Im Leipziger Osten, genauer in Reudnitz brodelt es zur Zeit gewaltig. Die Freien Kräfte, eine rechtsextreme Terroristische Vereinigung versucht, Menschen mit nichtrechtem Hintergrund aus dem Viertel zu terrorisieren. Jetzt engagieren sich auch endlich Leipziger – im Interview mit mir spricht eine betroffene junge Frau, Steff A. (Name ist der Redaktion bekannt) über ihre Sicht der Dinge.
Volly Tanner: Hallo Steff. In den letzten Monaten verschärft sich die Situation im Leipziger Osten immer mehr, nachdem rechte Strukturen im Leipziger Westen republikweit für Aufsehen sorgten. Beschreibe mal bitte aus Deiner Sicht den Ablauf der Eskalation.
Steff A.: Aufmerksam geworden bin ich auf die Aktivitäten der rechten Szene im Leipziger Osten durch Informationsblätter, die Ende November 2007 in Reudnitz an vielen Haustüren zu sehen waren. Darin wurde berichtet, dass sich eine Gruppe von Nazis vor einem Haus versammelt hatten, rechte Parolen skandierte und das Haus auch mit einer Leuchtrakete beschoss. Ein paar Tage zuvor waren an dasselbe Haus Hakenkreuze gesprüht worden. Symbole mit offensichtlich rechtem Hintergrund sind in letzter Zeit zunehmend im Leipziger Osten zu finden. Als dann am 12. Januar eine Demonstration von Nazis durch Stötteritz, Reudnitz und Anger-Crottendorf genehmigt wurde und das Reudnitzer Haus eine Woche später erneut angegriffen wurde, drängte sich der Verdacht mehr und mehr auf, dass der Leipziger Osten nun als das ausgemachte Aktionsfeld der so genannten Freien Kräfte Leipzig betrachtet werden muss, die versuchen, Bürgerinnen und Bürger ohne deutsch-nationale Gesinnung wegzuterrorisieren. Als Bewohnerin dieses Stadtteils beunruhigt mich die Entwicklung der letzten Monate stark.
Volly Tanner: Die von den “freien Kräften” ausgerufne Offensive 08 läuft ja mittlerweile im Osten bedauerlicherweise, aber leider gerechtfertigt durch die Wegschaumenthalität der Normbürger sehr gut an. Gibt es Gegenbewegungen in Reudnitz, die versuchen demokratische Grundgepflogenheiten zu erhalten?
Steff A.: Nun, es gab ja eben eine Gegendemo und auch direkte Reaktionen auf die Demonstration am 12.01. Leute haben Transparente über ihre Balkone gehängt und Musikanlagen ins Fenster gestellt, um die Athmosphäre ein bisschen zu “entgiften”. Außerdem eine Spontandemo nach dem erneuten Angriff auf das Reudnitzer Haus sowie einzelne Aktionen von Bewohnerinnen und Bewohnern des Stadtteils, die vordringlich der Information der Bevölkerung dienten, aber insgesamt doch eher unstrukturiert abliefen. Es gibt schon so etwas wie bürgerliches Engagement. In der Mühlstrasse gibt es eine Begegnungsstätte. Da findet zum Beispiel Ende Februar das 10. Jugendfestival “Junge Musiker gegen Gewalt und Rassismus” statt. Dann gibt es die Projekte “bunter Laden”, “bunte Gärten”, die Initiative “Leipziger Osten” und einiges mehr, wobei ich da nicht auf dem neuesten Stand bin. Die Humboldtschule hat eine Auszeichnung für ihr Engagement für eine offene Gesellschaft erhalten, “Schule mit Courage”. Das ist zwar schon ein paar Jahre her, doch da läuft jedes Jahr ein Folgeprojekt. Allerdings scheint das Bewusstsein, dass man etwas untenehmen muss, noch nicht die Mehrheit der Leute erreicht zu haben. Das wäre aber nötig, um Bewegung in die Gegenbewegung zu bringen. Und offen bleibt für mich weiterhin die Frage, mit welchen Maßnahmen die Stadt Leipzig entgegenwirken will.
