Am Sonntag wird in Russland Dmitri Medwedew, der Wunschkandidat von Putin, zum Präsidenten gewählt – kaum jemand zweifelt daran. Boris Reitschuster, Leiter des Moskauer Büros des “Focus” und scharfer Kritiker des Systems Putins (“Putins Demokratur”, 2006), traut Medwedew zu, sich von Putin zu emanzipieren. Außerdem spricht er im Interview über die Rolle der Medien, über Morddrohungen gegen ihn selbst und die Angst der Russen vor der Demokratie.
RE: Was haben wir von Medwedew zu erwarten – ist er tatsächlich nur die bloße Marionette Putins oder wird er noch immer unterschätzt? Könnte es auch sein, dass Putin nur äußerlich der Chef war? (Es gibt die Theorie, dass es sich um eine Seilschaft von 5, 6 Leuten handelt, die untereinander aushandeln, wer Präsident für die Öffentlichkeit ist.)
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Reitschuster: Putin schickt Medwedew in der Tat als Prinzregent in den Kreml und hofft offensichtlich, ihn dort zu kontrollieren. Ob diese Rechnung aufgeht, ist unklar. Einiges spricht dafür, dass Medwedew sich emanzipieren kann – wie viele Kreml-Herrscher, die anfangs als Marionetten eingeschätzt werden. Die Seilschaft, von der Sie sprechen, gibt es, das Petersburger Politbüro, aber es ist nicht so, dass Putin nur äußerlich der Chef war – er war und ist der starke Mann in diesem “Politbüro”.
RE: Wie frei sind denn die Wahlen in Russland? Immerhin werden viele Russen, so äußerten viele von ihnen im Vorfeld, Medwedew aus mangelnder Alternative zu ihm wählen.
Reitschuster: Frei sind Wahlen, wenn alle Konkurrenten die gleichen Chancen haben, teilzunehmen, Wahlkampf zu betreiben, ihre Thesen unters Volk zu bringen. In diesem Sinne sind die Wahlen am Sonntag unfrei – die Opposition wurde mundtot gemacht, bis auf den handzahmen Kommunisten Sjuganow sind nur noch zwei Pseudo-Oppositionelle im Rennen. Eine typische Folge: Medwedews Geschäftstätigkeit in den 90er Jahren, als er Aktienanteile mit einem Wert im dreistelligen Millionenbereich besaß, ist tabu im Wahlkampf – ebenso wie die Frage, was aus dem Vermögen wurde, denn in Medwedews Einkommensdeklaration taucht es nicht auf. Im Westen wäre das Top-Thema im Wahlkampf – in Russland findet es nicht statt. Auch das zeigt: Der Urnengang hat weniger mit Wahl zu tun als mit einer Legitimierungs-Show für die Machthaber.
RE: Welche Rolle spielen denn die Medien im Wahlkampf? Wie kritisch darf man in Russland gegenüber Putin/Medwedew sein, wo sind die Grenzen?

Reitschuster: In den großen staatlichen Fernsehsendern ist nur Lob über Medwedew zu sehen, nach einer Untersuchung des Journalistenverbandes dreht sich in den Nachrichten 93 bis 96 Prozent der Zeit alles um Putin, seinen Thronfolger Medwedew und die Regierung. Und das Fernsehen ist entscheidend, 95 bis 97 Prozent der Russen informieren sich dort. Es gibt noch einige kleinere Medien, die frei berichten, aber ihre Reichweite liegt bei ca. vier Prozent.
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RE: Sie sind ein angesehener und unermüdlicher Kritiker des “System Putin” und haben deshalb selbst schon Bedrohungen erleben müssen. Wie frei können Sie als “Focus”-Korrespondent in Moskau arbeiten?
Reitschuster: Ich bekomme Morddrohungen, ein ranghoher Beamter meinte schon einmal, ich gehöre erschossen, und die größte Boulevard-Zeitung im Lande stellte mich in die Nähe der Spionage, ich wurde zweimal von der Miliz attackiert und einmal festgenommen, alles ohne Folgen. Andererseits schreibe ich dennoch, was ich denke, ohne innere Schere im Kopf. Auch wenn es Themen gibt, die man aus Angst um die eigene Sicherheit nicht aufgreift.
