Kuba nach Fidel Castro: “Ich halte das Land für relativ stabil” – Ein Interview

Nachdem Fidel Castro gestern nach fast 50 Jahren seinen Rücktritt als Regierungschef angekündigt hat, fragt sich die ganze Welt, wie es weitergeht mit dem kleinen sozialistischen Inselstaat in der Karibik. Auch ich wollte dies von dem Politologen und Lateinamerika-Experten Dr. Wolf Grabendorff wissen. Im Interview mit Readers Edition spricht er

etgfrg.jpgNachdem Fidel Castro gestern nach fast 50 Jahren seinen Rücktritt als Regierungschef angekündigt hat, fragt sich die ganze Welt, wie es weitergeht mit dem kleinen sozialistischen Inselstaat in der Karibik. Auch ich wollte dies von dem Politologen und Lateinamerika-Experten Dr. Wolf Grabendorff wissen. Im Interview mit Readers Edition spricht er über den historischen Antiamerikanismus als Bindeglied der kubanischen Gesellschaft, über die katastrophale Armut im Land und die Leidensfähigkeit der Kubaner.

RE: Höchstwahrscheinlich wird der 76-jährige Bruder Fidels, Raúl Castro, an die Stelle Fidels treten. Wird sich damit politisch überhaupt etwas ändern oder bleibt auf Kuba alles beim Alten?

Grabendorff: Es bleibt ganz sicherlich nicht alles beim Alten. Das hat auch der wahrscheinlich neue Präsident Raul Castro schon verschiedentlich, wenn auch sehr vorsichtig, angekündigt. Vor allem im wirtschaftlichen Bereich will er viel mehr auf die Bürger hören und viel mehr beteiligen – etwas, was sein Bruder Fidel Castro eigentlich nie richtig getan hat.

RE: Heißt das auch, er will mehr auf die USA zugehen?

Grabendorff: Das ist von ihm angekündigt worden. Aber man weiß aus der kubanischen Geschichte, dass solche Ankündigungen meist nur Floskeln sind, denn das kubanische Regime ist ein sehr stabiles Regime, gerade WEIL es ein antiamerikanisches Regime ist. Und diese Art von äußerer Zwangsjacke wird sich auch Raul Castro nicht abnehmen lassen.

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“Der Antiamerikanismus ist historisch gesehen eines der stärksten Bindeglieder in der kubanischen Gesellschaft.”

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RE: Können Sie das bitte noch näher erklären?

Grabendorff: Der Antiamerikanismus ist historisch gesehen eines der stärksten Bindeglieder in der kubanischen Gesellschaft. Und die Blockade, die ja immer auch von der kubanischen Regierung zu dem wirklich wichtigsten Grund für die sehr unangenehmen wirtschaftlichen Zustände auf der Insel erklärt worden ist, hat dafür gesorgt, dass über die Jahre und Jahrzehnte hinweg das Feindbild USA stabil geblieben ist. Und deswegen ist auch nicht zu erwarten, dass sich das sehr rasch ändert.

RE: Wobei trotz der von Ihnen angesprochen Stabilität des Systems die Armut ja nicht wegzureden ist. Welche politischen Maßnahmen wären erforderlich, um zumindest die Armut zu bekämpfen und das Land auch in dieser Hinsicht zu stabilisieren?

Grabendorff: Die Armut ist katastrophal, daran ist gar kein Zweifel. Und in den letzten Jahren, seitdem sozusagen auch die Dollars geduldet werden im Land, hat auch die Ungleichheit sich sehr stark ausgebreitet. Es gibt also die Kubaner, die Geld aus dem Ausland bekommen und die, die keine Dollars haben. Und das hat sich auf das Wirtschaftssystem ganz katastrophal ausgewirkt.

RE: Und die Maßnahmen?

Grabendorff: Was jetzt gemacht werden muss, ist sicherlich vor allen Dingen, in der Wirtschaftspolitik pragmatischere Züge einziehen zu lassen. D.h., mehr Privatinitiative zuzulassen, den Bauern wieder die Möglichkeit zu geben frei zu verkaufen. Das heißt nicht, den Sozialismus – wie ihn die Kubaner kennen – sozusagen abzuschaffen, aber ihn doch menschlicher zu gestalten, vor allem aufgrund der dringenden Nachfrage nach den normalen Gütern wie Nahrungsmitteln, Serviceleistungen und ähnlichem.

