traditionen von Zarenreich und Sowjetunion. Ob bewusst oder unbewusst, aber Sager suggeriert mit dem häufigen Verweis auf Russlands fehlende demokratische Tradition dann doch eine gewisse Zwangsläufigkeit der aktuellen Hinwendung zum Autoritarismus. Eine Tendenz, die er selbst eingangs bemängelt, da er, die Meinung Russland sei zur Demokratie “quasi genetisch nicht fähig” als einen hinter “angeblicher Fürsorge versteckten Rassismus” begreift – und das völlig zu recht.

Doch so verlockend die historische Traditionslinie auch sein mag, so einfach ist es dann halt doch nicht. Nur leider verstehen die wenigsten “Russlandexperten” der “Totalitarismusfalle” zu widerstehen. Russland befindet sich keineswegs auf einer ungebrochenen, die “strenge Hand” einfordernde, Entwicklungslinie und erst recht nicht auf dem Weg zurück zum Kommunismus. Bloß weil der Weg zum Autoritarismus durch KGB-Methoden eingeleitet und begünstigt wurde, ist die von Putin ausgerufene “Diktatur des Gesetzes” nicht zu verwechseln mit der “Diktatur des Proletariats”. Was in Russland derzeit zu beobachten ist, könnte man wohl eher, etwas ungelenk formuliert, als “lupenreinen Kapitalismus” sehen. Ein Kapitalismus ohne rechtsstaatliches Beiwerk.

Ansonsten liefert Sagers Analyse nicht sonderlich viel neue Gedanken. Ausgenommen vielleicht sein Erklärungsansatz für die Dünnhäutigkeit des Putin-Systems hinsichtlich noch so kümmerlicher Aktivitäten der russischen Opposition. “In einem Staat”, so Sager, “in dem die demokratischen Regulative nur eine dekorative Rolle spielen und der öffentliche Diskurs sich auf einen Monolog der Herrschenden beschränkt, sind soziale Spannungen an der Basis eine Bedrohung, weil sie sich nicht im Rahmen eines gesellschaftlich akzeptierten Regelwerks entladen können.”

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Alexander Rahr: “Russland gibt Gas. Die Rückkehr einer Weltmacht”, erschienen bei Hanser, 288 Seiten, 19,90 Euro.

Das Buch des Programmdirektors der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) vertritt unter den vorgestellten Analysen wahrscheinlich den kontroversesten Standpunkt (auf RE im Interview). Wider den “mainstream der klassischen westlichen Berichterstattung” wird hier versucht das Phänomen Russland ausgewogen darzustellen. Der Autor diagnostiziert hierbei gleich zu Beginn dass das alte “Russlandfeindbild in neuem Gewand” zu beobachten wäre. Ihm ist es daher wichtig die “Lage in Russland richtig zu begreifen und sich auf die neuen Realitäten einzustellen”. Es ist ein wohlinformiertes und detailreiches Buch in dem viele Protagonisten aus Putins Russland zu Wort kommen. Gleichwohl sollte dem interessierten Leser bewusst sein, dass er sich hier auf eine stark geopolitisch geprägte Herangehensweise einlässt. Diskussionen über den Zustand der Zivilgesellschaft und des Rechtsstaats werden hier zugunsten eines Pragmatismus der Realpolitik vernachlässigt. Nichtsdestotrotz enthält das spannend geschriebene Buch neben einer Vielzahl interessanter Fakten eine Perspektive, die das derzeitige Verhältnis, welches Russland zur restlichen Welt hat, erklären hilft. Es sind unter anderem die Beschreibungen von Selbstverständnis und -wahrnehmung der wiedererstarkten Russen, die dieses Buch so lesenswert machen.

Doch auch Rahr kann die Missstände des gegenwärtigen Russlands nicht völlig negieren. Gleich zu Beginn hakt er diese quasi ab, indem er sämtliche bekannten Probleme Russlands stakkatohaft aufzählt. Selbstredend werden diese umgehend durch Vergleiche mit der westlichen Welt, die, wie bekannt auch nicht frei von Problemen ist, relativiert. So sehr diese Relativierung an altbekannte Muster gegenwärtiger russischer Politik erinnert, welche das eigene Versagen mit der Ansicht, dass “anderswo auch nicht besser verfahren wird” abwürgen will, so bleibt zumindest ein Punkt hängen: die “ständig bedienten Klischees und historisch verfestigten Stereotypen, die das negative westliche Russlandbild zementieren werden zu oft von den westeuropäischen Medien transportiert.” Auch die hierdurch entstehenden Doppelstandards westlicher Medien und Politiker stellen ein Problem dar, welches offen diskutiert werden muss. Andererseits schleichen sich Rahr bei der Relativierung der Kritikpunkte an Putins Russland einige problematische Ansichten ein. So wird die Presse als frei angesehen, da Putin für die “Schere im Kopf” von nichtstaatlichen Chefredakteuren natürlich nichts kann oder das Scheitern der liberalen Zwergparteien ist einzig in deren Unfähigkeit, sich zu vereinigen zu sehen. Der Kreml wird hierbei als völlig schuldlos dargestellt.