RE: Sollte Deutschland (bzw. der Westen generell) mehr tun, um die Demokratiedefizite und Menschenrechtsverletzungen deutlicher anzusprechen? Würde das etwas nützen?
Reitschuster: Sehr schädlich war es, wenn etwa Gerhard Schröder die Demokratiedefizite in Russland schönredete. Er erwies damit Putin selbst und dem Land einen Bärendienst, ist mitverantwortlich für die negative Entwicklung. Deutschland braucht eine Partnerschaft mit Russland, man muss zusammenarbeiten – aber eben auch offen zu den eigenen Werten stehen und Probleme ansprechen.
RE: In Sendungen über Russland hört man immer wieder Russen sagen, Demokratie sei gar nicht gut für das Land oder gar gefährlich. Wo rührt diese Einstellung her und was genau fürchten die Russen an der Demokratie?
Reitschuster: Die Russen haben Demokratie unter Boris Jelzin als korruptes, beinahe schon feudales, kleptokratisches System erlebt – das der Westen unterstützte. Echte Demokratie gab es nie. Dass die meisten Menschen heute Angst haben vor dem, was sie als Demokratie erlebten, und vor dem Westen, ist verständlich. Und der Kreml nutzt diese Ängste sehr geschickt aus, redet den Menschen ein, Demokratie brächte Chaos und noch mehr Korruption und Willkür.
RE: Russen empfinden westliche Kritik an ihrem gesellschaftlichen System oft als heuchlerisch und moralischen Doppelstandards folgend. Auch hört man von Russen den Vorwurf, dass Russland mit Idealvorstellungen bewertet wird, die den Zuständen im Heimatland nicht genügen könnten. Was entgegnen Sie auf solche Vorhaltungen und würden Sie die Kritik annehmen, dass ein Großteil der “Russlandexperten”, einschließlich ihre Person, in ihrer Abrechnung mit Russland die demokratischen Standard im Westen unzulässig überhöht?
Reitschuster: Keineswegs. Im Gegenteil. Ich fände es völlig unzulässig, von Russland von heute auf morgen Demokratie zu erwarten. Oder einen Rechtsstaat. Das ginge gar nicht. Aber genau hier liegt der Punkt: Die Fünfte Kolonne Putins im Westen tut beinahe so, als liebten die Menschen in Russland Willkür, Korruption, Bürokratie, Beamten-Allmacht. So eine Haltung ist fast schon rassistisch. Statt in kleinen Schritten die geschilderten Missstände in Angriff zu nehmen, kehrte Putin mit Siebenmeilenstiefeln zu den Sowjetischen Grundübeln zurück – wie Zensur, Konkurrenzlosigkeit in der Politik etc. So eine massive Negativ-Entwicklung mit dem – für sich allein richtigen – Argument zu rechtfertigen, Russland sei nicht reif für westliche Demokratie, ist eine eklatante, böswillige Verdrehung von Zusammenhängen.
RE: Herr Reitschuster, ich danke Ihnen für die Beantwortung der Fragen.
Interview: Felix Kubach
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Boris Reitschuster (36), (www.reitschuster.de), deutscher Journalist und Buchautor, ist Leiter des Moskauer Büros des “Focus”. Zur Zeit schreibt er an einem Buch über Dmitri Anatoljewitsch Medwedew, das im April 2008 erscheint (“Der neue Herr des Kreml”).
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Herr Reitschuster – sehr ungeschickt wie Sie die Wolgadeutschen als “Fünfte Kolonne” bezeichnen. Wissen Sie etwa nicht, dass die grausame Zwangsumsiedlung eben dieser Bevölkerungsgruppe auf Basis ähnlicher Gedankengänge passiert ist?
Sich in Anbetracht dessen noch als Russlandexperte zu bezeichnen, grenzt ja beinahe schon an blanken Hohn….