Papa, böse Kinder kommen in böse Kliniken (XX)

“Hallo, ich war mit elf meiner Geschwister von 1960 bis 1976 im Kinderheim Schloss Dilborn. Ich habe viel zu erzählen und endlich den Mut, darüber zu sprechen.” Email für Email hat sich Fred S. aus Essen an die Geschichte seiner Kindheit herangetastet, jetzt schrieb er seine Erlebnisse unter Tränen nieder.

jesso57.jpg“Hallo, ich war mit elf meiner Geschwister von 1960 bis 1976 im Kinderheim Schloss Dilborn. Ich habe viel zu erzählen und endlich den Mut, darüber zu sprechen.” Email für Email hat sich Fred S. aus Essen an die Geschichte seiner Kindheit herangetastet, jetzt schrieb er seine Erlebnisse unter Tränen nieder.

Geleitet wurde das Heim seinerzeit von den Dernbacher Schwestern. Dabei handelt es sich um eine katholische Ordensgemeinschaft, die 1851 von Maria Katharina Kasper im Westerwald gegründet worden ist. Diese Gemeinschaft kümmert sich um Krankenpflege, Kinderfürsorge, Erziehung und Bildung.

Für diesen Orden ist 2006 die Staatsanwaltschaft Aachen in die Bresche gesprungen. Sie klagte ehemalige Heimkinder wegen Betruges an. Es stimme nicht, dass es in dem ebenfalls von den Dernbacher Schwestern geleiteten Eschweiler Kinderheim Sankt Josef in den Jahren 1956 bis 1971 zu “schweren oder systematischen Misshandlungen” gekommen sei. Deshalb hätten sich diese Heimkinder auch nicht an das Versorgungsamt in Aachen wenden dürfen, um das Opferentschädigungsgesetz für sich in Anspruch zu nehmen.

Klage abgewiesen

Das Aachener Landgericht unterzog die Schilderungen der ehemaligen Heimkinder einer intensiven Prüfung und kam zwar zu dem Ergebnis, dass vieles nicht mehr bewiesen werden könne und von einer “systematischen Misshandlung” wohl nicht gesprochen werden könne, aber es sei nicht alles unwahr. Deshalb scheiterte die Aachener Staatsanwaltschaft, die Drohung mit einem Betrugsprozess ist vom Tisch. Das feiern die ehemaligen Heimkinder als Erfolg und wollen weiter um ihr Recht kämpfen.

Dazu müssten die Dernbacher Schwestern ihre defensive Haltung aufgeben und endlich eingestehen, dass in ihren Heimen auch Schlimmes passiert ist. Damit wäre auch Fred S. aus Essen geholfen, der sich so lange in Schweigen gehüllt hat.

32 Jahre geschwiegen

Der heute 50-Jährige kam als Dreijähriger ins Schloss Dilborn, seine Geschwister waren schon dort. Sein Leidensweg hat im Kindergarten begonnen. Fred S. schreibt: “Wenn wir dort etwas Verbotenes gemacht haben, wurden wir stundenlang in die Besenkammer gesperrt. Diese Kammer war nicht größer als 80 mal 80 Zentimeter und stockdunkel. Unter der Angst, die ich dort ausgestanden habe, leide ich heute noch.”

Doch im Strafenkatalog habe noch mehr gestanden: Untertauchen beim Baden, bis die Luft knapp wurde, Schläge mit einem Handfeger aus Holz oder mit einem Rohrstock auf die Fingerspitzen, auf den Knien Böden schrubben.

Schlimm sei auch die Schulzeit gewesen. Dafür hätten sich die Nonnen einen Lehrer ausgesucht, an den er sich mit Grauen erinnere: “Wenn wir eine falsche Antwort gaben oder unsere Hausaufgaben nicht korrekt waren, mussten wir uns mit nacktem Hintern auf das Pult legen. Dann schlug er uns mit dem Rohrstock und das vor der ganzen Klasse.” Nach dem Unterricht habe es weitere Schläge gegeben, dieses Mal von einigen Nonnen: “Manchmal wurde uns auch ein Schlüsselbund auf den Kopf gehauen.”

