Bravo, Böhmer! Ein Kommentar

- Hat menschliches Leben wirklich “keinen Wert an sich”? Photo: pixelio.de
So falsch bzw. “pseudowissenschaftlich” (Tiefensee) es ist, das statistisch gehäufte Vorkommen von Kindstötungen in der ehemaligen DDR monokausal erklären zu wollen, zumal mit dem dortigen politischen System, das sicher jedes Individuum anders wahr- und angenommen haben dürfte, so beachtenswert ist Wolfgang Böhmers “Babymord-Theorie” in ihrer Kernaussage.
Böhmer, der vor seiner politischen Laufbahn als Gynäkologe tätig war, vermutet, dass die Abtreibungspraxis in der DDR zu einer Art schiefen Ebene geführt habe, auf der die Moral der Menschenwürde langsam aber sicher abgeglitten ist: Von der Relativität des Wertes eines Embryo/Fötus hin zur Relativität des Wertes eines Neugeborenen.
Böhmers Einlassungen zur schleichenden Gewissensunterhöhlung und zu ganz praktischen Interessenkonflikten (Urlaub am Schwarzen Meer vs. Schwangerschaft) sind viel zu interessant, als dass man sie einfach als “völlig absurde Position” (Gesine Lötzsch) in die Schmuddelecke stellen sollte.
Klar ist allerdings, das es hier nicht um ein Ost-West-Problem geht, sondern um eines, das viel höher hängt, das nämlich unmittelbar mit dem vorherrschenden Menschenbild im Zusammenhang steht.
Der Entbindung des Menschen von seiner absoluten Würde als Person (von Anfang, also Zeugung, an) folgt ein Vakuum, das mit anderen Konzepten gefüllt sein will. Ein solches ist das Konzept “Interesse”. Bei Abtreibungen geht es um das Aktualinteresse der Mutter, sich auszuleben, das schwerer wiegen soll als das Potentialinteresse des Fötus, geboren zu werden und zukünftig überhaupt zu leben.
Und genau hier stellt sich das Problem der Abgrenzung ein, das Böhmer, bewusst oder unbewusst, markiert, wenn er von einer “leichtfertigen Einstellung zu werdendem Leben” spricht, die unter U.mständen zu einer leichtfertigen Einstellung zu neugeborenem Leben führen könnte. Denn: Was hindert uns vom Interessenstandpunkt ausgehend eigentlich daran, einen Säugling zu töten, wenn die Tötung eines Fötus kein Problem darstellt?
Es ist unwahrscheinlich, dass Föten vor der 18. Schwangerschaftswoche etwas empfinden
Der australische Peter Singer, eine Art “Guru” der Abtreibungsbefürworter, vertritt hierzu die passende interessenorientierte utilitaristische Ethik. Für ihn hat die Unfähigkeit von Föten vor der 18. Schwangerschaftswoche “of feeling anything at all, since their nervous system appears to be insufficiently developed to function” [1] die Konsequenz, dass “an abortion up to this point terminates an existance that is of no intrinsic value at all” [2]. Es ist unwahrscheinlich, dass Föten vor der 18. Schwangerschaftswoche fähig sind, etwas zu empfinden, weil ihr Nervensystem noch nicht genug entwickelt ist. Deshalb beendet eine Abtreibung vor der 18. Schwangerschaftswoche eine Existenz, die überhaupt keinen Wert an sich hat. Also: Singer ist der Meinung, werdendes menschliches Leben habe (selbst in diesem Stadium) “no intrinsic value at all”, “keinen Wert an sich”. Singer schlägt deshalb vor, “dem Leben eines Fötus keinen größeren Wert zuzubilligen als dem Leben eines nichtmenschlichen Lebewesens auf einer ähnlichen Stufe der Rationalität, des Selbstbewußtseins, der Wahrnehmungsfähigkeit, der Sensibilität etc.” [3]
Als eine Folge der Orientierung an Empfindungsfähigkeit bzw. an dem utilitaristischen Interessebegriff trennt Singer nicht Menschen von Tieren, sondern Personen (Wesen, mit der Fähigkeit, Interessen zu entwickeln) von “Nicht-Personen” (Wesen, die diese Fähigkeit nicht haben). Dabei gehören “some nonhuman animals” [4] in die erste Gruppe (etwa Affen), jeder menschliche Fötus jedoch in die zweite, denn: “no fetus is a person” [5].