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“Es ist sehr schwer, sich von dem Vaterbild Fidel Castro in der kubanischen Gesellschaft zu trennen.”

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RE: Vielleicht noch einen Satz zu dem Phänomen Fidel Castro und dem Mythos, der ihn ja umgibt, muss man fast sagen. Sicher hängt dieser eng mit der von Ihnen erwähnten Blockade der Amerikaner zusammen, aber……

Grabendorff: ……er geht sicherlich darüber hinaus insofern, als die meisten Beobachter sich eigentlich im Klaren darüber sind, dass es ohne Castro kaum eine Nation Kuba gäbe. D.h., das Zusammenschweißen zu einer Nation einer früher sehr gespaltenen Gesellschaft ist unter Castro gelaufen. Er ist eine Führerfigur mit sehr viel Charisma und selbst die Leute, auf der Insel die heute das Regime sehr stark kritisieren, und davon gibt es ja viele, sind immer dabei zu sagen: Ja, ABER Fidel…… Es ist also sehr schwer, sich von diesem Vaterbild Fidel Castro in der kubanischen Gesellschaft zu trennen.

RE: Nachdem was Sie sagen, kann die Armut oder die Kritik am Regime ja fast nie so überhand nehmen, dass sich die Bürger irgendwann gegen das eigene Regime richten würden. Wäre das denkbar?

Grabendorff: Das halte ich z. Z. für unwahrscheinlich. Die Leidensbereitschaft der Kubaner ist, wenn man vor Ort ist, immer wieder beeindruckend. Sie sagen: wir leben lieber in einem Staat, den wir selbst mitbestimmen – sie empfinden es tatsächlich so – als dass wir eine Kolonie der Amerikaner werden. Diese Haltung sollte man nicht unterschätzen.

RE: Was würden Sie schätzen, wie lange dieses System noch Bestand haben kann?

Grabendorff: (Lacht) Das ist eine Millionen-Dollar-Frage, die ich sicherlich nicht beantworten kann! Aber ich könnte mir vorstellen, dass der Bruder Raul – er ist ja auch nicht mehr der Jüngste mit 76 – eine Art Übergangsregierung darstellt, die nun nicht sofort in freie Wahlen münden wird, aber dass wir eine langsame Abkehr von alten sozialistischen Vorstellungen haben werden. Wobei ich eigentlich nicht glaube, dass das berühmte China-Modell da eine Rolle spielen wird, sondern eher das Vietnam-Modell, d.h. mit einer starken kommunistischen Partei, aber doch relativ zunehmender Flexibilität im Wirtschaftssystem.

RE: Und dennoch, wenn man einmal das Gedankenexperiment macht, was geschähe, wenn das politische System zusammenbräche und der Kapitalismus Einzug halten würde in Kuba wäre das überhaupt gut für das Land?

Grabendorff: Im Moment halte ich das Land für relativ stabil, auch für die nächsten Jahre. Zum Teil wegen der Unterstützung von Chavez und seinen Öl- und Geldlieferungen, die sozusagen das Allerschlimmste in den letzten Jahren vermieden haben und auch weil es sicherlich in der neuen Generation der kommunistischen Führung Leute gibt, die das Land zumindest vorsichtig öffnen wollen. Wenn das gelingen sollte, dann wird es nicht zu einer Explosion kommen. Wenn doch, würde das sicherlich erst einmal einen enormen Flüchtlingsstrom in die USA auslösen, nach dem Motto: rette sich wer kann.

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“Es gibt einen schweigenden Pakt zwischen den USA und Kuba.”

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RE: Das heißt, die USA kann eigentlich auch überhaupt kein Interesse daran haben?

Grabendorff: Daran haben weder die USA, noch die Kubaner selbst Interesse. Insofern gibt es sozusagen einen schweigenden Pakt zwischen den USA und Kuba – trotz aller Gegensätze in der offiziellen Politik, dass nämlich die Migrationsfrage in jedem Fall nicht aktualisiert werden soll. Gleiches gilt für die Drogenfrage, dort haben die amerikanischen Behörden in der Zusammenarbeit mit Kuba eigentlich gute Erfahrungen gemacht. Dass das Ganze implodiert, kann man natürlich nie ausschließen. Es gibt immer Konstellationen bei verschiedenen Völkern, wo eine historische Situation entsteht und so etwas passiert, aber ich würde das System noch nicht für zusammenbruchsverdächtig halten. Denn wenn es nicht gelungen ist, das in den letzten 50 Jahren zu tun, wo es Kuba – vor allem nach dem Ende der Subventionen der Sowjetunion – wesentlich schlechter ging als heute, dann steht das auch jetzt nicht zur Debatte. Was zur Debatte steht, ist natürlich, dass die freie Entfaltung und der Konsumspielraum im Land erhöht werden muss. Aber darüber reden die Kubaner schon seit Jahren selbst am meisten und dem hat eigentlich Fidel auch am meisten im Wege gestanden, weil er als Übervater natürlich glaubte, eine Utopie im Lande verwirklichen zu können.