Stundenlange Gebete

Tag für Tag mussten die Kinder hart arbeiten, berichtet Fred S., und zu Ostern sei er “durch die Hölle” gegangen. Die habe so ausgesehen: Auf Knien den Kreuzweg im Schlosspark zurücklegen und mit blutenden Knien stundenlang in der Kirche beten.

Was er erzähle, sei die Wahrheit, versichert der 50-Jährige, und noch immer habe er Angst, diese Wahrheit zu verbreiten, zu der ebenfalls gehöre: Ein angehender Priester war dabei, wenn die Jungen einmal in der Woche unter der Dusche standen, die Unterhose durften die Kinder nicht ausziehen, das erledigte jener Kirchenmann, wenn er jemandem den nackten Hintern versohlen wollte. Nachts wollte er noch mehr, dazu holte er sich Schutzbefohlene auf sein Zimmer.

Das haben die Nonnen gewusst, fügt Fred S. hinzu und beendet seinen Bericht mit den Worten: “Das schreibt euch ein Mensch, der mit seinen Geschwistern gelitten hat und heute noch leidet. Unter Tränen habe ich diesen Brief geschrieben.”

Anmerkung: Als ich meine Artikelserie über Jessica Müller, die seit vier Jahren in diesem Schloss Dilborn lebt, gestartet habe, ahnte ich nicht, wie viele Emails und Anrufe ich bekommen würde. Es meldeten sich Eltern und ehemalige Heimkinder, Berater und Politiker. Nun gesellen sich Journalisten dazu.

Erfreulich ist, dass diese Serie vielen Menschen Mut gemacht hat, Mut, den auch endlich die Einrichtungen bekommen sollten, in denen Schlimmes vorgefallen sein soll oder immer noch Seltsames geschieht.

In kleinen Dingen wird doch schon bewiesen, dass es auch anders geht: Wenn Frank Müller seine Tochter Jessica im Schloss Dilborn angerufen hat, war bislang immer eine Mithörerin oder ein Mithörer dabei. Am Samstag nicht. Jessica und ihr Vater konnten also frei sprechen. Das ist ein erstes gutes Zeichen. Es müssen noch viele her – für Kinder wie Jessica und für inzwischen Erwachsene wie Fred S.

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Kommentare

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  1. wie kann es sein,dass WIR …direkt betroffen oder nicht,diese menschenverachtende behandlung von kindern und jugendlichen zulassen…????
    und es ist sch….egal ob es (was ich nicht glaube)einzelfälle sind….
    es wird geschwiegen und vertuscht….ach gab es so was nicht schon einmal im “namen des volkes”….????
    egal ob im osten oder westen…wollt IHR euch alle schuldig machen “ich habe nichts gewusst”!!!!
    regen WIR uns nicht alle darüber auf,dass unsere eltern,grosseltern oder urgrosseltern “nichts gewusst haben”……
    was ist das hier eigentlich für ein land,für eine gesellschaft in der Kinder seit jahrzehnten gequält und gedemütigt werden….”im namen des volkes” also in unser aller namen….
    und es ist sch….egal ob die eltern eine schuld haben oder nicht…..aber ums kindeswohl geht es hier schon lange nicht mehr…sondern nur um wirtschaftliche aspekte….
    ach ja 28000 kinder auf dauer untergebracht….tagessatz zwischen 100 und 200 euro….also gut 1-2MILLARDE angebliche kosten…und erst mal die ganzen arbeitsplätze die geschaffen werden….
    es ist EKELHAFT…..und dann kommt die sammelbüchse für afrika oder den ostblock…für die armen kinderchen(wobei ich es nicht verkenne ,dass es den kindern dort schlecht geht)…und was ist im eigenen land???….WEGSEHEN…LEUGNEN….MAßREGELN…und….