Zwölf Jahre Schule reichen. Ein Plädoyer für neues Lernen.

Mit Ausnahme von Rheinland-Pfalz wird in allen Bundesländern die achtjährige Oberschule eingeführt. Allgemein wird kritisiert, dass diese Änderung nicht ausreichend vorbereitet wurde. Wie hätte das auch geschehen können, nachdem die Kultusministerkonferenz (KMK) ihre Vereinbarung aufrecht erhielt, dass in den Schulen, die in nur acht Jahren zum Abitur führen, der sonst

tafeli.jpgMit Ausnahme von Rheinland-Pfalz wird in allen Bundesländern die achtjährige Oberschule eingeführt. Allgemein wird kritisiert, dass diese Änderung nicht ausreichend vorbereitet wurde. Wie hätte das auch geschehen können, nachdem die Kultusministerkonferenz (KMK) ihre Vereinbarung aufrecht erhielt, dass in den Schulen, die in nur acht Jahren zum Abitur führen, der sonst in neun Jahren vermittelte Schulstoff ungeschmälert gelehrt werden muss.

Jetzt geht es aber endgültig den alten Lehrplänen an den Kragen.

Immer wieder haben konservative Lehrer gemeint, dass das Bildungsniveau nicht aufrecht erhalten werden könne, wenn die Lehrpläne verschlankt würden. Aber bedeutet es wirklich einen Bildungsverlust, wenn der Lernstoff wie inzwischen in NRW wie folgt entrümpelt wird (auf die wesentlichen Punkte reduziert dargestellt)?

1. Bereits seit dem 1.8.2007 beseitigte oder abgespeckte Inhalte in den Kernlehrplänen.

Deutsch: produktionsorientiertes Schreiben, weniger große Komplexität und nicht so extremes Anspruchsniveau

Mathematik: keine zeichnerische Umsetzung der geometrischen Spiegelung und Verschiebungen, vertiefte Beurteilung statistischer Aussagen durch zweistufige Zufallsexperimente, vertiefte Beherrschung von exponetinellen und Sinusfunktionen, Umgang mit Logarithmen und keine Begründung der Zahlbereichserweiterung

Englisch: Verringerung der Arbeitsmengen beim Hörverstehen und beim Schreiben, weniger Beschäftigung mit den vielen landestypischen
Besonderheiten

Erdkunde: weniger Wirtschafts- und Sozio-kulturelle Geographie

Geschichte: Wegfall der ausführlichen “Einführung in die Geschichte”,
Reduzierung des Themas “griechische Antike,” Wegfall der Themen
“Arbeitsalltag in unterschiedlichen Epochen” und “Europa als Traditionsraum,” Darlegung der “Industriellen Revolution” über nur noch ein regionales Beispiel, bei “Weimarer Republik” Beschränkung auf ihren Untergang, Wegfall des Sonderthemas “Friedenssicherung.”

Politik/Wirtschaft: Straffung unter stärkerer Betonung der Wirtschaft

2. Kernlehrpläne, die sich zur Zeit im Umbau befinden

Latein: Beschränkung auf die Arbeit an mittelschweren Texten und
Reduzierung des kulturellen und interkulturellen Orientierungswissens

Physik: Wegfall aller bisherigen fakultativen Bereiche, Kürzungen bei
Strahlenoptik (z.B. Linsengleichungen) und Hydromechanik.

Chemie: geringere Stoffmenge bei Luft- und Wasserverschmutzung, Abschaffung der experimentellen Herleitung von Formeln.

Biologie: deutliche Reduzierungen bei Bau und Funktion von Samenpflanzen, Verringerung der Zahl morphologischer Betrachtungen zu Bau, Lebensweise und Verwandtschaft ausgewählter Säugetiere, Verringerung der Darlegung ökologischer Aspekte bei Säugetieren und knappere Darlegung der Grundlagen ökologischer Beziehungen in Lebensgemeinschaften

3. Lehrpläne, deren Straffung noch aussteht:

Französisch, Kunst, Musik, Sport, Religion

Siehe: schulministerium.nrw.de

Die Summe des vorhandenen Wissens in allen Wissensgebieten wächst von Jahr zu Jahr so immens an, dass es in den meisten Fächern keinen Sinn mehr macht, den Schülern einen Leistungsstand zu vermitteln, der ihnen den direkten Anschluss an die Wisensvermittlung an den Hochschulen erlaubt. Seit eh und je wurde an unseren Schulen ein Wust von Wissen gepaukt, den die Schüler nur gerade bis zur nächsten Klassenarbeit oder bis zur Abschlussprüfung behalten konnten. Wenn dieser Leerlauf aufhört, bedeutet das keine Senkung des Bildungsniveaus. Bildung ist nicht das, was in den Lehrplänen steht, sondern das, was auf Dauer in den Köpfen der Schüler verbleibt. Dabei verhält es sich wie in der Ernährungswissenschaft: es kommt nicht darauf an, was auf den Teller kommt, sondern was der Mensch davon verwertet.