RE: Herr Grabendorff, vielen Dank für das Gespräch.

Interview: Felix Kubach

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grabendorff.jpgDr. Wolf Grabendorff ist Politologe, Lateinamerika-Experte und Publizist. Bis zum Herbst letzten Jahres war er Direktor des Programms Regionale Sicherheitskooperation der Friedrich Ebert-Stiftung in Santiago de Chile, langjähriger Direktor des Instituts für Europäisch-Lateinamerikanische Beziehungen (IRELA) in Madrid sowie Korrespondent des ARD-Fernsehens in Buenos Aires.

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Photo 1: Collage

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Photo rechts Quelle/ Copyright: Valter Campanato (via wikipedia.org); Lizenz: Creative Commons Attribution 2.5 Brazil

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  1. Den Sozialismus menschlicher zu machen heißt für den Lateinamerika-Experten also Privatinitiativen zu zulassen. Leider besitzen dann immer nur wenige privates Eigentum und die Mehrheit nichts. Aber tatsächlich muss sich etwas ändern.
    Fidel hat Kuba zu einer Nation zusammen geschmiedet, das ist sein größter Verdienst. Aber durch Privateigentum teilt sich die Gesellschaft immer mehr. In Kuba gibt es ein basisdemokratisches Wahlsystem, es sind die Kubaner selbst, die die Kandidaten (6-8) aufstellen. Und es wird von den Einwohner unterstützt, moralisch sowie politisch. Die KP hält sich da raus. Bei der letzten Wahl wurden auch Kandidaten der Opposition vorgeschlagen, diese erhielten aber nur 5%. Auch hier ist ein Wandel zu mehr Offenheit sichtbar.

    Pluralistisches Parteiensystem klar, wie in Ecuador, Bolivien, Nicaragua oder Guatemala. In Kuba sollte vielmehr ein wirkliches Rätesystem aufgebaut werden. Mehr Verantwortung durch das Volk. Kommunale Räte gibt es, nur die Arbeiterräte noch nicht. Dann dürfen alle mitentscheiden, sehr demokratisch und menschlich.

    Katastrophale Armut gibt es wohl in den anderen Ländern, aber nicht auf Kuba. Dort gibt es Armut.

    Auch wenn Fidel zu ideologisch ist gehen die Veränderungen auf ihn zurück. Das sollte man fairerweise sagen. Ob nun “Grüne Revolution” oder die jetzigen Diskussionen in den Betrieben und überall in der Gesellschaft. Raul ist pragmatischer, aber warum soll es die ganz großen Änderungen hin zu einer Restauration geben. Kuba erholt sich und wird wohl in diesem Jahr über genügend Erdöl verfügen, das es auch exportieren kann. Die Investoren stehen Schlange. Dann die vielen Kooperationen mit anderen Staaten: Brasilien, Türkei, Dänemark, Frankreich, Bayern, Mecklenburg-Vorpommern, Kanada, Indien, Russland, China, Vietnam, Mexiko, die ALBA-Staaten. Da ist viel Bewegung drin und das sind dann die tatsächlichen Spielräume. Die Probleme in der Landwirtschaft und Transport soll jetzt auch gelöst werden. Kuba ist das politische Zentrum von Lateinamerika und kann stolz sein die Ideale doch noch exportiert zu haben. Es sieht momentan so aus.

    Das China-Modell ist berühmt für ungezügelten Konsum und Ausbeutung, schön das der Experte das nicht empfiehlt. Das Vietnam-Modell ist so supi das man dort für alles bezahlen muss (Schule, Arzt). Vielleicht sollte man es man mit sozialem Eigentum an Produktionsmittel versuchen. Das hat dort wirklich tendenziell funktioniert, es fehlt der Mut dieses im ganzen Land durchzusetzen. Aber wenn nicht so, dann eben so wie in Asien. Aber wie sieht es die Regierung? Danke Herr …