Doch die Probleme Russlands sind und sollen nicht Rahrs Thema sein. Nachdem er diesen Teil pflichtschuldig hinter sich gebracht hat, widmet er sich dem, was ihn eigentlich interessiert: Den geopolitischen Zusammenhängen und vor allem dem, was seines Erachtens in den meisten westlichen Berichten fehlt – den positiven Neuigkeiten aus Russland. Es folgt daher eine ausführliche und mit viel Liebe zum Detail ausgearbeitete Aufreihung der russischen Erfolgsstory. Hier widmet sich Rahr hauptsächlich der staatliche Stabilisierung unter der Ägide Putins und betrachtet eingehend den Modernisierungsschub durch die “Triebwerke des Wiederaufstiegs” (Energie, Rüstung und Transport). Danach kommt er dann zu den entscheidenden und vieldiskutierten Thesen (RE berichtete): Das Entstehen einer neuen Weltwirtschaftsordnung im Zeitalter einer kommenden Energiegeopolitik. Die Beobachtungen Rahrs sind hierbei in der Tat sehr aufschlussreich und berichten von einem, in der westlichen Welt entweder noch gar nicht wahrgenommenen oder nur nachsichtig belächelten Projekt. Der Westen spielte das mögliche Entstehen der thematisierten Gas-OPEC meist mit dem Argument herunter, dass “Öl- und Gasmärkte sich nicht vergleichen ließen. In der Ölpolitik könne man dem Markt regulieren und Preisabsprachen treffen, bei Gas würde das so lange nicht funktionieren bis Gas in flüssigem Zustand überall hin transportiert werden könne.” Doch Russland schmiedet unbeindruckt weiter an einer Gas-Allianz. Die Reisen Putins zu weiteren Gasproduzenten wie Algerien, Venezuela, Bahrein und Katar sprechen hier eine deutliche Sprache. Rahr hat völlig recht, wenn er meint, dass die Angliederung dieser Länder an die geplante Gas-OPEC der “Coup des Jahrhunderts” wäre.

Wie eingangs schon erwähnt, handelt es sich bei dem vorliegenden Buch um eine streng geopolitisch gehaltene Analyse. Hier wird mehr über Schlüsselländer und Ressourcen gesprochen als über demokratische Kultur und die Rechte des Individuums. Es gehört zur Natur geopolitischer Gedankenspiele, dass diese Punkte als nebensächlich eingestuft werden, ja, dass sich sogar offen beklagt wird, dass die leidige “Wertedebatte” jeden geopolitischen Ansatz konterkariert – “Sie erschlägt alles!” Wenn sich westliche Analytiker also den Vorwurf gefallen lassen müssen mit ihren Ansprüchen einen freien Blick auf Russland zu verstellen, so muss Rahr seinerseits akzeptieren, dass besagte Werte nicht ausschließlich vorgeschobene Bollwerke des, lediglich auf den eigenen Vorteil bedachten Westens sind. Es darf nicht vernachlässigt werden, dass eine Konfliktlösung zwischen Russland und dem Westen nach Gegenseitigkeit verlangt. Angesichts der Anprangerung, eines im Westen bestehenden “Russlandfeindbildes” tanzt man hinsichtlich der Wahrnehmung des Westens durch die Medien und Politiker unter Putin auf dünnem Eis. Das “Nullsummendenken” Russlands muss aufgegeben werden und der Gedanke sollte zumindest zugelassen sein, ob Russland durch eine funktionierende Zivilgesellschaft nicht auch gewinnen könne. Auch wenn Russland mit Demokratie und Parlamentarismus bislang nicht die besten Erfahrungen gemacht hat, so sollte man darüber nachdenken, ob ein demokratisches Russland langfristig nicht stärker wäre als ein autoritäres.

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