Sehr schön hat es in einem Interview mit der NRZ vom 1.3.2008 der Schulleiter Siefried Reimers aus Neukirchen-Vluyn gesagt: “Wichtig ist, dass die Schüler in die Tiefe gehen und vernetzt denken lernen, sie müssen Dinge in Zusammenhang setzen können.”

Jahrzehntelang, wenn nicht noch viel länger kamen solche Erkenntnisse nur von Schülerseite. Wir haben doch alle nicht wirklich geglaubt, dass wir für das Leben paukten (“non scholae, sed vitae discimus”). Wozu muss ein Englischlehrer, ein Arzt, Handwerker oder Rechtsanwalt auch die Vektorrechnung beherrschen oder die Berechnung einer Wurzel? Müssen wir wirklich alle Walther von der Vogelweide in Mittelhochdeutsch rezitieren können? Was wir aber alle lernen müssen, ist, Fragestellungen zu erarbeiten, Material aus allen erdenklichen Quellen zusammen zu tragen und die Erkenntnisse in einen passenden Sachzusammenhang zu setzen.

Das Fachwissen, das traditionell beim Abitur vorausgesetzt wurde, war in vielen Teilen schon immer umfangreicher als es im Leben je gebraucht wurde.

Sein Hauptzweck schien gerade der zu sein, dass sich die Schulabgänger an den Stichworten, die ihnen nach dem Verlust des kompletten gelernten Wissens noch geblieben waren, wechselseitig als ehemalige Pennäler erkennen konnten. Auf der anderen Seite haben die so beschulten und gequälten Seelen von vielen Dingen, die dann wirklich im Leben gebraucht wurden, nichts mitbekommen. Keine Ahnung vom klugen sozialen Umgang miteinander, von der wichtigen richtigen Ernährung, vom Haushalten, von der Buchführung und mehr.

Der Schulleiter Reimers sprach zu Recht auch von der Tiefe des Lernens. Der meint nicht die blinde Aufhäufung allen verfügbaren Wissens, sondern die Fähigkeit und Bereitschaft, kompromisslos und ohne Scheuklappen in jede Materie einzudringen. Abfragen von Wissen haben wir lang genug erlebt. Wir müssen auch in der Pädagogik die der Neurologie, der Neurobiologie und der Endikrinologie heute bekannten Möglichkeiten des menschlichen Geistes beachten. Wenn wir uns damit nicht befassen und nicht wissen, wie bei Vorliegen günstiger Bedingungen Lerninhalte in unserem Zwischenhirn gespeichert und in der nächsten Schlafperiode selbsttätig ins Großhirn verlagert werden und wie beim Versuch des Lernens unter Druck alle Fakten tief in der Mygdala vergraben werden, von wo her wir sie nicht abrufen können, vertun wir wertvolle Zeit mit blinder Paukerei.

Es gibt noch sehr viel mehr an solchem heute gesichertem Wissen, das unbedingt in den Schulalltag Einzug halten muss. Jeder Mensch sollte wissen, wie sein zentralnervöses System funktioniert, wie er damit denkt, fühlt und handelt. Dazu gehört die Erkenntnis, dass das menschliche Gehirn aus einer großen Zahl räumlich getrennter, regionaler Netzwerke besteht, in denen zugleich seriell und parallel alle zentralnervösen Informationen gespeichert werden. Diese Netzwerke sind so miteinander verschaltet, dass sie sich wechselseitig beeinflussen. Darüber hinaus unterhält unser Hirn höchst komplexe Transmittersysteme wie, z.B., das serotonerge System, die mit weitreichenden Projektionen all diese Tätigkeit der lokalen Netzwerke harmonisieren und globalisieren.
Vgl. hierzu: Prof. Dr.Gerald Huether, Neurobiologische Effekte und psychische Auswirkungen des Fastens

Es gilt, für den Lernalltag die besten Voraussetzungen für den guten Ablauf dieser zerebralen Gesetzmäßigkeiten zu schaffen. Ein Lernen in einem angnehmem Umfeld, ohne Druck und Überforderung, öffnet den menschlichen Geist für Leistungen, die weit jenseits von allem Pauken und Wissensabfragen liegen.

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