Debatte um Kindstötungen: “Prävention findet nicht statt” – Ein Interview

Die Äußerungen Wolfgang Böhmers zu gehäuften Kindstötungen in den neuen Bundesländern aufgrund der DDR-Prägung sind harter Tobak. Georg Ehrmann, Vorsitzender von “Deutsche Kinderhilfe Direkt”, verurteilt diese als zynisches Ablenkungsmanöver und macht im Gegenteil fehlende Netzwerke und mangelde Jugendhilfe in der Jetztzeit dafür verantwortlich. Sein Fazit: “Insgesamt ist festzustellen, dass vor

xvbcxb.jpgDie Äußerungen Wolfgang Böhmers zu gehäuften Kindstötungen in den neuen Bundesländern aufgrund der DDR-Prägung sind harter Tobak. Georg Ehrmann, Vorsitzender von “Deutsche Kinderhilfe Direkt”, verurteilt diese als zynisches Ablenkungsmanöver und macht im Gegenteil fehlende Netzwerke und mangelde Jugendhilfe in der Jetztzeit dafür verantwortlich. Sein Fazit: “Insgesamt ist festzustellen, dass vor allen Dingen Kinder kein Wert mehr in unserer Gesellschaft sind.”

RE: Was halten Sie von den Äußerungen Böhmers über den Zusammenhang von Kindstötungen in den neuen Ländern mit der Abtreibungspraxis in der DDR?

Ehrmann: Die Aussage ist zynisch und lenkt von den tatsächlichen Problemen ab. Junge Mütter töten ihre Kinder in absoluten Ausnahmesituationen, aus Überforderung, mangels fehlender Hilfsangebote und großer Verzweiflung, nicht aus Gründen der Familienplanung.


RE: Ist die These eines Zusammenhangs von Abtreibungspraxis im Osten und Kindstötungen nicht zumindest streitbar, wie auch der SPD-Politiker Richard Schröder findet?

Ehrmann: Die jungen Mütter der aktuellen Fälle haben keine “DDR”- Prägung mehr erhalten. Es ist ein Unterschied ein Kind abzutreiben oder einen geborenen Säugling aktiv zu töten. Es ist natürlich leicht, gesellschaftliche und politische Versäumnisse auf eine Zeit vor die eigene Verantwortung zu schieben.

RE: Wie ist die tatsächlich höhere Zahl von Kindstötungen im Osten (sonst) zu erklären?

Ehrmann: Wir haben eine erhebliche Anzahl von Menschen in den neuen Ländern von der gesellschaftlichen Teilhabe abgehängt. Sie leben in sozialen Brennpunkten, in denen die aufsuchenden Hilfsangebote nahezu vollständig abgebaut wurden. Der starke Wegzug von Familien verstärkt diese Entwicklung. Es gibt keine Netzwerke, die Frauen ab der Geburtsklinik wie in Düsseldorf betreuen. Prävention findet nicht statt, erst wenn ein “Fall” vorliegt reagieren Jugendämter. Die Finanzausstattung ostdeutscher Kommunen ist sehr mangelhaft, es wird am ehesten da gespart wo kein Widerstand kommt – in der Jugendhilfe.

RE: Hat sich die Wertschätzung werdenden menschlichen Lebens insgesamt verändert, wie Böhmer seine “Focus”-Aussage später gegenüber dem MDR zu relativieren versuchte?

Ehrmann: Insgesamt ist festzustellen, dass vor allen Dingen Kinder kein Wert mehr in unserer Gesellschaft sind. Sie werden als Störenfriede, Lärmverursacher, Karrierehindernis und Beitragszahler gesehen. Wir brauchen keine Debatte, vielmehr brauchen wir gesellschaftliche und politische Maßnahmen, die diese Missachtung unserer Kinder beenden. Herr Böhmer als Ministerpräsident könnte in seinem Bundesland dafür Akzente setzen.

RE: Herr Ehrmann, vielen Dank für die Beantwortung der Fragen!

Interview: Felix Kubach

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Georg Ehrmann ist Rechtsanwalt. Nach seinem Jurastudium in Bielefeld, Genf und München arbeitete er als selbständiger Rechtsanwalt und Justitiar einer kassenärztlichen Vereinigung. Ehrmann ist Mitgründer der Deutschen Kinderhilfe Direkt e.V. und deren Geschäftsführender Vorstandsvorsitzender.

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Photo: Stihl024 via pixelio.de

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