Gazale kam zusammen mit ihren Eltern und Geschwistern nach Deutschland. Die Familie war vor dem Bürgerkrieg im Libanon geflohen. Im Jahre 1990 erhielt sie ein Bleiberecht in Deutschland. Gazale wuchs hier auf, ging hier zur Schule. Später gründete sie zusammen mit ihrem Mann Ahmed Siala eine Familie. Diese Familie hat vier Kinder. Nach siebzehn glücklichen Jahren in Deutschland geschah das Unfaßbare: Weil Gazale, die aus dem Libanon stammt, in den 1980er Jahren zeitweise auch in der Türkei gelebt hatte, entzog ihr der Landkreis Hildesheim nach 17 (!) in Deutschland gelebten Jahren die Aufenthaltsgenehmigung.
Am 10. Februar 2005 rückte die Polizei unter großem Personaleinsatz an, um Gazale Salame von zu Hause abzuholen und dem Flugzeug zuzuführen, dass die völlig verzweifelte Frau – schwanger mit der jüngsten Tochter Schamps – in die Türkei bringen sollte. Ins Land ihrer Väter. Ein Land, dass Gazale so gut wie nicht kennt und dessen Sprache sie nicht spricht.
Das niedersächsische Innenministerium zerstörte die zarte Hoffung auf eine Rückkehr der Gazale Salame
Ahmed Siala, ihr Mann setzt alle Hebel in Bewegung, um seine Frau zurückzubekommen. Und tatsächlich: seine Bemühungen scheinen von Erfolg gekrönt zu sein: Am 21. Juni 2006 gewinnt Herr Siala das Verfahren um ein Aufenthaltsrecht der Familie vor dem Verwaltungsgericht Hannover. Schon titeln einige Zeitungen: “Gazale Salame darf wieder heim!” Jedoch zerstört das niedersächsische Innenministerium die zarte Hoffnung. Es verpflichtet die Ausländerbehörde des zuständigen Landkreises vor dem Oberverwaltungsgericht (OVG) dagegen zu klagen. Das OVG hob mit seiner Entscheidung vom 27.09.2007 das Urteil der unteren Instanz auf und erklärte damit die Verweigerung einer Aufenthaltsgenehmigung an Ahmed Siala für rechtmäßig, weil er türkische Vorfahren habe. Gegen dieses Urteil widerum legte Sialas Anwältin Silke Schäfer Revision beim Bundesverwaltungsgericht ein. Das Verfahren dauert an.
Viele Menschen empört der Umgang der Behörden mit der Familie
Viele Menschen sind empört über den Umgang mit der Familie. Diese Flüchtlingsfamilie ist nach jahrzehntelangem Aufenthalt in Deutschland bestens in die hiesige Gesellschaft integriert. Gazale und Ahmed sind in Deutschland aufgewachsen. Viele meinen, sie gehörten deshalb auch hier her, und nicht in ein ihnen fremdes Land, dessen Sprache sie nicht mächtig sind und in dem sie keine Perspektive haben. Die sich in die Länge ziehenden Gerichtsverfahren zermürben die Familie sehr. Die Trennung der sozusagen zwangstürkisierten Familie wiegt schwer. Engagierte Mitmenschen fordern deshalb Gazale die Wiedereinreise nach Deutschland zu gestatten. Die Behörden jedoch bleiben hart: Allein für die Deckung der Abschiebungskosten verlangen sie
4.363, 51 Euro von der Familie. Dazu kommen noch die Kosten für die direkte Unterstützung von Gazale Salame in der Türkei, sowie die Ausgaben für die anwaltliche Vertretung.