Wer aufgrund des Prinzips der Interessenerwägung alle Wesen unterschiedslos auf Präferenzbildungsfähigkeit hin untersucht, muss auch die letzte Konsequenz aus dieser Argumentation ziehen: “Tötet man eine Schnecke oder einen 24 Stunden alten Säugling, so vereitelt man keine Wünsche […], weil Schnecken und Neugeborene unfähig sind, solche Wünsche zu haben.” [6] Nicht das Lebensrecht des Embryo, nicht das des Fötus, sondern das des Neugeborenen wird hier von Singer mit Hilfe eines utilitaristischen Konzepts, welches das Lebensrecht an die Fähigkeit bindet, Wünsche, Interessen und Präferenzen zu haben, in Frage gestellt bzw. auf die Ebene des Lebens einer Schnecke gedrückt.
Neue Armut muss ernstgenommen werden
Zugegeben: Viele Menschen, die mit dem Gedanken spielen, ihr Baby zu töten, vor oder nach dessen Geburt, werden diese perfide Argumentation nicht kennen. Im übrigen gibt es auch anders, das viel drängender ist im Ringen um die dramatische Entscheidung für oder gegen das Kind, insbesondere die heikle soziale Frage, also die nach wie vor hohe Arbeitslosigkeit und die daraus resultierende neue Armut, die wiederum die Menschen im Osten stärker betrifft als die im Westen. Das muss von der Gesellschaft im Allgemeinen und der Politik im Besonderen in entsprechender Weise ernstgenommen werden - auch von Herrn Böhmer.
Doch kann sich die interessenzentrierte Denkweise zu einem ideologischen Überbau auswachsen, der den sowieso schon leichtfertigen Umgang mit menschlichem Leben weiter erleichtert. Darauf verwiesen zu haben, wenn auch etwas ungestüm, ist zweifelsohne Böhmers Verdienst.
Anmerkungen:
[1] Peter Singer: Practical Ethics. Cambridge 1979, S. 118.
[2] Ebd.
[3] Peter Singer: “Schwangerschaftsabbruch und ethische Güterabwägung”, in: Hans-Martin Sass (Hg.), Medizin und Ethik. 2. Aufl., Stuttgart 1994, S.139-159, hier: S. 154 f.
[4] Singer: Pract. Eth., S. 97.
[5] Singer: Pract. Eth., S. 118.
[6] Peter Singer: Praktische Ethik. 2. Aufl., Stuttgart 1994, S. 122.











Josef Bordat
Bevor ein falscher Eindruck entsteht:
Ich möchte darauf hinweisen, dass es sich bei der fett gedruckten zweiten Zwischenüberschrift (Es ist unwahrscheinlich, dass Föten vor der 18. Schwangerschaftswoche etwas empfinden) um die Paraphrase einer Position Peter Singers handelt, in der diese Vermutung geäußert wird.
Ich bin auch in diesem Punkt anderer Ansicht.
Josef Bordat
Kinderschutz & Lebensschutz! Danke, Dr. Boehmer! »
[…] www.readers-edition.de/2008/02/25/bravo-boehmer-ein-kommentar/ (Bravo, Böhmer!) […]
blogsgesang
Tatsächlich geht es nicht um ein Ost-West-Problem, und die Ursachen, die am Schluss genannt werden, halte ich auch für wichtiger als die DDR-Prägung damaliger Kinder. Mehr:
http://www.blogsgesang.de/2008/02/25/die-ungewollte-selbstkritik-des-wolfgang-boehmer/
Readers Edition » Es gilt nicht das gesprochene Wort
[…] Er weiß nicht mehr, was er redet, aber seine Betreuer sind nicht zur Stelle, wenn es brennt. Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Wolfgang Böhmer hat erst behauptet, die DDR töte 18 Jahre nach ihrem friedlichen Ableben immer noch haufenwiese kleine Kinder, auf die folgende Empörung wollte der Hauslatsch unter den deutschen Ministerpräsidenten “falsch verstanden” worden sein, als auch das nicht half, bedauerte er jetzt nicht etwa seine Aussagen, sondern deren “Wirkung” (Böhmer). […]