Volly Tanner: Nun muss ja ehrlich gesagt werden, dass bürgerschaftliches Engagement Faschisten nicht wirklich stört. Die Freien Kräfte versuchen ja gerade gewalttätig und durch Einschüchterung die Straße zu gewinnen. Wie ist da Dein ganz persönliches Gefühl in Reudnitz im Zusammenhang mit diesen offenen Drohungen?
Steff A.: Ich fühle mich unter Druck gesetzt und finde es erschreckend wie unverhohlen die Freien Kräfte Gewalt anwenden. Allerdings sind mir die Straßen von Reudnitz nicht wesentlich unsympathischer als vorher. Es schockiert tatsächlich eher, welches Drohpotential eine verhältnismäßig kleine Gruppe gegenüber verhältnismäßig Vielen aufbauen kann. Andererseits sehe ich hier genau das Betätigungsfeld für bürgerliches Engagement, das ich im übrigen überhaupt nicht als wirkungslos gegenüber faschistischen Aktivitäten ansehe. Mir stellt sich die derzeitige Situation so dar, dass die Nazis hier im Moment agieren können, eben weil nicht genug bürgerliches Engagement zu verzeichnen ist. Wenn die Bewohner des Leipziger Ostens sowohl inhaltlich als auch zahlenmäßig deutlich zu erkennen geben, dass sie diese Aktivitäten nicht tolerieren, dann wird es diese kleine Gruppe recht schwer haben weiterhin ungestört zu agieren. Aber dazu bedarf es zumindest flächendeckender Information, der Herstellung einer Öffentlichkeit.
Außerdem, was sind denn die Alternativen? Der Gewalt mit gleichem entgegentreten oder auf die Klärung des Problems durch die Polizei oder Stadt warten? Natürlich tut es gut zu hören, wenn ein paar dieser Nazis mal von den Connewitzern eins drauf kriegen, natürlich soll auch die Polizei aufmerksamer werden und das Problem ernst nehmen, und natürlich wäre es auch hilfreich, wenn sich die Stadt etwas mehr für das politische Klima im Leipziger Osten interessieren würde. Aber all das ist sinnlos, wenn von denen um die es hier geht, nämlich die Bewohner Reudnitzs, kein klares Signal aus geht.
Volly Tanner: Wie kann aber nun konkret gegen die FKL vorgegangen werden – kurzfristig und ergebnisorientiert?
Steff A.: Ich ahne, worauf du mit kurzfristig und ergebnisorientiert hinaus willst. Jedoch denke ich, wie bereits dargelegt, dass purer Aktionismus nichts an der Lage im Leipziger Osten ändern wird, sondern die Situation vielleicht sogar noch weiter eskalieren lässt, so dass sich kleine Gruppierungen in einem straßenkriegähnlichen Szenario gegenüberstehen. Nein, ich denke das Vorgehen sollte eher eine langfristige Orientierung haben und auf Nachhaltigkeit setzen. Natürlich sind dazu Ereignisse wie die 1. März Demonstration ein probates Mittel, aber wichtiger, als hierbei den Leipziger Nazis zu zeigen, dass sie mit Widerstand zu rechnen haben, wird es sein, solche Veranstaltungen zur weiteren Vernetzung zu nutzen um das Zeichen, das wir damit setzen wollen, nachhaltig zu stärken und die breite Masse im Leipziger Osten dabei mit einzubeziehen. Nur so kann den FKL das Wasser abgegraben werden, wenn ihnen die Räume, die wir durch breites Unwissen und Desinteresse öffnen, genommen werden.
Volly Tanner: Danke, Steff, für das kurze Gespräch.
Ich finde es auf jeden Fall erschreckend, dass sich Leute “Nazis” oder “Neo-Nazis” nennen, die gar keine Nationalisten sind. Nationalisten, wie der Name schon sagt, setzen sich vorwiegend für ihre Landsleute und ihr Land ein. Wir erleben aber durch die Gwaltbereitschaft gegen die eigenen Bürger und landsleute genau das Gegenteil. Hier kann von Rechtswegen also nicht von NAZIS die Rede sein, sondern schlichtweg von Schlägern und Höchstkriminellen. Schlimm genug, dass unsere Demokratie dies zulässt. In der von den Nazis angestrebten Diktatur würde sich das, was sich die “nazis” heute erlauben, niemand mehr trauen…