Gazale lebt nun in Izmir. Die Stadt ist modern, liberal und weltoffen…
Gazale Salame lebt seit ihrer Ankunft in der Türkei im westtürkischen Izmir. Die Wohnung, wo Gazale mit ihrer Jüngsten Schamps lebt, besorgte ein Bekannter. Auch der war einst aus Deutschland abgeschoben worden. Izmir ist eine moderne aufstrebende türkische Großstadt. 2015 wird dort die Expo stattfinden. Die Ägiäsmetropole Izmir, die drittgrößte Stadt der Türkei, gilt als liberal und weltoffen. Spaziert man bei herrlichem Sonnenschein unter blauen, wolkenlosen Himmel am neugestalteten Kordon am Golf von Izmir entlang, ist es wie an vielen Orten in der Welt: Modern, nach neuester Mode gekleidete Menschen kommen einen mit fröhlichen Gesichtern gutgelaunt entgegen. Die Jugend trägt wie überall die neuersten Handymodelle zur Schau. Die Mädchen tragen über ihren braungebrannten schönen Körpern rote, weiße, gelbe oder knallbunte Tops. Bauchfrei, versteht sich. Andere führen Miniröcke aus, so kurz, wie man sie kaum in Europa sieht. Fahrradstreifen der türkischen Polizei surren auf modernsten Bikes am Meer entlang…
Das Klima in Gümüspala und das Heimweh töten Gazale langsam
Nichts von alledem ist dort, wo Gazale jetzt lebt, zu sehen. Verschleierte, dunkel gekleidete Frauen gehen zum Einkaufen. Männer sitzen in der rauchgeschwängerten Luft der kleinen düsteren Tee- oder Kaffeehäuser unter sich und spielen Okay (eine Art Rommé). Man kann das Klappern der Spielsteine draußen auf der Straße hören. Jeder belauert jeden. Die soziale Kontrolle ist hier sehr groß. Niemanden entgeht etwas. In Stadtteil Gümüspala lebt man wie auf dem Dorf. Von dort – zumeist aus Ost- und Südanatolien – sind die meisten der inzwischen dort lebenden Menschen auch einst hierher in die Großstadt Izmir gekommen. Die Menschen in Gümüspala, auch die bereits in Izmir geborenen, sind in der Regel durch die Bank eher als arm zu bezeichnen. Die Binnenmigranten unter ihnen behalten ihre angestammte Lebensweise bei, um irgendwie ihre Identität – die sie mit dem Verlust ihrer alten Heimat doch längst schon verloren haben – zu bewahren. Gazale hat, um halbwegs mit dem Leben dort klarzukommen, inzwischen etwas Türkisch gelernt. Doch heimisch ist sie nicht geworden. Wie auch? Die Nachbarn beäugen die aus Deutschland gekommene Frau argwöhnisch: Warum ist sie ohne Mann? Hat er sie etwa verlassen? – Eine alleinstehende Frau – noch dazu mit Kind – und ohne Ehemann erregt in Gümüspale äußerstes Mißtrauen. Schnell ist in diesen Kreisen da einiges zusammengesponnen. Vermutungen machen die Runde. Mein bekommt einen ganz bestimmten Ruf verpasst. Und die Gerüchte nehmen ihren Lauf. Auch über Gümüspala scheint die Sonne und der Himmel ist wolkenlos und blau. Doch die Menschen dort haben dafür keinen Blick. Sie haben andere Sorgen. Gazale Salame droht in dieser Atmosphäre und ohne den Rest der Familie in Deutschland allmählich seelisch kaputt zu gehen. Sie muss bereits Antidepressiva schlucken, um nicht völlig verrückt zu werden. Manchmal hat sie keine Tränen mehr zum Weinen. Ahmed Siala zu Hause in Deutschland möchte oft den Hörer aus der Hand legen, wenn er mit seiner Frau in Izmir telefoniert: ihre Schreie, ihr Schluchzen – er erträgt es einfach nicht. Derweil finden sich vor Gazales Haustüre ab und zu Zettel mit anzüglichen Texten. Einmal hat (wie “Die Zeit” berichtete) jemand ein rotes Plüsch-Herz vor ihrer Tür abgelegt. Darauf stand: Seni cok özledim (Ich vermisse dich sehr). Gazale hat es angeekelt in den Müll geworfen. Inzwischen denkt sie öfters an Selbstmord. Und ihr Mann, Ahmed Siala, in Deutschland kann vor Kummer kaum noch schlafen…
Campact ruft dazu auf, Protestmails an den niedersächsischen Ministerpräsident Wulff zu schicken

Die Initiative Campact hat dieser Tage dazu aufgerufen, Protestmails an den frischgewählten Ministerpräsidenten des Landes Niedersachsen, Christian Wulff (CDU) – verbunden mit der Bitte, sich für die Wiedereinreise der Gazale Salam einzusetzen – zu schicken.
Pingback: Readers Edition » BEST OF READERS EDITION – eine Wochenbilanz