Wer ein News-Abonnement zu den einzelnen Staaten Zentralasiens einrichtet, wird erstaunt sein. Jede zweite Meldung zu Problemen in der Region wird von der Energiefrage dominiert. Da liest man über turkmenisches Gas, usbekische Städte, die “Gasly” heißen, über die im Winter versiegende Wasserkraft in Tadschikstan, über nachbarschaftliche Streitigkeiten und Ressourcennationalismus.
Obwohl der Raum gefüllt ist mit Widersprüchen, wundern sich die Leute vor Ort darüber schon lange nicht mehr.
Lässt man sich die Erhöhung der usbekischen Gasexporte nach Russland bei gleichzeitiger Unterversorgung der Bevölkerung auf der Zunge zergehen, sind Assoziationen von asiatischer Despotie (Marx), die durch den neuerlichen Kapitalismus in der Region nach Oben gespült werden, nicht weit. Die Hoffnung aufgebend, dass überhaupt geheizt wird, haben die Einwohner der Neubaurayons von Khodjand in Tadschikstan beispielsweise ihre Heizkörper seit Jahren schon gewinnbringend verschrottet. Wenn der November anbricht, steht mit ihm auch die Gewissheit vor der Tür, dass es die nächsten Monate extrem kalt wird. Verschärfend kommt dieses Jahr hinzu, dass der Winter über das Maß der erträglichen Kälte hinausging. Solch aride Winter kannte man bisher nur im Norden des an Sibirien grenzenden Kasachstan oder in den Hochtälern des Pamir.

Nun gibt es eine Stadt, Angren, am Fuße der Berge, die das Ferghanatal umschließen, die bessere Zeiten gesehen hat. Zu Sowjetzeiten waren hier Steinkohletagebaus, die erlaubten ohne großen Aufwand die Steinkohle abzubauen. Die Stadt wuchs an, immer mehr Arbeiter wurden im Steinkohlebergbau und dessen angrenzende Bereiche beschäftigt. Neue Wohnviertel wuchsen Ring um Ring um das ausgehobene Kohleloch.

Heute stehen knapp 80 Prozent dieser Wohnblöcke lehr.
Tausende Fachkräfte verliessen die Region, tausende Arbeiter wanderten in das 80 Kilometer entfernt gelegene Taschkent ab. Während dort die Wohnungspreise in den letzten Jahren sich verdreifacht haben, sind die Neubauwohungen in Angren kaum mehr in grüne Dollarscheine veredelbar. Sie stehen leer.
Zu Sowjetzeiten, als Angren noch voller Leben war, lebte auch noch die Qualitätskontrolle. Diese teilte die abbaubare Kohle in gut und schlecht ein. Schlechte Kohle kaum auf eine Halde, die daraufhin mit Erde zugedeckt wurde, der Veredelungsprozess auf spätere Zeiten gestundet. Nun brachte die ökonomische Situation der Leute aus Angren mit sich, dass sie diese Halden wieder freilegen. Mit Schubkarren und Säcken pilgern sie zum Kohleabfall und verpacken ihn in Zentnerportionen, stellen sich mit ihm an die Transitstrecke Taschkent – Ferghanatal und warten. Zwei bis fünf Dollar kostet eine solche Portion, durchaus erschwinglich. Die viel befahrene Strecke, zwischen der Hauptstadt Usbekistans und dem bevölkerungsreichsten Tal der Region bietet dabei ein guten Verdienst. Viele Autos halten und packen sich die Kohlesäcke zusätzlich in den Kofferraum.
Zu Hause angekommen kehren sie in ihren Neubauwohnungen und alten Wohnhäusern zu einer orientalischen Heizungsart zurück, die zu Sowjetzeiten aus nostalgischen Gründen überlebte, dem Sandali.

Sandali ein Heizsystem, dessen Herzstück ein aus Eisen geschmiedetes Becken ist, in das glühende Kohle geschüttet wird (mangal). Dieses stellt man unter einen Tisch, der auch nur 40 cm hoch ist. Auf den Tisch wird eine schwere Decke gelegt, die das Entweichen der Gluthitze verzögern soll. Braucht man nun ein wenig Wärme, setzt man sich an den Tisch, legt seine Beine darunter und deckt die Hüfte mit der Decke ab. So wird der Unterkörper gewärmt, während der Rest in der Kälte bleibt und gleichzeitig die Finger an warmen schwarzen bzw. grünen Tee wärmen kann.
Die Kohle aus den Schutthalden Angrens löst dabei ein, was sowjetische Qualitätssicherung versprach.
Sie brennt kaum, verglüht äußerst schadstoffreich und geht häufig überhaupt gar nicht erst an. Die Auseinandersetzung mit der Kohle führt zwar zu ständigem Verdruss, doch die Sehnsucht nach ein bisschen Wärme lässt auch die Kohleverkäufer in Angren, ein kleines Dazubrot verdienen. Es sind eben schlechte Zeiten.
Neubauwohnung und Sandali. War es Mark Bloch, der von der “Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen” redete? Solcherlei kann man heute in Zentralasien in situ beobachten. Nur bleibt die Frage, wie lange solch ein gemütlicher Verbleib am Glutbecken die Gemüter beruhigt. Sicher jedoch bis zum nächsten Winter.
Ein Beitrag von Aziz Yarmatov und Olim devona
Dieser Beitrag erschien zuerst auf tethys.caoss.org. Die Veröffentlichung auf der Readers Edition erfolgte mit freundlicher Genehmigung von tethys.caoss.org.
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